CD-Edition "World Tour", Teil 2 Stille, die Mutter aller Klänge

Im Alltag japanischer Großstädter spielen Instrumente wie Bambusflöte und Laute kaum noch eine Rolle. Traditionsbewusste Lounge-Musiker haben die alten Klänge nun für die CD "Sushi Club" mit modernem Elektro-Sound gekreuzt- sie ist Teil der KulturSPIEGEL-Edition "World Tour".

Von Julia Bonstein


"Stille ist die Mutter aller Klänge", so beschreibt der japanische Komponist Toshio Hosokawa die Musik seiner Heimat. Die Töne, die japanische Musiker mit Instrumenten wie der vier- bis sechssaitigen Laute Biwa erzeugen, wirken nach in die Stille. Durch bestimmte Spieltechniken wird das Geräuschhafte dieser Musik betont: Sawari. Sie ähnelt Menschenstimmen und Naturgeräuschen. So plätschern die Klänge der Koto-Zither wie ein Flusslauf über den verschiedenen Arten von Flöten, Oboen und Mundorgeln.

CD-Cover "World Tour Sushi Club"

CD-Cover "World Tour Sushi Club"

Das Shakuhachi ist eine Bambusflöte mit fünf Löchern, die heute sogar in der modernen Kunst- und Popmusik eine Rolle spielt. Ursprünglich setzten japanische Bettelmönche die Flöte zur Meditation ein. Die Shamisen ist vielleicht das stilprägendste japanische Instrument und hat bis heute seinen festen Platz auf der Bühne der Puppen-Theater. Auch für eine Geisha gehört es zum guten Ton, das Spiel auf der dreisaitigen Laute zu beherrschen. Die Klänge der traditionellen Instrumente sind schwerelos. Sie klingen fremd – in Europa ebenso wie im hektischen Tokio. Dort läuft im Radio westliche Pop und Rockmusik. Im Alltag japanischer Großstädter spielen Bambusflöten keine Rolle.

Aber die Tradition wird gewahrt. Das gilt in Japan für die Teezeremonie und die Blumensteckkunst Ikebana ebenso wie für die traditionelle Musik. Das früher Entstandene wird über Jahrhunderte hinweg erhalten und gepflegt. Und so erklingt an festlichen Tagen auch heute noch die Gagaku, "die edle Musik", die traditionell am Hof gespielt wurde. Sie diente zeremoniellen Zwecken. Seit zwölf Jahrhunderten sind ihre Instrumente und Stücke nahezu unverändert, die Aufführungen sind stark ritualisiert. Auch heute noch sitzen die Musiker bei Konzerten und Tempelfesten in schlichten Seidenroben auf einer Stein- oder Holzbühne, umgeben von einem Geländer und geharktem Kies.

Klassische Künstler wie der Flötist Jean-Pierre Rampal oder der Cellist Yo-Yo Ma haben die Faszination traditioneller japanischer Musik in die westliche Welt getragen. New-Age-Künstler von Kitaro und Gandalf bis zum Emerald Project schicken japanische Klänge auf eine meditative Zeitreise in die Moderne. Hinter dem Musikprojekt The Sushi Club verbirgt sich der Heidelberger Deutsch-Japaner Tomio Tremmel, der Elektro-Musik mit dezenten Beats und Soundsamples kombiniert. Durch Wellen- oder Donnergeräusche findet diese Lounge-Musik auch hier zurück zur Natur und nach Japan. Und so modern und global diese asiatisch-deutsche Musik auch ist: Sie führt zur Mutter aller Klänge, zur Stille.




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