CD-Kritik Soundtrack: "Fear and Loathing in L.A."

Zugedröhnt: Wie ein Popsampler versucht, 128 Minuten Drogenrausch mit passender Musik zu füttern.

Von Matthias Hornschuh


Nevada, 1971. Journalist Raoul Duke und sein Freund Gonzo fahren im Cabrio nach Las Vegas, um für eine Sportzeitung über ein Motorradrennen zu berichten. Ihr Kofferrauminhalt: 2 Beutel Gras, 75 Pillen Meskalin, 5 Blätter mit extrastarkem Acid, ein Salzstreuer voll Kokain, Tequila, Rum, ein Kasten Budweiser, ungestreckter Äther, zwei Dutzend Amylnitrate. Alles für den Eigengebrauch... Was folgt, sind 128 Minuten totaler Drogenexzeß, inszeniert von Terry Gilliam (König der Fischer, 12 Monkeys), gespielt von Johnny Depp.

Werfen wir einen Blick auf die Playlist der Soundtrack-CD: Bewußtseinserweiterter Psychedelic-Rock von Jefferson Airplane, The Yardbirds und Bob Dylan trifft da auf Las-Vegas-Schnulzen von Perry Como und Tom Jones, gelegentlich für Sekunden unterbrochen von der "echten" Filmmusik von Tomoyasu Hotei und Ray Cooper, genannt "A Drug Score". Inhalt und Musik des Films ergänzen sich insofern schlüssig. Ein stimmiges Produkt ist es trotzdem nicht.

Der Soundtrack zu Fear and Loathing in Las Vegas ist ein weiterer der inzwischen üblichen Popsampler, die den Film bewerben, der das Album bewirbt Armageddon und Godzilla haben gezeigt, daß sich so etwas verkaufen läßt, die Soundtracks zu Stadt der Engel und Lola rennt beweisen, daß solche Compilation-Alben sogar richtig gut sein können, denn sie transportieren auch ohne Bilder die Stimmung der Filme. Im Vergleich zu diesen zeigt sich die Schwäche der Musik von "Fear and Loathing in Las Vegas": Was hier als Filmmusik verkauft wird, erfüllt nur die niedersten dramaturgischen Funktionen. Der Film spielt zur Zeit des Psychedelic-Rock, also hören wir genau den. Zu den drogenverzerrten Bildern hört man Drogenmusik, wenn die Spießer von Las Vegas durchs Bild laufen, kommt Spießermusik.

Die Musik verdoppelt den Bildinhalt, ohne etwas zu ergänzen, hinzuzufügen oder zu erläutern. Die Musik erzählt keine Geschichte, zeichnet keine Personen. Sie wirkt vordergründig, oberflächlich und indifferent, auf Dauer sogar penetrant. Letztlich ist das Problem des Soundtracks das des Films: Beide kommen nie zur Ruhe. Über 128 Minuten ist das Publikum einem fast ununterbrochenen Strom visueller wie auditiver Sensationen ausgesetzt - ein Prinzip, das nicht 2 Stunden lang funktionieren kann.

Dieser Film, der keine Geschichte erzählt, sondern sich darauf beschränkt, über 128 Minuten die Drogenphantasien zweier zugedröhnter Junkies zu zeigen, beraubt sich selbst jeglicher Möglichkeiten, mit Spannung und Entspannung, Atmosphäre und Emotion zu spielen und diese durch musikalische Mittel sinnlich erlebbar zu machen.

Music from the Motion Picture "Fear and Loathing in Las Vegas" (Universalmusic)



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