CD-Kritik The Verve: "Urban Hymns"

Exzellente Songkollektion: Kein perfektes, großes Meisterwerk - aber der beste Gitarrenrock, der dieses Jahr neben Radioheads "OK Computer" produziert wurde.
Von Klaus Winninger

Exzellente Songkollektion: Als die vielversprechenden Britpop-Debütanten The Verve 1993 auf Tournee durch englische Clubs gingen, ließen sie als Vorgruppe unbekannte Novizen namens Oasis spielen. Zwei Jahre später widmete Oasis-Chef Noel Gallagher, inzwischen ein Star und ehrenamtlicher "bester, britischer Songschreiber", dem Verve-Sänger Richard Ashcroft den Song "Cast No Shadow" - ein Nachruf auf einen Mann, "der vom Gewicht der Worte, die er zu sagen versucht, niedergedrückt wird". Man nannte Ashcroft "Mad Richard", weil er zu viele Drogen schluckte, mystische Spinnereien von sich gab und in Selbstmitleid versank. Seine Band, The Verve, hatte er gerade aufgelöst - ein Verzweiflungsakt, mit dem er Gitarrist Nick McCabe, ein ähnliches psychisches Wrack, loszuwerden trachtete. Der Rest der Band begab sich nach zwei Wochen erneut ins Studio. In den nächsten 18 Monaten kurierte sich Richard Ashcroft aus, war bemüht, einen klaren Kopf zu bekommen und The Verve mit Hilfe namhafter Gitarrenvirtuosen wie Ex-Suede Bernard Butler und Ex-Stone Roses Jon Squire zu reformieren. Vergeblich. Es brauchte Nick McCabe und die aufgewärmte Haßliebe zwischen beiden, um den kreativen Motor auf Touren zu bringen.

Mit den Weltklasse-Singles "Bitter Sweet Symphony" und "The Drugs Don't Work" entstiegen The Verve den Trümmern ihrer Vergangenheit. So gut war die Band früher nie gewesen. In Wahrheit traute ihnen niemand zu, daß sie so gut sein können. Jammten sie früher, eingeschläfert von Drogen, im Groove-Nirvana drauflos, bringen The Verve hier ihre Fertigkeiten aufs Effektivste ein: die elegischen Melodien, die sie in symphonische Cinemascope-Arrangements hüllen; Richard Ashcrofts bittersüße Weltschmerz-Lyrik, eindringlich vorgetragen mit haltlos romantischer Stimme; Nick McCabes prägnantes, brennendes Gitarrenspiel.

Die Erwartungen für "Urban Hymns" steigerten sich ins Unermeßliche, der in England übliche Medien-Hype setzte ein, der aus talentierten, charismatischen Musikern gleich Götter macht. Richard Ashcroft starrte von allen Titelblättern, die Schlagzeilen donnerten "Größer als Oasis" und "Die beste Rock'n'Roll-Band der Welt". Ach.

Seit "Urban Hymns" erschienen ist, ist alles auf irdisches, menschliches Maß reduziert. Ja, "Urban Hymns" ist eine exzellente Songkollektion - der beste Gitarrenrock, der heuer neben Radioheads "OK Computer" produziert wurde. Nein, "Urban Hymns" ist kein perfektes, großes Meisterwerk: darauf hätten die unwürdige Led Zeppelin-Kopie "The Rolling People", der Psychedelic-Kitsch von "Neon Wilderness" und das bemühte Pathos von "Lucky Man" keinen Platz. Ein Opus magnum sollte auch nicht allein von zwei Ausnahmesongs geprägt sein: Qualität und Strahlkraft der restlichen elf Songs vermögen an die beiden Supersingles nicht ganz heranzureichen. Wenn auch ergreifende Große-Gefühle-Balladen wie "Sonnet" oder "Space And Time", das hübsche Rührstück "One Day", der Sly-Stone'sche Zeitlupen-Funk von "This Time" und der fulminante Schlußrocker "Come On" bei mehrmaligem Hören eigenen Zauber entfalten.

Die latente Verbindung zu Oasis bleibt aufrecht. Wo deren neues Album "Be Here Now" die unbewußte, kollektive Aufbruchstimmung im britischen Königreich wiedergibt, schildern Richard Ashcrofts Songs individuelle Alltagsdepressionen. "I take you down the only road / I ever been down" kündigt Ashcroft in "Bitter Sweet Symphony" an und beklagt in der Folge, das quälende Allein-in-diese-Welt-geworfen-sein, die Unmöglichkeit der Liebe und das Fehlen jeglicher Sinnhaftigkeit der menschlichen Existenz: "We have existence / and that's all we share", formuliert Ashcroft seine Philosophie in "Space And Time" unschlagbar. Und sucht in der Musik Erlösung, Schönheit, Kraft. Keine große, aber eine berührend menschliche Platte.

The Verve: "Urban Hymns" (Hut/Virgin)

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