Pop-Sängerin Charli XCX Party, als wär es 1999!

Klappt es endlich mit der großen Karriere? Die britische Sängerin und Pop-Komponistin Charli XCX schrieb Welthits - auf ihrem eigenen neuen Album wird mit queeren Gästen und edlen Karossen hart gefeiert.

Marcus Cooper/ Warner Music

Von Juliane Liebert


Nicht weit vom Hauptquartier der Plattenfirma Warner in der Londoner City toben Proteste. Boris Johnson hat soeben angekündigt, das Unterhaus zu beurlauben. Aber hier, im Glasbau, herrscht Ruhe. Charli XCX trägt ein gestreiftes Kleid und hat schon einige Interviews hinter sich. Zahlreiche Pressevertreter warten noch. Danach will sie feiern gehen.

Fünf Jahre können einen großen Unterschied machen. Vor fünf Jahren, ihr erster eigener Hit "Boom Clap" war gerade erschienen, erzählte Charli XCX in einem Telefoninterview von ihrem Alltag. Sie sagte, sie sei schüchtern und "im wirklichen Leben eher langweilig".

Außerdem fühle sie sich permanent, als würde sie gleich hinfallen, weil sie komische Schuhe liebe. Sie verehre Kanye West, und wenn sie keine Musik machen könne, würde sie tagelang im Bett bleiben und weinen. Manchmal tue sie das auch einfach so.

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Charli XCX: Synthie-Pop, Rave und Spice Girls

2019 wirkt die neue Charli konzentriert und leicht gestresst. Dieser Tage erscheint ihr neues Album. Es enthält eine Menge der im heutigen Pop obligatorischen Kollaborationen, unter anderem mit Lizzo, dem queeren YouTube-Star Troye Sivan und Haim. "Charli" scheint darauf angelegt zu sein, endlich ihren Durchbruch zum internationalen Star zu vollenden.

Der steht dringend an, nachdem sich die britische Sängerin mit ihrem Songwriting für Icona Pops "I love it" oder Iggy Azaleas "Fancy" den Ruf erworben hat, Welthits aus der Hosentasche schütteln zu können. Touren mit Taylor Swift und Katy Perry folgten.

Lange schien sich Charli XCX wenig um den Hype zu scheren, der um sie herum entstand. Sie machte weiterhin Musik, die unverkennbar in den weniger subtilen Spielarten des Tanz-Pops wurzelte, die dramatischen Partyeffekte und den vollen Schalldruck des Genres aber immer originell und irgendwie quer zu den Charts stehend nutzte.

Sie stammt aus Hertfordshire nördlich von London, lebt inzwischen in L.A., hat gegen den Brexit gestimmt. "Meine Eltern sind so langsam mit den Nerven am Ende", sagt sie. Sie fühlt sich eng mit der LGBTQ-Community verbunden. Das sagt heute zwar jeder zweite Popstar über sich, bei Charlotte Aitchison, wie sie bürgerlich heißt, scheint es jedoch ernst zu sein.

Unter ihren Studiogästen finden sich eine Transfrau (Kim Petras), die Französin Christine and the Queens, die sich als non-binär und pansexuell versteht und die Drag-Queen Pabllo Vittar. Sie treten nicht als Diversitäts-Maskottchen auf, sondern prägen, wie zuvor schon auf einigen selbst veröffentlichten EPs, ganz selbstverständlich Charlis ewige Party. Von jeher drückt der musikalische Stil von Charli XCX das neue, unbedingte Selbstbewusstsein von Frauen und queeren Menschen in der Popwelt aus: laut, energiegeladen, emotional intensiv und collagenhaft bunt.

Aber die Frage, für oder gegen was ihre Musik steht, scheint Charli kurz zu überfordern. "Ich habe nicht wirklich Intentionen. Ich verfolge mit meiner Musik keine nicht rein eigennützigen Absichten", erklärt sie. "Wenn ich Musik mache, mache ich sie für mich selbst und weil es Musik ist, die ich gerne auf Partys und in Klubs hören möchte. Ich mache sie, weil es Spaß macht. That's it."

Der Rave als Inspirationsquelle ihres Sounds ist auf dem neuen Album präsenter denn je. Nicht umsonst wünscht sie sich ironisch, aber auch in aufrichtiger Sehnsucht zurück in die Neunzigerjahre ("1999"). Die 27-Jährige, die einst die Spice Girls als ultimative Inspiration nannte, inszeniert sich als feinsinniger, weltoffener Pop-Proll.

Mächtige Synthie-Sounds dominieren, Effektfeuerwerke, die selbst Hirne mit kürzester Aufmerksamkeitsspanne bei der Stange halten. Dazu Akkordfolgen, die schon unzählige Pop-Hymnen in den Himmel gehoben haben. Charli XCX ist erst einmal nichts zu plakativ. Es ist, als hätte sie einen riesigen Scherbenhaufen aus musikalischen Floskeln vor sich liegen, eine große Pop-Müllhalde sozusagen, die dank ihrer Fantasie aber nicht muffig riecht, sondern in allen Farben des Regenbogens schillert. Daraus bedient sie sich. Sie ist ihr Materiallager und ihre Fundgrube.

Preisabfragezeitpunkt:
12.09.2019, 15:23 Uhr
Ohne Gewähr

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Label:
Asylum
Preis:
EUR 10,99

Charli-XCX-Songs sind brutale Ohrwürmer. Das Geheimnis, wie man einen Song schreibt, der nie wieder aus dem Kopf geht? "Ich weiß nicht", sagt sie. "Ich glaube, es nicht zu wissen, ist für mich Fluch und Segen zugleich. Manchmal verpasse ich Dinge, die wirklich offensichtlich sind, aber oft ist es gerade mein Unwissen von Technik und Theorie, das es mir ermöglicht, gute Songs zu schreiben. Es gibt keine Regeln." Musiktheorie findet sie langweilig. Sie will den Flow, das Gefühl, kurz bevor man das Haus verlässt, auf dem Weg zur Party.

Das Versprechen eines perfekten Popsongs

Darum geht es auch in "Shake". "Der ganze Song dreht sich darum, sich aufs Weggehen vorzubereiten und dieses nervöse, kribbelnde Gefühl, das man hat, wenn man sich auf die Party freut."

Gleich der Auftakt ihres Albums bringt all das zusammen: Glam-Sounds, die klingen, wie sich ein auf retro gestimmter Supercomputer ein Cembalo vorstellt, erzeugen ein Stadion-Hochgefühl, tiefer Bass für die Flugzeuge im Bauch. Und Charli ruft: "Go forever and ever and bounce/ Never sleep/ Push it all on repeat".

Das ist das Versprechen eines perfekten Popsongs, konkret geworden im (Ur-)Bild der amerikanischen Autofahrt: Für immer weiterfahren, mit der besten Musik, in die unendliche Weite der Landschaft - der Lift zu den Sternen. Kein Wunder, dass sie diesen ersten Song "Next Level Charli" genannt hat.

Die Automobilindustrie sollte ihr dankbar sein: VW und Freunde genießen ja nicht den besten Ruf zurzeit. Aber in Charlis Popentwurf darf das Auto noch mal seine ganze metaphorische Kraft entfalten. Sie schafft es sogar, ein Liebeslied zu schreiben, dessen poetischen Brennpunkt ein weißer Mercedes bildet. Das Love-Ding kann sie übrigens genauso so gut wie die Feier-Extase.

Für ihr Musikvideo zu "Gone", das sie zusammen mit Christine and the Queens drehte, war sie drei Stunden an einen solchen Mercedes gefesselt. "Ich konnte Chris die ersten drei Stunden nicht mal sehen, da sie auf der anderen Seite des Autos war", erzählt Charli. "Wir haben also nicht mal miteinander gesprochen. Es war witzig, das Video zu drehen und bei ihren Strophen nur zu merken, dass das Auto ruckelt, während sie performt."

Es sei eine eigenartige, sehr anstrengende Erfahrung gewesen, an die Luxuskarosse gefesselt zu sein, "vor allem, weil ich eine sehr zappelige Person bin. Meine Nase begann plötzlich zu jucken, und ich so: Oooooooaaah!" Sie lacht. "Aber für die Kunst war es das wert."

Die Pointe an Charli XCX und ihrer Musik ist, dass sie sich lustvoll in die ganze große wilde Künstlichkeit der multimedialen Inszenierung und Computerklänge stürzt - aber nicht, um einen Distanzierungseffekt zu erzeugen, sondern vielmehr um totale Unmittelbarkeit herzustellen. Im Tempo eines wild hüpfenden Herzens rast der Beat im Song "Silver Cross", dazu ruft Charli, zur Rettung fest entschlossen: "I pull you close, so close so close/ I never let you go".

Ihre Musik ist das Gegenteil von Transhumanismus: Die Menschen müssen sich nicht mit übermächtigen Computer-Lebensformen verbinden, um beim digitalen Fortschritt mithalten zu können, bei ihr wird der fremdartige Klang vermenschlicht. Das Artifizielle frisst nicht die Seele auf, sondern befreit sie. Alles für den Rave. Denn im Rave liegt die Weisheit.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Sensør 15.09.2019
1.
... klingt wie sehr viele Sängerinnen, die heutzutage bei den Hitradiosendern laufen.
Jetzt_mal_ernsthaft 16.09.2019
2. @ Sensor
Das ist richtig aber kein Wunder da die Grundlage immer das gleiche Programm auf dem Computer ist. Drei, vier Clicks und du hast einen "neuen" Song, der auch garantiert gut ankommt. Der Trick ist, dass du dich als Person interessant machst: "wenn sie keine Musik machen könne, würde sie tagelang im Bett bleiben und weinen". Sowas kommte bei der weinerlichen Generation X super an.
Horst Scharrn 16.09.2019
3.
Gradmal angehört. Klingt schön durchschnittlich und ist somit Radiotauglich und Massenkompatibel. Wenn ein Song zu außergewöhnlich ist gefällt er vielen schon nicht mehr, weil sie die Schönheit darin gar nicht begreifen können, daher ist Durchschnitt jetzt das Maß aller Dinge. Der Durchschnitt eckt nicht an und wird von Leuten mit etwas besserem Musikgeschmack einfach nicht beachtet, keineswegs jedoch geschmäht. Für die Fraktion der "ich höre eigentlich alles" Leute hingegen ist durchschnittliche Musik perfekt. Die Melodie ist schön simpel, der Refrain leicht zu merken und die ganzen repetitiven OhOhOhs und LaLaLas erhöhen den Mitsingfaktor enorm. Und weil das überall gespielt wird und ja alle das hören macht der Durchschnittsmensch das was alle machen und kauft sich den Song. Und zwei Wochen später den nächsten und dann den nächsten und so weiter.
demokrit2012 16.09.2019
4. Ich vermisse ...
... den Rave? In keinem der beiden YouTube Videos ist irgendwo Rave zu erkennen. Zwei beliebige Pop-Songs, wie man sie zu Dutzenden im Radio hört...
h.weidmann 16.09.2019
5.
Zitat von Horst ScharrnGradmal angehört. Klingt schön durchschnittlich und ist somit Radiotauglich und Massenkompatibel. Wenn ein Song zu außergewöhnlich ist gefällt er vielen schon nicht mehr, weil sie die Schönheit darin gar nicht begreifen können, daher ist Durchschnitt jetzt das Maß aller Dinge. Der Durchschnitt eckt nicht an und wird von Leuten mit etwas besserem Musikgeschmack einfach nicht beachtet, keineswegs jedoch geschmäht. Für die Fraktion der "ich höre eigentlich alles" Leute hingegen ist durchschnittliche Musik perfekt. Die Melodie ist schön simpel, der Refrain leicht zu merken und die ganzen repetitiven OhOhOhs und LaLaLas erhöhen den Mitsingfaktor enorm. Und weil das überall gespielt wird und ja alle das hören macht der Durchschnittsmensch das was alle machen und kauft sich den Song. Und zwei Wochen später den nächsten und dann den nächsten und so weiter.
Wer legt den fest, was der "bessere" Musikgeschmack ist? Sie vielleicht? Mit Sicherheit nicht. Und Schönheit kann man nicht "begreifen". Das ist subjektives Empfinden und von sehr vielen Einflüssen bestimmt. Worte wie die Ihren habe ich schon sehr oft gehört. Hab ich stets als zu arrogant abgehakt. Für mich sind Sie so gesehen eher ein "Durchschnittsmensch".
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