Bundesvision Song Contest Grand Prix ohne Größe

Am Ende gewannen planmäßig die Dancehall-Stars Seeed aus Berlin: Stefan Raabs zweiter "Bundesvision Song Contest" schnurrte in organisatorisch-logistischer Hinsicht ab wie am Schnürchen. Doch dem Grand-Prix-Konkurrenzwettbewerb fehlt die Seele.


Zugegeben: Wer die gut dreieinhalbstündige, live aus der ausverkauften Mittelhessen-Arena in Wetzlar übertragene Veranstaltung ohne Kenntnis des Kontexts verfolgte, konnte glauben, es handle sich um eine langjährige Tradition. Durchaus mit bekannten Namen durchsetzt war das Teilnehmerfeld: Neben den mit dem Song "Ding" siegreichen Seeed aus der Hauptstadt traten unter anderem die HipHop-Formation Massive Töne für Baden-Württemberg, die letztlich zweitplatzierten Revolverheld für Bremen und Tiptop (mit dem Sänger der Sportfreunde Stiller) für München sowie TempEau (mit dem Schauspieler Marek Harloff und zwei Selig-Musikern) für Schleswig-Holstein an. Von den hysterischen Fanblocks in der Halle bis hin zu den mithilfe diverser lokaler Radiosender realisierten Schalten in die jeweiligen Bundesländer mühte sich der "Bundesvision Song Contest" nach Kräften um die Aura eines nationalen Ereignisses.

Dabei wurde Raabs Sangeswettstreit, den gestern Abend auf ProSieben 2,48 Millionen Zuschauer sehen wollten, erst zum zweiten Mal ausgetragen – weil die Vorjahresgewinner Juli, die ihren Titel "Geile Zeit" gestern als Gäste vortrugen, für Hessen gewonnen hatten, kam die Show von dort. Aber natürlich sollte hier auch etwas demonstriert werden. Adressat der Botschaft: die Macher des schon im Namen attackierten Eurovision Song Contests der ARD, vormals Grand Prix Eurovision de la Chanson genannt.

Dass sich Raab an der öffentlich-rechtlichen Institution abarbeitet, ist bekannt: Schließlich hat der einst als Viva-Moderator gestartete ProSieben-Entertainer selbst mit "Wadde hadde dudde da" sowie mit seinen Protegés Guildo Horn und Matz Mutzke mehrfach versucht, den Wettbewerb von innen heraus aufzumischen. Für die Kür Mutzkes im Rahmen der Castingshow "Stefan sucht den Grand-Prix-Superstar" (SSDGPS) vor zwei Jahren hatte Raab gar den Grimme-Preis gewonnen; als Mutzke in Istanbul nur Achter wurde, soll die Idee eines eigenständigen Konkurrenzwettbewerbs entstanden sein.

War die Premiere des "Bundesvision Song Contests" vor einem Jahr mit über drei Millionen Zuschauern noch etwas erfolgreicher, so blieb auch gestern unbestreitbar, dass Musik in Verbindung mit Wettbewerb zu den Kernkompetenzen des 39-jährigen Allround-Unterhalter Raab ("Wok-WM", "Das große Turmspringen") gehört: Allein schon der logistische Aufwand flößte dem Betrachter einen gewissen Respekt ein, und in Hannover beschirmte gar Ministerpräsident Christian Wulff die Stimmabgabe. Manchmal wirkte Raab, der die Moderation über weite Strecken seiner Partnerin Janin Reinhardt überließ, selbst erstaunt über das von ihm entfesselte Gebaren.

Gleichwohl konnte der Eindruck nicht überdeckt werden, dass auch viel musikalische Ausschussware dabei war. Und die Einspielfilme, mit denen die Bundesländer nebst Interpreten vorgestellt wurden, wirkten bei allem Willen zur Selbstironie (alle Trailer wurden mit dem Spruch "Kommen wir nun zum wahrscheinlich schönsten Bundesland" eingeleitet) doch manchmal ein wenig volkshochschulartig. Ganz zu schweigen von den überflüssigen Schalten in den "Green Room", wo sich der unsägliche Elton vergeblich mühte, Stimmung unter den Künstlern einzufangen, beziehungsweise zu entfachen. Je länger der natürlich x-fach von Werbung (etwa für die CD zur Sendung) unterbrochene Marathon dauerte, desto klarer wurde, dass sich zwar Hysterie inszenieren lässt (zuweilen glaubte man die vorher tätigen Einheizer vor sich zu sehen), aber eben keine echte Emotion und Bedeutung.

So lobenswert die Tatsache ist, dass Raab dem musikalischen Nachwuchs ein Forum bietet, und so sehr der gestern schwer geförderte und ausgelebte Lokalpatriotismus (mit Ausnahme Nordrhein-Westfalens vergaben alle Bundesländer die Höchstpunktzahl an sich selbst) in die Zeit und vielleicht auch in ein Europa der Regionen passen mag – dem Ganzen fehlt letztlich Seele und Größe. Mal abgesehen davon, dass die trotzige "Wir sind uns selbst genug"-Haltung der "Bundesvision" doch etwas piefig daherkommt.

Beim für den Eurovisions-Vorentscheid verantwortlichen NDR allerdings ist die Lage unterdessen prekär: Nach dem letztjährigen Desaster mit Gracia, die zunächst durch Manipulationen ihres Managers und dann durch einen letzten Platz für Negativ-Schlagzeilen sorgte, wurde die in diesem Jahr am 9. März stattfindende Show modifiziert. Die Teilnehmerzahl wurde auf drei reduziert, und was für welche: Vicky Leandros, Thomas Anders und Texas Lightning, die Combo des "Dittsche"-Darstellers Olli Dittrich. Eine Bankrotterklärung, die Raab, der mit seiner "Bundesvision" nach eigenen Angaben „eine jahrzehntelange Tradition" begründen will, im Vorfeld der gestrigen Show genüsslich und zu Recht befeixen konnte.

Dabei war man vor zwei Jahren, als man die frisch-freche Viva-Göre Sarah Kuttner zur Moderation des nationalen Vorentscheids hinzubat, doch schon ganz schön weit gekommen im Ersten. Irgendwie wünschte man sich hier mal eine senderübergreifende konzertierte Aktion.

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