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Holger Czukay im Interview: "Du spielst zu viele Töne"

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Can-Musiker Czukay im Interview "Musik hat immer etwas Absolutes"

Mit Can revolutionierte er von Deutschland aus die Rockmusik und wurde dafür im Ausland als Prophet gefeiert. Anlässlich der Neuauflage des Bandgesamtwerks spricht Holger Czukay über Musik als Happening, Witzbolde wie Karlheinz Stockhausen und die Liebe zu deutschen Schlagern.

Holger Czukay, 1938 in Danzig geboren, studierte Komposition bei Karlheinz Stockhausen, bevor er 1968 mit Michael Karoli und Jaki Liebezeit die Gruppe Can gründete. Er spielte den Bass und entdeckte das Studio als zusätzliches Instrument. Ihr avantgardistischer Ansatz machte Can, neben Kraftwerk, zur weltweit einflussreichsten deutschen Band überhaupt. Ab 1979 veröffentlichte Czukay eine ganze Reihe von Solowerken, auf denen er die Technik des Samplings vorwegnahm. Derzeit werden Alben wie "Les Vampyrettes" und "On The Way To The Peak Of Normal" als Re-Releases neu aufgelegt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Czukay, stimmt es, dass Sie die Gorillaz, das extrem erfolgreiche, virtuelle Artpop-Projekt von Damon Albarn, erfunden haben?

Czukay: Ich hatte mich mit Albarn nur einmal darüber unterhalten, was denn in der Rockmusik der nächste Schritt sein könnte. Und ich meinte: Eine virtuelle Gruppe, das wär's doch! Jetzt erzählt er überall herum, ich hätte die Gorillaz erfunden. Weiß auch nicht, wie er darauf kommt.

SPIEGEL ONLINE: Wie hatten Sie es denn mit dem "virtuell" gemeint?

Czukay: So, wie ich Can wieder auferstehen lassen möchte.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte?

Czukay: Keine Reunion, das wäre albern. Aber es gibt originale Elemente, kleine Partikel aus Klang, sozusagen DNA-Sequenzen, die mit elektronischen Mitteln zu neuem Leben erweckt werden könnten, so dass sie den gleichen Groove haben wie damals und doch völlig neu klingen. Das möchte ich wirklich noch gerne machen.

SPIEGEL ONLINE: Can wurden in Deutschland lange nicht geschätzt. Heute ist das anders. Warum?

Czukay: Lustig, oder? Das war unser eigener Fehler. Was waren wir denn? Wir waren ja studierte Leute. Alles, was wir gelernt hatten, wollten wir vergessen. In meinem Fall, weil ich kein Instrument spielen konnte, dachte ich: Das ist die einzige Chance, die du hast, als genialer Dilettant in Erscheinung zu treten und die Hauptlinie links zu überholen. Dann merkten wir schnell, dass man uns eigentlich nicht verstand.

SPIEGEL ONLINE: Was genau wurde nicht verstanden?

Czukay: Dass wir die Produktion von Musik, wie bei Velvet Underground, als Happening verstanden. Diese Coolness, diese Unverblümtheit entzog sich dem landläufigen Musikverständnis. Wir wollten spontan sein und frei sein, auch frei von Ideen. Eben so, dass sich die Musik in alle Richtungen entwickeln könnte. Unsere Vorbilder kamen nicht aus der Rockmusik, das waren eigentlich John Cage und … wer war noch mal das Vorbild von Frank Zappa?

SPIEGEL ONLINE: Captain Beefheart?

Czukay: Nee, der nicht...

SPIEGEL ONLINE: Varèse?

Czukay: Genau, Edgar Varèse. Stockhausen hat immer gesagt: Hört euch Varèse an, da stecken 150.000 Pendereckis drin!

SPIEGEL ONLINE: Oha. Ein Penderecki ist ja schon viel. Aber war denn Can populäre Musik?

Czukay: Doch, wir reden von Populärmusik! Wir wussten am Anfang gar nicht, was wir da eigentlich machten. Erst als Malcolm Mooney dazukam, unser erster richtiger Sänger, da merkten wir: Mensch, wir können ja so'n bisschen mithalten. Uns kam der Umstand zu Hilfe, dass Jaki Liebezeit ein Freejazz-Schlagzeuger gewesen war. Das wollte er nicht mehr machen. Diese scheinbaren Zufälligkeiten, also alles was da 'free' war, war das genaue Gegenteil von frei. Er sagte: Wenn ich mich aleatorisch - also frei - bewegen soll, dann kann ich doch auch einen Sack Erbsen über das Schlagzeug halten und an der Reißleine ziehen. Er wollte das Gegenteil machen. Mir sagte Liebezeit: "Holger, du spielst nur so viele Töne, weil du den einen richtigen Ton noch nicht gefunden hast!"

SPIEGEL ONLINE: Sie hatten Komposition bei Karlheinz Stockhausen studiert. Was haben Sie da gelernt?

Czukay: Das frage ich mich heute noch. Wirklich. Vielleicht Humor. Ich weiß noch, wie im Seminar jemand zu ihm sagte: "Herr Stockhausen, sie wollen uns doch nur einen Schock versetzen und damit viel Geld machen." Sagte er: "Nö, das mache ich aus rein musikalischen Gründen. Und Geld habe ich nicht nötig, ich habe ja eine reiche Frau geheiratet." Er war ein Mensch, der mich ungeheuer neugierig gemacht hat. Und er hat mir beigebracht, dass man als kreativer Mensch immer irgendwann gegen eine Wand läuft. Immer. Und dass man diese Wand überspringen kann: "Czukay, Sie denken zu viel", sagte Stockhausen zu mir, und das ist es. Man muss weniger denken.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren sozusagen der Toningenieur bei Can.

Czukay: Und darauf war ich sehr stolz. Weil mein Job darin bestand, die Leute hinters Licht zu führen. Diese ganze Philosophie, was ein Musiker artistisch können musste, das war mir nie wichtig. Der brauchte auch gar nichts zu können, damit konnte ich noch immer sehr viel anfangen. Musiker waren für mich immer Zufallsgeneratoren, deshalb konnte ich mir Sänger über eine UKW-Frequenz aus dem Radio holen oder einen Rhythmus von den Maschinen auf der Baustelle.

SPIEGEL ONLINE: Heute würde man das Sampling nennen. Sie haben mit analogen Mitteln digitale Musik gemacht.

Czukay: Ja, und als das Ennio Morricone klar wurde, sagte er einmal zu mir: "Dass Sie irre sind, war mir ja bewusst. Aber Sie sind ja vollkommen irre!" Der arme Kerl. Er hat oft Klage darüber geführt, dass er nur für seine Filmmusik wahrgenommen wurde.

SPIEGEL ONLINE: Hören Sie Gebrauchsmusik?

Czukay: Radio? Ohne Schwierigkeit, jederzeit. Da gibt es die ARD-Hitnacht, die ist hochinteressant …

SPIEGEL ONLINE: Was ist an Schlagern interessant?

Czukay: Na ja, ich schlafe nachts nur selten, ich halte mich nicht an die üblichen Tageszeiten. Und in dieser Hitnacht laufen Sachen, die ich normalerweise gar nicht hören würde, von denen ich aber viel lernen kann.

SPIEGEL ONLINE: Lernen? Von Schlagern?

Czukay: Ja, das hat mir auch der Conny Plank beigebracht, dieser großartige Musikproduzent. Ich saß mit ihm in einer Kneipe in Köln, und da lief dieser Schwulensong von Marianne Rosenberg, dieses "Er gehört zu mir!" Und Conny sagte: "Hör dir das mal an! Das ist eine geniale Produktion! Die Kneipe ist voll, alle reden durcheinander, und trotzdem dringt dieser Song durch!" Und er hatte recht.

SPIEGEL ONLINE: Hört Holger Czukay noch bewusst Musik zum Genuss?

Czukay: Selten. Wenn, dann Beethoven, die 7. Sinfonie. Und was mich jedesmal umhaut: die Passion von Bach. Ach, und Wagner natürlich, seine Bläser überall. Diese Tiefen! Diese Dichte!

SPIEGEL ONLINE: Politisch ist Wagner kein Problem für Sie?

Czukay: Nein. Musik hat immer etwas grundsätzlich Absolutes. Deshalb darf die Frage, ob er ein Judenhasser war, nicht mit der Musik in Verbindung gebracht werden. Diese Frage gilt nicht, wenn es um etwas Absolutes geht. Katastrophal wird es, wenn Musik irgendwelche Botschaften oder Herzensangelegenheiten vermitteln soll. Also Propagandamusik und Liebeslieder.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Can denn gar keine Botschaft?

Czukay: Doch, aber vielleicht auf einer anderen Ebene. Als uns klar wurde, dass wir unseren eigenen, maschinengleichen Rhythmus erfinden würden, hat Jaki Liebezeit zu mir gesagt: "Wenn wir diese Maschine einmal gestartet haben, wird sie niemand mehr stoppen können". Und er hatte recht. Wenn du den Rhythmus hast, hast du eine Grundlage, und mit dieser Grundlage kannst du, um mit Stockhausen zu sprechen, die Wand durchbrechen. Du kannst dann keine Fehler mehr machen, der Rhythmus trägt dich. Du wirst zum Medium.


Can: Can Catalogue Vinyl Box Set. 17-LP-Edition, limitierte Auflage. Spoon Records; 319,99 Euro.
Holger Czukay: "On The Way To The Peak Of Normal". Weißes Vinyl, Grönland/Rough Trade, 12 Euro
Les Vampyrettes: "Les Vampyrettes". Grönland/Rough Trade; 3x10" limitierte Vinyl-Box, 39,99 Euro