Bundesvision Song Contest So läuft's besser, NDR!

Mia? Jan Delay? Weit gefehlt: Die Braunschweiger Gothic-Combo Oomph! gewann den dritten Bundesvision Song Contest. Doch auch Gastgeber Stefan Raab gehört zu den Siegern des Abends. Er untermauerte seinen Ruf als Förderer des deutschen Liedguts.


Berlin - Wahrscheinlich muss man sich erst den Zustand des offiziellen deutschen Vorentscheids zum Eurovision Song Contest ins Gedächtnis rufen, um die wahre Bedeutung des Raabschen Gesangswettstreits zu ermessen: Wenn am 8. März die ARD die Kür des deutschen Teilnehmers aus dem Hamburger Schauspielhaus überträgt, werden dort der Altrocker Heinz-Rudolf Kunze, das ProSieben-"Popstar"-Trio Monrose und der Swing-Handwerker Roger Cicero um das nationale Ticket nach Helsinki kämpfen - nachdem sich im Vorjahr Texas Lightning gegen Vicky Leandros und Thomas Anders durchgesetzt hatten. Eine verzweifelt-krude Kandidatenmischung, die sich - wenn überhaupt - nur den Ausrichtern vom NDR erschließt.

Bei Stefan Raabs nunmehr drittem Bundesvision Song Contest, bei dem sich Bands aus den 16 Bundesländern dem Zuschauervotum stellen, tummeln sich derweil Gruppen wie die 2005er-Sieger Juli, die Vorjahresgewinner Seeed, die den diesjährigen Wettbewerb nach Berlin holten, oder eben Mia und Jan Delay.

Nur die endlose Erläuterung der Wahlmodalitäten nervte

Dass diesmal nicht die die gesetzten Größen, sondern die Braunschweiger Gothic-Combo Oomph! und ihre Gastsängerin Marta Jandová mit einer polarisierenden Heavy-Nummer gewannen ("Träumst du?"), tut diesem Relevanz-Unterschied keinen Abbruch - genausowenig wie der Umstand, dass keineswegs nur erstklassiges Songmaterial dargeboten wurde und sich das Ganze mit vier Stunden Dauer doch recht lange hinzog. War der letzte Liedbeitrag bereits um 22.30 Uhr absolviert, so gingen mit der enervierend ausführlichen Erklärung der Wahl-Modalitäten und viel Werbung noch fast eindreiviertel Stunden ins Land, ehe die Zuschauerfavoriten noch einmal ihren Siegertitel aufführen konnten.

Unter vier Stunden macht es Raab wohl einfach nicht mehr - erst kürzlich hatte der Entertainer bei seiner Grimme-nominierten Spielshow "Schlag den Raab" bis 0.45 Uhr überzogen und damit gar für den Ausfall eines kompletten Spielfilms gesorgt. Der 40-jährige Moderator ist sich seiner Rolle als ProSieben-Unterhaltungs-Pate längst so sicher und spielt sie so souverän aus, dass inzwischen schon profilierungsheischende Lokalradioreporter ihre Landeswertungen unkommentiert von "Raab ist doof"-Schildern ablesen dürfen. Den gleich zweimaligen Faux-pas, dass seine gewagt gewandete Co-Moderatorin Johanna Klum als Gülcan gegrüßt wurde, hätte Raab allerdings mal korrigieren können - aber was soll's, der in den Länderschalten gewohnt hysterisch zelebrierte Lokalpatriotismus und Dilettantismus gehört inzwischen wohl genauso zur den folkloristischen Bestandteilen der Show wie die sinnfreien Auftritte des unvermeidlichen Elton aus dem "Green Room" der Künstler.

Dabei kam bei den Votings durchaus Spannung auf: Im Verlauf der Stimmabgaben lagen der favorisierte Hamburger HipHopper Jan Delay und die letztlich siegreichen Niedersachsen bis zur letzten Runde Kopf an Kopf; da mit Brandenburg und Rheinland-Pfalz nur zwei Bundesländer nicht dem eigenen Kandidaten die Höchstpunktzahl zusprachen, kam es auf durchgängig hohe Platzierungen an, was das Rennen lange offen hielt.

Heimliche Sieger: Seeed

In musikalischer Hinsicht wurde allenthalben Aufwand getrieben - wobei Bühnenshow und Gehalt der Songs nicht immer korrespondierten. Die Vorjahreschampions Seeed jedenfalls hätten mit ihrem quasi als Bonustrack vorgetragenen, furios türkisch veredelten "Ding"-Remix wohl nicht nur nach Meinung des Publikums im Tempodrom problemlos noch einmal gewinnen dürfen. Aus dem aktuellen Teilnehmerfeld ragten neben dem Zweitplatzierten Delay ("Feuer") und Lokalmatadorin Mia (Vierte mit "Zirkus") noch der nach dreijähriger Schaffenspause comeback-willige Ex-Echt-Sänger Kim Frank mit seiner melodramatischen Streicher-Ballade "Lara" (Platz drei) sowie der von Raab als "deutscher Jack Johnson" vorgestellte Gitarrero Pohlmann aus Nordrhein-Westfalen (Platz fünf mit "Mädchen und Rabauken") hervor - letztlich aber waren sie gegen die mit plakativem Sex aufgeladene Performance der Gothic-Rocker Oomph! genauso chancelos wie der drollige Hessen-Rapper D-Flame mit seinem Dialekt-Gospel über allein erziehende Mütter ("Mom Song") oder der Rheinland-Pfälzer Reggae-Artist Kalle mit "Aber nice".

Kleine Peinlichkeiten und größere Qualitätsunterschiede fechten Raab indes nicht mehr an - unvorstellbar lange her scheinen die Zeiten, da er selbst sich beim Grand Prix mit der Blödelnummer "Wadde hadde dudde da" zum Affen machte. Das überlässt er heute sendereigenen Casting-Bands wie Monrose. Die Rolle als Ausrichter und väterlicher Vielseitigkeits-Förderer der deutschen Musik-Branche gefällt ihm sichtlich besser. Die Zeit ist dabei auf seiner Seite: Mit jedem Jahr, in dem sein Bundesvision Song Contest ausgetragen wird, etabliert er sich stärker als Gegen-Grand-Prix und Raabs eigene Song-Bundesliga. Irgendwann wird er großmütig auf gute und weniger starke Jahrgänge zurückblicken - 2008 erst mal aus Niedersachsen.

Bundesvision Song Contest 2007 - die komplette Rangliste

Pl. Land, Band, Titel Pkt. Pl. Land, Band, Titel Pkt.
1
 
Niedersachsen
Oomph!: Träumst du?
147
 
9
 
Bayern
Anajo: Wenn du nur wüsstest
33
 
2
 
Hamburg
Jan Delay: Feuer
138
 
10
 
Baden-Württemberg
Tele: Mario
23
 
3
 
 
Schleswig-Holstein
Kim Frank: Lara
 
101
 
 
11
 
 
Bremen
Lea Finn:
Ich weiß und du weißt
20
 
 
4
 
Berlin
Mia: Zirkus
96
 
12
 
Saarland
B-Stinged Butterfly: Liebe
17
 
5
 
 
Nordrhein-Westfalen
Pohlmann: Mäd-
chen und Rabauken
95
 
 
13
 
 
Mecklenburg-Vorpommern
Melotron: Das Herz
 
13
 
 
6
 
Thüringen
Northern Lite: Enemy
88
 
13
 
Sachsen
Manja: Es ist die Liebe
13
 
7
 
 
Hessen
D-Flame: Mom Song
 
67
 
 
15
 
 
Brandenburg
Beatplanet:
Dreh dich um und geh
11
 
 
8
 
 
Sachsen-Anhalt
Jenna+Ron:
Jung und willig
56
 
 
16
 
 
Rheinland-Pfalz
Kalle: Aber nice
 
10
 
 



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