CD-Edition "World Tour", Teil 18 Tausendundein Ton

Die "Zuckerpuppe aus der Bauchtanzgruppe" war vorgestern. Heute sind arabische Klänge aus der westlichen Popkultur kaum noch wegzudenken - und sorgen für mehr Integration als so mancher Sozialarbeiter. Nachzuhören auf der CD-Edition "Arabian Nights" vom KulturSPIEGEL.

Wer jemals zu vorgerückter Abendstunde in einer Hotelbar in Luxor dem bis zum Scheitel zugekifften Alleinunterhalter gelauscht hat, wie er auf seinem in arabischen Vierteltonschritten gestimmten Casio-Keyboard 35 Minuten lang frei wie ein Wüstenfalke über die Melodie von "Strangers In The Night" improvisiert, der hat zweierlei gelernt: Arabische Musik kann ungemein reizvoll sein; in rein westlich geprägten Ohren kann sie aber auch wie ein Rudel rolliger Straßenkatzen klingen.

An den Instrumenten liegt das nicht. Zum Einsatz kommen einfache Trommeln wie die Darabuka, die Oud als Gegenstück zur mittelalterlichen Laute (mit dem Ägypter Hussein El Masry als ihrem größten Solisten), Flöten (Nay), die Quanun (der alpenländischen Zither nicht unähnlich) und Streichinstrumente von der Kamanga bis zur klassischen Violine.

Die Fremdartigkeit der Musik zwischen Casablanca im Westen des Maghreb bis zum Oman im Osten rührt vielmehr daher, dass im arabischen Musikraum seit dem 9. Jahrhundert die Oktave in 24 Vierteltonschritte unterteilt wird, während das westliche Tonsystem nur 12 Halbtonschritte kennt. Arabische Musik lebt nicht von Harmonien, sondern von ihrer Rhythmik und den Melodien.

Dies eint die drei großen geografischen Hauptzonen: den Maghreb (Tunesien, Algerien, Marokko und hier auch Libyen) mit den klassischen Gnawa-Gruppen und dem gefühligen algerischen Raï, die Maschriq-Gebiete im Nahen Osten (Ägypten, Libanon, Syrien, Palästina, Jordanien, Irak) mit religiösem Gesang, Volkstanz, aber auch moderner Tanzmusik (Al-jil, Shaabi) und die arabische Halbinsel mit eher konservativen Musikformen.

Wie überall auf der Welt ist auch hier Musik das unmittelbarste Trägermedium menschlicher Emotion – und vor allem die Sänger reizen die Variationsmöglichkeiten von 24 Tonschritten aus und erschaffen so ein ausufernd-improvisiertes Gefühlsgewühl. In europäische Hitparaden stoßen dagegen eher Stile und Künstler vor, die weniger fremdartig wirken – und meist geschieht dies über Frankreich.

Die ehemalige Kolonialmacht bietet vor allem westarabischen Sounds den idealen Charts-Nährboden: Sänger wie Cheb Khaled, Cheb Tahar oder Rachid Taha eroberten Mitte der Achtziger via Frankreich mit ihren politisch wie hormonell elektrisierenden Raï-Hits Europas Discotheken. Ums Tanzen und das abendliche Amüsieren dreht sich nicht nur in New York oder London der Großteil aktuell populärer Musik.

Auch panarabische Popstars wie der Ägypter Amr Diab, die libanesische Pop-Queen Nancy Ajram, das TV-Sternchen Dania Khatib (Ex-Sängerin bei Trans-Global Underground) oder der marokkanische Schnulzenkönig Noureddine El Arabi alias Nouri setzen auf Tanzflächenkompatibilität – ebenso wie die DJs Hakan Türkürer oder Frederic Faupin (alias Sofian Rouge) aus Nizza.

Und spätestens seit August 2003 der türkische Superstar Mustafa Sandal gemeinsam mit der Viva-Moderatorin Gülcan Kamps sein "Aya Benzer" in den deutschen Charts fest hakte, dröhnen an vielen roten Ampeln zwischen Flensburg und Freising arabische Klänge aus tiefergelegten BMWs.

Ein echter Erfolg ist das im jahrzehntelangen Ringen um Integration. 1961 beschränkte sich das bei dem Schlagerteddy Bill Ramsey noch auf westfälische Tanzkursgruppenteilnehmerinnen: "Da staunt der Vordere Orient, da staunt der Hintere Orient. Dann hob die süße Biene ihre Tüllgardine vor mir plötzlich in die Höh‘. ,Elfriede, Elfriede!’ rief ich durch den Saal, denn die Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe kannte ich aus Wuppertal!"

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