Cat Power in Köln Im Bett mit ihren Liedern

Man sollte Duffy oder Amy zu so einem Konzert schleppen, es würde eine Lehrstunde: In Köln zelebrierte die US-Sängerin Cat Power ihren maulenden, weißen Soul und bewies, wie sehr man Songs auch körperlich lieben kann.

Von Eric Pfeil


Man muss sich immer wieder vor Augen führen, wie es früher auf Konzerten von Chan Marshall alias Cat Power zuging: Da stand - oft mutterseelenallein - diese fragile, trotzige, junge Frau auf der Bühne und sang ein paar spröde Lieder zu Gitarrenbegleitung. Manchmal waren es fünf Songs, manchmal nur drei, und dann ging in der Regel irgendetwas schief: Entweder es war ihr zu laut im Publikum oder etwas anderes stimmte nicht.

Sängerin Cat Power: Pin-Up-Girl der Indie-Szene
Stefano Giovannini / Beggars Group

Sängerin Cat Power: Pin-Up-Girl der Indie-Szene

Wenn man Glück hatte, legte sie sich nur mit den Zuschauern an und spielte vielleicht noch zwei Lieder; wenn man Pech hatte, fing sie an zu weinen oder verließ einfach die Bühne. Es gibt im Nachhinein nichts an dieser Karriere-Phase der Sängerin zu romantisieren. Wer je einen der frühen Auftritte der schwermütigen Chan Marshall erlebt hat, wird diese unangenehme Erfahrung nie vergessen.

Die Chan Marshall von heute könnte sich kaum stärker von dem ehemals verhuschten Tomboy unterscheiden: Wie viele Amerikaner, die dem Alkohol und anderen Lastern von der Schippe gesprungen sind, pflegt sie jetzt ein leicht esoterisches Hippietum. Spätestens seit ihrer letzten Platte "Jukebox" wird sie als Königin der Alternativen gehandelt. Sie modelte für Karl Lagerfeld, selbst "Gala" und "Bild" berichteten jüngst über sie; den Thron des Indie-Pin-Up-Girls kann ihr ohnehin niemand streitig machen. Es ist daher erstaunlich, dass die Kölner Live Music Hall am Mittwochabend nicht bis in den letzten Winkel ausverkauft ist.

Weißer Soul ohne blöde Rauheiten

Um 21 Uhr kommt sie kurz nach ihrer Band mit einem Becher Cola auf die Bühne geschlurft und grinst freudig in die Runde. Mit dem Glühwürmchen-Blues "Dreams" eröffnet sie den Abend, zwischendrin kippt sie für eine Strophe kurz in "Blue Moon". Ihr Gesang ist derzeit unvergleichbar: Es ist ein pausbäckig maulender, weißer Soul-Gesang, der sich alle blöden Rauheiten spart; stattdessen beugt sich Marshalls schnutige Stimme in jeden Ton hinein. Es folgt ihre sommermüde Aneignung von James Carrs "Dark End Of The Street".

Hier von Cover-Versionen zu sprechen, wäre so, als würde man behaupten, James Brown habe rhythmusbetonte Musik gemacht. Man muss es tatsächlich so hippiehaft sagen: Chan Marshall tanzt mit diesen Songs, sie streitet mit ihnen, sie schreit sie an, schubst sie weg, lässt sie stehen, versöhnt sich, umklammert sie - manchmal geht sie auch mit ihnen ins Bett. Mit vielen dieser Stücke hat sie sehr lange intensive Beziehungen laufen.

Joni Mitchells "Blue" wird bei ihr zu einer weggedösten Junkie-Andacht; Sinatras angeschwipster Leichtfuß-Swing "New York" gerät zu einer verkaterten Taxifahrt durch die Stadt, und spätestens wenn die trockene Alkoholikerin ihre tolle Thekenhymne "Lived In Bars" als besoffenen Taumel darbietet, wird klar, dass auch das eigene Material zur Neubearbeitung freigegeben ist. Es ist tatsächlich vollkommen egal, ob es sich bei den von ihr gespielten Songs um Fremdkompositionen oder eigene Stücke handelt: Marshall setzt sich immer wieder neu in Beziehung zu ihrem Material - darin ist sie ihrem Idol Bob Dylan ebenso ähnlich wie viele Jazz-Größen.

Sechziger ohne Vintage-Nachstellung

Als Bühnenpersönlichkeit ist die einst Überverhuschte heute vollkommen unvergleichbar; Chan Marshall geht in einem unkontrollierten, permanenten Ausdruckstanz verloren, der keine Hemmungen oder Peinlichkeiten kennt: Sie hoppelt, hüpft und tänzelt; sie buckelt und krümmt sich. Fast jede Zeile findet eine gestische Entsprechung, wird weitergeführt oder ergänzt: Marshall schießt mit unsichtbaren Pistolen, macht diverse Tiere nach, rudert, isst Teller leer, fängt Sonnen ein, weist den Weg zu Mondlichtstraßen. Sie baut Treppen, sie malt ganze Ölgemälde.

Doch sind diese Bewegungen, denen man gebannt zuschaut, keine künstlerischen Übersprungshandlungen, vielmehr verlängert Marshall mit ihrem Körper die Töne, deutet noch weiter und interpretiert noch mehr, als es der Gesang schon tut.

Ihre vierköpfige Dirty Delta Blues Band spielt dazu wie ein gelegentlich aufbrausendes Bar-Quartett: Kein Ton zuviel, man pflegt die Kunst der lapidaren Präzision, und der Keyboarder verwendet mindestens soviel Zeit aufs Rauchen wie aufs Tastenspiel. Aber wenn es gilt, einen Orkan anzuzetteln, wird auch dies mit enormer Lässigkeit bewerkstelligt. Diese Musik hat die sechziger Jahre mit Löffeln gefressen, ohne je nach Vintage-Nachstellung zu klingen, man möchte am liebsten die Begleitmusiker von Winehouse und Duffy, am besten auch gleich die Sängerinnen selbst, zur Lehrstunde herschleppen.

Zwischen den Songs wird es jedes Mal gleißend hell im Saal; Chan Marshall steht am Bühnenrand, knotet sich die Haare zusammen, als befände sie sich im Fitness-Studio und grinst ins Publikum. Es ist fast, als könnte sie heute von den Leuten nicht genug bekommen, vor denen sie sich früher fürchtete. Am Schluss steht sie noch minutenlang auf der Bühne, Hank Williams läuft, und Marshall schüttelt Hände, schreibt Autogramme, tänzelt und posiert, zieht Grimassen, wirft zusammengeknüllte Setlists in die Menge und posiert noch mehr. Es geht Chan Marshall gut; einen Knall hat sie zum Glück aber immer noch.


Cat Power on Tour: 5. Juni Postbahnhof, Berlin, 6. Juni Laeiszhalle, Hamburg

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