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14. Juni 2015, 09:14 Uhr

Violin-Virtuose Roth

Ein bisschen Ernst muss sein

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Linus Roth liebt das Ungewohnte: Auf seiner neuen CD interpretiert der Violinist den Komponisten Karl Amadeus Hartmann neu. Obwohl es auch um Trost und Trauer geht - die lustvollen Momente überwiegen.

Es müssen nicht immer Mendelssohn, Mozart oder Beethoven sein, wenn man als Virtuose mit der Violine bezaubern will. Karl Amadeus Hartmann ist ein Komponist, den bereits Ingo Metzmacher als Dirigent aus dem Genie-Dornröschenschlaf wachküsste. Das gelang ihm bravourös mit dem symphonischen Werk. Doch da geht noch mehr: Den Geigen-Part der Wiederbelebung übernimmt jetzt der stets abenteuerlustige deutsche Musiker Linus Roth. Der spielt auf seiner neuen CD "Wartime Consolations" (Challenge Classics), als ginge es wirklich um letzte Dinge - eben um wahren Trost (Consolation), nicht nur in Kriegszeiten.

Roth startet mit Hartmanns verstörend betörendem "Concerto Funèbre". Von Spezialisten wird das Bestattungskonzert gern gespielt und aufgenommen, es gilt aber eher als Geheimtipp denn als Hit der E-Musik. In Roths Version lebt es höchst beeindruckend auf. Und dass Hartmann, Jahrgang 1903, ein Schüler Anton Weberns war, klingt zwar an, doch die Musik des Münchner Avantgardisten hat mit strenger Zwölftontechnik nur am Rande zu tun.

"Vor allem möchte ich so schreiben, dass man mich versteht", fasste Hartmann eines seiner künstlerischen Ziele 1965 einmal in Worte. "Es kam mir darauf an, meine auf Humanität hinzielende Lebensauffassung einem künstlerischen Organismus mitzuteilen." (Kleine Schriften). Wie überzeugend dieses anspruchsvolle Ansinnen dem Komponisten gelang, zeigt sein Trauerkonzert von 1939, das er nach 20 Jahren noch einmal überarbeitete.

"So schreiben, dass man mich versteht!"

Wenig traurig, beinahe wütend klingt der knackig rhythmisierte dritte Satz "Allegro di molto", schließlich gehört zur Trauer auch die Bewegung nach vorn. So zupackend, wie sich Roth und das kraftvoll intonierende Württembergische Kammerorchester Heilbronn unter dem armenischen Dirigenten Ruben Gazarian auf die Noten stürzen, so plastisch leuchten die Gefühle und Affekte, die sich der Komponist in der Wirkung wohl so vorgestellt hat.

Das versteht sich dann tatsächlich schnell von selbst und wirkt dennoch nicht vordergründig. Viel virtuosen Anspruch hat Hartmann in seine Trauermusik hineinkomponiert, den Linus Roth mit hörbarer Begeisterung realisiert. Selbst aus dem gezügelten Adagio des zweiten Satzes schlagen der Solist und das Ensemble blitzende Funken, Linus Roth schwingt sich effektvoll, doch nie schmachtend in die geforderte Höhe: Akzente, die den Hörer wie in eine dramatische Handlung hineinziehen.

Fast romantisch und hochmelodiös bezaubert dagegen Mieczyslaw Weinbergs (1919-1996) feinsinniges Concertino op. 42, das Linus Roth dem spröden Hartmann-Werk folgen lässt. Viele Einflüsse aus osteuropäischer Folklore finden sich im Werk des in Warschau geborenen Weinbergs, aber auch Anklänge an die Musik seines Freundes Schostakowitsch und eine Prise Bartok formen sich im reichen Oeuvre Weinbergs zu einem eigenen Sound. In immerhin 21 Symphonien, viel Kammermusik, Liederwerken und Chormusik fächert Weinberg eine große Ideenfülle auf. Darunter findet sich bestes Virtuosenfutter, wie das 17-minütige flotte Konzert zeigt. Nur mit makelloser Technik und resolutem Ton gerät diese schlank gehaltene Schonkost zu einer Delikatesse: Linus Roth zelebriert das Werk in dichtem Dialog mit dem Württembergischen Kammerorchester. Auch das abschließende, tänzelnde Allegro moderato scheint wolkenleicht und dennoch farbig auf.

Neuentdeckung von Schostakowitsch

Seine Verbundenheit mit Mieczyslaw Weinbergs Musik dokumentierte Linus Roth nicht nur durch die Einspielung vieler Werke für Violine, sondern auch mit der Gründung der internationalen Weinberg-Gesellschaft, die sich der Forschung und Interpretation der Musik des Komponisten widmet.

Als überraschende Zugabe auf der CD gibt es noch fünf Minuten Schostakowitsch, in Gestalt der unvollendeten und noch nie eingespielten Sonate für Violine und Klavier von 1945, der sich Linus Roth und Pianist José Gallardo mit vitaler Entdeckerfreude widmen. In ihrem peniblen Feinschliff, der bis in die kleinste Form der Interpretation reicht, finden die beiden Musiker zusammen. Das verwundert nicht: Schließlich verbindet Roth mit dem argentinischen Pianisten und Kammermusik-Spezialisten José Gallardo eine langjährige künstlerische Partnerschaft.

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