Cd-Edition "World Tour", Teil 5 Griechischer Blues in der Bouzouki Bar

Wer das Wort Langhalslaute hört, dürfte nicht unbedingt in Tanzlaune verfallen. Dabei gehört eine griechische Bouzouki zum besten Beinemacher, den die Musikwelt zu bieten hat - zu hören auf "World Tour", der vom KulturSPIEGEL ausgewählten CD-Edition.

Von Johannes Varvakis


Griechen besuchen eine "Bouzouki Bar" (mit Live-Band), wenn sie etwas feiern wollen – und zwar immer in einer "parea" (= eine möglichst große Gruppe von Freunden). Sie bestellen flaschenweise Whisky, singen und tanzen (= sie machen "glenti"). Aus Übermut, zum Anfeuern eines einzelnen Tänzers, der den "zeibekiko" tanzt, werden Blüten geworfen – früher waren es Teller, das liegt aber schon lange zurück.

CD-Cover "Bouzouki Bar"

CD-Cover "Bouzouki Bar"

Der Name "Bouzouki Bar" leitet sich ab von der Bouzouki, einer mit drei oder vier Doppelsaiten bespannten Langhalslaute. Dieses Instrument ist es, das heute vor allem mit dem Klang griechischer Musik verbunden wird. Dabei fand die Bouzouki erst nach 1922 Einzug in die griechische Musik – sie kam mit den etwa 1,5 Millionen vertriebenen Griechen aus Kleinasien, die ihre Heimat (Smyrna – heute Izmir, Trabezunt – heute Trabzon, Prusa – heute Bursa, Konstantinopel – heute Istanbul) nach der "kleinasiatischen Katastrophe", dem griechisch-türkischen Krieg, verlassen mussten.

Entwurzelt, verarmt und am Rande der Gesellschaft schrieben die Vertriebenen politische Lieder der Sehnsucht und des Verlustes, aber auch anrührende Liebeslieder. Der Stil, der Rembetiko heißt und viele orientalische Elemente in sich vereint, wird auch der "griechische Blues" genannt. Zunächst als die Musik der Unterschicht verpönt, gewann die neue Musikrichtung (und damit die Bouzouki) immer mehr an Bedeutung. Als Mikis Theodorakis Elemente des Rembetiko in seine Kompositionen und politischen Lieder einfließen ließ, setzten sich der Rembetiko und damit die Bouzouki in der griechischen Gesellschaft endgültig durch.

Dass in der Zeit der Militär-Diktatur (1967 bis 1974) das Singen und Hören der Lieder von Theodorakis unter Strafe gestellt war, hat den Siegeszug seiner Musik erst richtig in Gang gebracht. Bis heute wird der 1925 geborene Theodorakis von Griechen in- und außerhalb ihrer Heimat als Nationalheld verehrt.

Auch wenn Musik heute nicht mehr diese maßgebliche politische Bedeutung hat, spielt sie im griechischen Alltag eine bedeutende Rolle. Es gibt viele traditionelle Lieder (nicht nur von Theodorakis), die jeder Grieche auswendig kann. Wenn in Athen und Thessaloniki die Menschen abends ausgehen, dann gern in die unzähligen Live-Clubs, wo mitgesungen und getanzt wird.

Neben den "Rembetiko-Lokalen" und "Bouzouki Bars" gibt es "Ellinadika" und "Megales Pistes", in denen griechischer Pop und Rock auch für jüngeres Publikum gespielt wird. In diesen Live-Clubs treten in den Wintermonaten die griechischen Musikstars und -sternchen aller Stilrichtungen auf. Sie spielen in meist vollen Häusern, zuerst ihre eigenen Lieder und schließlich, wenn es spät geworden ist, interpretieren sie häufig die traditionellen Lieder des Rembetiko. Dann wird die Bühne für das Publikum freigegeben – Menschen strömen hinauf, tanzen die traditionellen griechischen Tänze, die übrigens fast jeder Grieche kennt, und werfen wieder mit Blüten.

Griechenland erleben, heißt auch griechische Musik zu erleben. Das kann, zwischen den Griechenland-Urlauben, mit einer CD sein. Oder, im Urlaub, live in den unterschiedlichen Musik-Clubs in Athen, die eines gemein haben: Vor Mitternacht wird man stets vor verschlossenen Türen stehen.



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