CD-Kritik Wyclef Jean: "Presents The Carnival featuring Refugee Allstars"

Begnadeter Hip Hop: "Pump the positivity" rappt Wyclef Jean, musikalischer Spiritus rector der "Fugees", in den ersten Sekunden von "The Carnival". Diese Forderung ist 72 Minuten lang Programm.

Von Klaus Winninger


Wyclef inszeniert seinen "Carnival" als musikalisches Prinzip Hoffnung. Anstelle von Nihilismus, Negativität und Gewalt werden Optimismus, Lebensfreude, Liebe, soziale Verantwortung und positives Denken propagiert. Wyclefs Engagement und Talent tun dringend not. Denn der Hip Hop befindet sich in der größten Krise seit Bestehen: weil Gangsta-Rap billigster Machart jegliche Weiterentwicklung verhindert, Kleingeister wie Sean "Puffy" Combs mit banalen Dutzend-Raps die Charts verstopfen, Leichtgewichtler wie Notorious B.I.G. trotz oder wegen ihres sinnlosen, gewaltsamen Todes wie Helden verehrt werden und selbst der innovative Wu-Tang Clan in Selbstparodie zu verfallen droht.

|Wyclef lehnt Gangsta-Rap strikt ab. In einem der witzigen, zwischen die Songs gestreuten Dialoge, in denen sich Wyclef wegen revolutionärer Umtriebe vor Gericht verantworten muß, interviewt er einen hörbar dummen Gangsta-Rapper, der auf seinen Platten schon drei Millionen Leute gekillt haben will. "Warum läufst du dann noch frei rum?", fragt Wyclef, und kontert, als die Antwort ausbleibt: "That's my point, don't believe the hype! "Treffer! Ein Revolutionär ist Wyclef zweifelsohne - und das momentan größte musikalische Talent der afro-amerikanischen Musik: sein politisches Programm koppelt er mit einer fast magischen Musikalität: mit schönen Melodien und herrlich frei fließenden Reimen und Beats.

Wyclefs Talent kennt keine Grenzen, er wagt sich auf "The Carnival" in so viele musikalische Territorien wie kein Hip-Hop-Künstler zuvor. Da ist das wehmütige Streicherthema (das die Mitglieder der New Yorker Philharmoniker für ihn spielen) und aus "Gone Till November" die erste Hip-Hop-Symphonie macht. Im Opener "Apocalypse" rappt er über eine Opern-Arie. Den Soul von "Mona Lisa", beseelen die "Neville Brothers" mit ihren Engelsstimmen.

Und da sind drei Uralt-Schlager, die Wyclef wiederbelebt: 1. der kubanische Gassenhauer "Guantanamera", den Wyclef mit Hilfe der göttlichen kubanischen Sängerin Celia Cruz zum ultimativen Sommersong dieses Jahres auffrischt; 2. der "Bee Gees"-Disco-Klassiker "Staying Alive", aus dem Wyclef den Party-Song "We Trying To Stay Alive" macht, eine Hymne an die Lebensfreude beziehungsweise wider Haß und Gewalt; 3. der alte Folkjammerer "House Of The Rising Sun", der im kreolisch gesungenen "Sang Fezi" auftaucht und von "Fugees"-Partnerin Lauryn Hill unwiderstehlich angestimmt wird.

Wyclefs Talent scheint unerschöpflich: mit "Anything Can Happen" und "Year Of The Dragon" produziert er erstklassigen Old-School-Rap, mit dem Anti-Gewalt-Song "Gunpowder" schafft er einen herzergreifenden Reggae, der sich mit Bob Marleys "Redemption Song" messen kann. Darauf folgen zum Abschluß drei kreolisch gesungene Lieder, in denen der auf Haiti geborene Wyclef sich seiner karibischen Wurzeln erinnert und daraus drei besonders gefühlvolle, schon spiritituelle Balladen wachsen läßt.

"Fugees" forever: Wyclef hat mit "The Carnival" ein Meisterwerk vorgelegt, das selbst "Fugees"-Engel Lauryn Hill mit ihrem kommenden Solo-Album nur schwer wird übertreffen können. Und auch alle andere Hip-Hop-Platten werden sich künftig daran messen (lassen) müssen.

Wyclef Jean: "Presents The Carnival featuring Refugee Allstars" (Sony)

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