Bushido bei "3nach9" Ein böser Bube, aber doch ganz nett

In der Radio-Bremen-Talkshow "3nach9" versuchten Moderatoren und Gäste zu prüfen, ob der Rapper Bushido denn nun ein Gangster oder doch ein guter Junge ist. Die Leitfrage verloren sie schnell aus den Augen. Am Ende verwandelte sich die Runde in eine Selbsthilfegruppe und geriet fast auf einen Esoterik-Trip.

Von Johannes Gernert


Er ist der Top-Act des Abends, ganz groß angekündigt schon auf der Sendungs-Homepage: Bushido, der erfolgreichste Rapper Deutschlands. Aber auch, Achtung: einer der umstrittensten. Sexistische Texte, Ghetto-Gehabe, Schwulenhass. Das ist beruhigend: Da dürfte für einige Aufregung gesorgt sein in der Radio-Bremen-Talkshow "3nach9". Zumal ja gerade erst der Gangsta-Rap-Kollege Massiv in Berlin einen Schuss in die Schulter abbekommen hat.

Bushido: "Das geht mir richtig krass hier an der Seite vorbei"
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Bushido: "Das geht mir richtig krass hier an der Seite vorbei"

Damit fängt Moderator und "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo auch an, als Bushido nach eineinhalb Stunden endlich dran ist. Der Rapper hatte vorher etwas unruhig mit den Füßen getrippelt, über den Drei-Tage-Bart gestrichen, mit den Fingern aufs Knie getippt. Ganz in Schwarz ist er erschienen, Anzug, Hemd, Krawatte. Er wirkt ein bisschen nervös. Seine Rolle ist ja noch nicht ganz klar, die wird sich erst im Gespräch ergeben, so tut zumindest der Trailer: "Gangster oder guter Junge?".

Es werde scharf geschossen gerade, stellt di Lorenzo fest: "Lebt man gefährlich als Gangsta-Rapper in Deutschland?" Eigentlich nein, sagt Bushido. Alles inszeniert also, die Sache mit Massiv? Das möchte di Lorenzos Moderations-Kollegin Amelie Fried wissen. "Ich sag' Ihnen da ganz klipp und klar: Das geht mir richtig krass hier an der Seite vorbei", erklärt der Rapper. Damit hätte ihn das spannendste Thema ausreichend gestreift. Es gäbe noch einige Dinge, die einen in puncto gefährliches Gangsta-Leben interessieren würden.

Sowohl bei Bushido als auch bei Massiv ist immer wieder die Rede von kriminellen, arabischen Clans, in denen beide verwurzelt sein sollen. Und von Auseinandersetzungen zwischen den beiden. Das dürfte auch Fried und di Lorenzo nicht verborgen geblieben sein. Auch die "Süddeutsche Zeitung" hatte sich in einem Bushido-Interview vom selben Tag danach erkundigt, dass ihn manche in Mafia-Nähe rückten. So richtig scharf schießen will aber niemand. Stattdessen bewundert di Lorenzo: "Wir haben hier einen Mann, der etwas geschafft hat: eine ganze Seite im Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung."

Die Journalisten reden gern mit Bushido, weil er es versteht, einen Kontrast zwischen der Ghetto-Welt, von der er rappt, und der Spießer-Idylle, von der er ihnen gern erzählt, zu konstruieren. "Schwule Studenten" ficken versus Hecken schneiden, das klingt doch angenehm bizarr. Da ist es auch gar nicht so schlimm, dass er sich nicht richtig von Texten distanziert, in denen er als Taliban alle tot zu machen droht. Er lobt sich lieber als Medienmanipulator: "Ich weiß ganz genau, wenn ich diesen Knopf drücke, geht da die Bombe hoch."

Di Lorenzo will ohnehin noch die "hinreißende" Geschichte über die Mutter hören. 25.000 Euro hat Bushido ihr geschenkt. Die hat sie unters Kopfkissen gelegt und bewahrt sie für ihn auf, falls es ihm mal nicht mehr so gut gehen sollte. Süß, oder?

Einen kritischeren Ton versucht als Gast ARD-Börsenexpertin Anja Kohl. Ob das nicht langweilig sei auf Dauer, dieses Ghetto-Geknödel, jahrelang dieselben Klischees: "Ich hab' das Gefühl, dass du mit diesem Image nicht mehr glücklich bist." Sie fragt immer wieder, bis Bushido wirklich ein bisschen aus der Fassung gerät, als er ernsthaft bestreiten will, dass er seit acht Jahren denselben Mist macht, was er kurz vorher selbst genau so formuliert hat.

Nicht nur, weil alle ihn ganz selbstverständlich duzen, klingt die Talkshow-Runde bald wie eine Selbsthilfegruppe. Vollends absurd wird es, als der Profipokerspieler in der Runde beginnt, Bushidos CD-Titel esoterisch zu interpretieren, weil einer "Vom Bordstein bis zur Skyline" und der andere "Von der Skyline zum Bordstein zurück" heißt: "Das sind ja schon wieder Kreise, die du machst. Das sind ja mächtige Kreise. Das sind ja Gegensätze, die du im Titel drin hast. Du polarisierst ja."

Grundsätzlich gar nicht so falsch. Nicht allerdings in dieser Sendung. Da kann Amelie Fried erleichtert feststellen, dass der böse Bube doch eigentlich ganz nett ist. Guter Junge also! Gute Nacht!



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