CD-Kritik El Ché Vive!

Soundtrack zur Exhumierung: 30 Jahre revolutionärer Totenkult: Lieder künden vom Ruhm des Comandante Ché Guevara.

Von Michael Pilz


Zunächst erschien "El Ché Vive!", das Album, kurz darauf die Gebeine des Comandante Ernesto "Ché" Guevara de la Serna. Im bolivianischen Vallegrande förderten sie dessen Gürtel zutage und seine vermoderte Uniform. Man röntge seine Knochen, wies Formalin nach und bahrte die Überreste auf zu einem Bild, das dem berühmten Foto seiner Leiche glich. Der ewige Guerillero findet seine Ruh und eine Pilgerstätte.

Ohne Absicht hat das kleine französische Label "Last Call" den Soundtrack zur Exhumierung zusammengestellt: Es hat in Paris Lieder einspielen lassen, in Übersee alte Aufnahmen ausgegraben, kleine dokumentarische Schätze gehoben. "De tu querida presencia Comandante Ché Guevara", singt der Kubaner Carlos Puebla, vom geliebten Major aus Argentinien, der geholfen hatte, Batista gegen Castro auszutauschen.

Havanna, 1968: Mitschnitte von "Hasta Siempre" oder von "Lo Eterno", dem Unsterblichen, künden vom Pathos der Zeit. Der Sänger tremoliert, die Combo spielt den Song. Das Publikum rhabarbert und hüstelt. Das war nur drei Monate nach dem Standrecht zu Vallegrande. Fidel Castro hatte den Märtyrer, Asthmatiker und Mediziner per Dekret zum geborenen Kubaner erhoben. Ché sah sich weniger der erklärt kommunistischen Nation verpflichtet, wie die CD belegt: Es erklingt die feste Stimme des Comandante 1964 vor der UNO, wo er sich einen lateinamerikanischen Patrioten nannte, mit dem Willen, den Subkontinent vom Joch zu befreien.

Dafür ereilten ihn die Hymnen: Aus Chile sang Victor Jara, der später selbst der Konterrevolution zum Opfer fiel, seinen "Zamba Del ´Ché´" zur Gitarre. In Uruguay verdichtete Daniel Viglietti Chés Vision vom neuen Menschen im "Canción Del Hombre Nuevo". "Hasta Siempre" sang auch Soledad Bravo in Venezuela. Auf einem Festival in Bulgarien verewigte sich der Argentinier Miguel-Angel Filippini in revolutionärem Belcanto.

All die gesammelte Musik variiert weniger ihr Thema als den Affekt: mal himmelhochjauchzend orchestral in die kommunistische Zukunft. Mal zu Tode betrübt in der Klage über den Verlust wie Atahualpa Yupanqui zur Gitarre in seinem Lamento "Nada Más". Manches klingt wie jene in deutschen Fußgängerzonen allgegenwärtigen Andenkapellen mit Panflöte, Charango und Bombo.

Etwas fasziniert: sei es die kriminelle Energie, die existentialistische Mütze, der wahlweise gütige oder entschlossene Blick, der Sex-Appeal der Macht, der Eros des Ungekämmten. Diese CD dokumentiert Geschichte und Popkult, und sie hat ein hübsches Beiheft, in dem der Peso durch die Verse schimmert. Da ist dieses "Ché" wie es Ché als Chef der Nationalbank auf die Scheine kringelte. Ché im roten Stern, Ché mit Zigarre und Ché auf Magazinen, auch auf dem SPIEGEL-Titel mit den Patronen im Heiligenschein.

Diverse: "El Ché Vive!" (Last Call Records/Ninty-Nine)



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