Boyband Caught in the Act Love is wieder everywhere

Eine Boyband kehrt zurück - und mit ihr die gute alte Zeit von Viva und Diddlmaus: Caught in the Act sind wieder auf Tour. Warum tun sich die Mittvierziger das eigentlich an?

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Und dann, am Ende des Songs, sinkt Bastiaan Ragas auf die Knie und legt alles Pathos, allen Sehnsuchtsschmerz dieser Welt in seine Stimme. Lee Baxter und Eloy de Jong stehen ihm bei, flankieren ihn, die Hände zum Himmel, das Kinn nach vorn. Ragas richtet seinen Arm auf die Fans, zeigt auf all die kreischenden Gesichter, eines nach dem anderen: Ich liebe dich, dich, dich und dich.

Da sind aber keine Fans. Nur die Fußbodenleiste eines Tanzstudios in einem Amsterdamer Gewerbegebiet. Caught in the Act proben hier für die 13 Konzerte, die sie in den kommenden Wochen geben werden.

Mitte der Neunzigerjahre waren Caught in the Act eine der erfolgreichsten Boybands in Europa. Nach ein paar gefloppten Singles in den Niederlanden machte sie ein Gastauftritt in der Serie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" zunächst in Deutschland berühmt. Ihr Hit "Love Is Everywhere" verkaufte sich mehr als 500.000 Mal, ihre Alben standen in den CD-Regalen von Millionen pubertierenden Mädchen. Die Fans verfolgten die Band an Flughäfen, vor Hotels, bis vor ihre Wohnungen. Schmachteten ihre "boys" auf Tassen, T-Shirts, Gedöns an. 1998 dann die Trennung, tränenreich und dramatisch.

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Caught in the Act: Zurück in die Neunziger

Jetzt, 18 Jahre später, haben sich Caught in the Act wiedervereinigt. In einer Zeit, in der Boybands Pop-Geschichte sind. In der Ragas, de Jong und Baxter längst Familien gegründet und ihre beruflichen Karrieren abseits der Band eingerichtet haben. In der sie sich das alles nicht mehr antun müssten und vor allem: in der sich vielleicht niemand mehr für sie interessiert.

Was also treibt sie?

Es ist ein grauer Donnerstag im November. Das "Moves Dance Warehouse" befindet sich in einem schmucklosen Klinkerbau im Westen von Amsterdam. Hinter dem Gebäude verlaufen Bahngleise, drei Windräder drehen ihre Kreise. Vom Glitter und Glamour der früheren Tage spürt man in dem Tanzstudio nichts: kühle Betonwände, Neonlicht, PVC-Boden und bitterer Automatenkaffee.

Gegen die Kälte trägt Bastiaan Ragas, 45, eine Wollmütze und eine Daunenweste über seinem roten Poloshirt. Lee Baxter, 46, macht sich in Jogginghose und Longsleeve warm. Eloy de Jong, mit 43 Jahren der Jüngste, ist der einzige, der im T-Shirt tanzt, hinter der Ray-Ban-Brille immer noch sein Welpenblick.

"Wenn wir schwitzen, weint unser Fett"

Vor einer verspiegelten Wand gehen die drei mit ihrer Choreografin Natasja Lammers die Tanzbewegungen durch. Die Musik scheppert aus den Lautsprechern eines Laptops, der auf einem Plastikstuhl steht. Mikrofone brauchen sie nicht, Wasserflaschen tun es genauso. "Du siehst aus, als würdest du den Verkehr einweisen", sagt Lee zu Eloy, als der seine Arme etwas hölzern auf und ab bewegt. Sie sind keine 20 mehr. "Wenn wir schwitzen, weint unser Fett", sagt Bastiaan, den alle nur Bas nennen.

Im April 2015 hatten sie sich wieder getroffen, das erste Mal seit 1998. "Bas meinte, es wäre eine gute Therapiesession, wenn wir mal sprechen", sagt Eloy, "schließlich wussten nur wir, wie es sich angefühlt hat, in dem Format Caught in the Act zu leben." Als wenig später das Angebot kam, zu Silvester "Love Is Everywhere" vor dem Brandenburger Tor zu singen, sagten sie zu. Nur Benjamin Boyce nicht. Das vierte Gründungsmitglied wollte sich auf seine Arbeit als Solomusiker konzentrieren. "Passt ins Format", lächelt Bastiaan, "bei jeder guten Reunion gibt es einen Typen, der nicht mitmacht."

Seit zehn Monaten arbeiten sie an ihrer Liveshow und dem Album, das zur Tour erscheint: "Back for Love" - klar, für was sonst? Darauf: Mit dem Titeltrack und "When You Lose It All" zwei neue Stücke, ansonsten Neuaufnahmen ihrer alten Songs. Die Euro-Dance-Beats pumpen nicht mehr ganz so trashig, die Synthesizer säuseln nicht mehr so dosig. Alles klingt ein wenig entstaubt, mehr nach 2016. Oder wenigstens 2014.

Im Tanzstudio in Amsterdam kann man spüren, wie sich die drei Herren zwischen ihrem alten und neuen Leben bewegen. Das alte Leben, das ist zum Beispiel ein Medley, das sie auf Tour performen. "Quit Playing Games With My Heart" von den Backstreet Boys, "Spice Up Your Life" von den Spice Girls, alles dabei. Dazu das choreografische Einmaleins der Neunziger: das eine Bein gestreckt, das andere nach außen angewinkelt. Die eine Hand umklammert das Mikro, die andere klebt an der Brust, zur Faust geballt. Und natürlich: der Herzeroberungsblick.

"Die Band ist eine nette Kirsche auf dem Kuchen"

Das neue Leben, das sind bei Bastiaan Ragas seine Ehefrau und seine vier Kinder. Der 15-jährige Sohn, der während der Probe anruft. Seine Arbeit als Theaterproduzent, seine Bücher über das Vatersein, seine Investments in Ausgeh-Apps. Eloy de Jong entwickelt TV-Formate und lebt mit seinem Lebensgefährten und der gemeinsamen Tochter in Utrecht. Lee Baxter arbeitet wieder als Theaterschauspieler, dazu betreibt er einen Klub. Sie müssten den Aufwand mit Caught in the Act nicht betreiben, müssten nicht während der Mittagspause über einem Sandwich und einem Glas O-Saft ihre Facebook-Seite betreuen. "Unser Leben wird weitergehen, wenn wir keinen Erfolg haben", sagt Eloy, "aber die Band ist eine nette Kirsche auf dem Kuchen."

Zehn Tage später. Das Konzert im Hamburger Liveklub Grünspan ist mit 800 Besuchern ausverkauft. Keine Zehntausender-Arena mehr. Aber immerhin zieht sich die Warteschlange auch 2016 noch um den Block. Die allermeisten Besucher sind Frauen zwischen 30 und 45. Die Fans, die früher schon zu Caught in the Act gepilgert sind. Die mehrere Tage vor den Hallen kampiert haben, um in der ersten Reihe zu stehen.

Zum Meet & Greet bringen sie alte Eintrittskarten und Fotos mit. Sie tragen die Band-Shirts von damals. In der Schlange fallen Sätze wie "das ist so unwirklich". Man erzählt sich von dem Tag, als man Lee in Moosburg in der Bahn getroffen hat. Eine Besucherin weint. Beim Handeschütteln mit der Band blinzelt sie ihre Tränen aus den Augen. Eine andere Frau zittert so sehr, dass sie ihr Smartphone mit beiden Händen festhalten muss. Die Promoterin ruft nach einer Cola.

Das Jungsein feiern

Während des Konzerts ist die Aufregung dann größtenteils verschwunden. Kein schrilles Kreischen, außerdem nur ein einziges, selbst gebasteltes Pappschild: "CITA 4 EVER". Ansonsten gleicht die Publikumsreaktion jedem anderen Pop-Konzert, das im Grünspan stattfindet. Lauter Jubel, klar. Dutzende Smartphones über den Köpfen, das auch. Doch während aus den Boxen die Neunziger schmalzen, während die Herren auf der Bühne wieder Boys sind, geht keine Hysterie durch den Saal. Eher ein kollektives Erinnern.

"Ich fühle mich wie 13", sagt die 32-jährige Daniela, "hier bin ich ich, daheim bin ich Mama und Ehefrau." Auch Ilka-Ivette, 34, denkt an früher. "Ich bin von zu Hause abgehauen, um in Amsterdam vor deren Häusern zu warten", sagt sie, "heute ist man nicht mehr so verrückt."

Nein, so verrückt sind sie heute nicht mehr. Im Grünspan feiern sie, wie jung sie damals waren. Die Zeit zwischen Viva, Schulhof und Diddlmäusen. Eine Zeit, in der der Weltstress dieser Tage weit entfernt war. "Weißt du noch, dieses Lied?", fragt Bastiaan Ragas ins Publikum. Er stimmt "Let this Love Begin" an und schiebt hinterher: "Es ist kalt da draußen, aber hier drinnen ist es warm." Ein Satz, der möglicherweise größer ist, als Ragas ihn meint.

Caught in the Act stört es nicht, mit Mitte vierzig noch die Boyband zu geben. "Wieso auch", sagt Ragas. "Wenn man nach Disneyland geht, will man Mickey Mouse sehen." In seiner Jugend hat er davon geträumt, wie Elvis Presley zu sein, wie Frank Sinatra und das Rat Pack. Hat nicht geklappt, wird auch nicht mehr klappen. Doch das große US-amerikanische Entertainment ist ihm bis heute nah.

"Das Tolle an Entertainment ist, dass man die Dinge so zusammensetzen kann, dass sie unterhaltsam und schön sind." Eine Haltung, die er verteidigt, Boyband hin oder her. Für die er die love noch mal everywhere sein lässt.



insgesamt 4 Beiträge
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herrknoblauch 03.12.2016
1. jetzt mal ehrlich: Caught in th Act?
Wieso auch nur eine Zeile über dieses Kunstprodukt ohne Seele? Wie wärs mit einem Artikel über Cilit Bang? Oder die Ja Produkte von Rewe? Was macht ihr hier aus euren Möglichkeiten?
batmanmk 03.12.2016
2.
Verblüffend. Die könnten auch glatt als Anfang 30-jährige durchgehen. Die Fans - nicht mehr so wirklich. Die Welt ist ungerecht.
thrashmail 03.12.2016
3.
Warum tun sie sich das an ? Geldmangel? Geldgeilen Manager ? Selbstüberschätzung?
batmanmk 03.12.2016
4. Einfache Antworten
Zitat von thrashmailWarum tun sie sich das an ? Geldmangel? Geldgeilen Manager ? Selbstüberschätzung?
Wieso Geldmangel? Warum hat Bill Gates denn als reichster Mensch der Welt damals für Microsoft noch jahrelang weitergearbeitet? Die in die Jahre gekommenen und von der Sonnenbank verlebten Fans können nur aus der Kasse der unglücklichen Ehemänner schöpfen, so dass sich ganz einfach die Geldmaschine wieder anschmeißen lässt. Also: Warum nicht?
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