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Charlie Watts, 80

aus DER SPIEGEL 35/2021
Foto: Ennio Leanza / epa

Jede große Band funktioniert, weil sie unterschiedliche Persönlichkeiten integriert – auf der Basis komplizierter Machtstrukturen. Es gibt eine schöne Geschichte, die Keith Richards in seinen Memoiren über den Rolling-Stones-Drummer Charlie Watts erzählt. Der betrunkene Mick Jagger habe Watts eines Nachts in einem Amsterdamer Hotel telefonisch mit den Worten, »Wo ist mein Schlagzeuger?«, in sein Zimmer beordert. Daraufhin sei Watts aufgestanden, habe seinen Anzug angezogen, eine Krawatte umgebunden, sich rasiert, an Jaggers Tür geklopft und ihn mit den Worten, »Nenne mich nie wieder deinen Schlagzeuger«, mit einem Faustschlag zu Boden gestreckt. Tatsächlich erweckt die Anekdote allerdings das genau falsche Bild von Watts' Lebensleistung. Es gab die Rolling Stones nämlich nicht zuletzt deshalb, weil Watts sich fast immer zurücknahm. Musikalisch und persönlich. Er war ein großartiger Schlagzeuger, der vom Jazz kam und somit eigentlich spielen konnte, was er wollte. Doch das war im Rhythm & Blues der Rolling Stones nicht gefragt. Hier ging es um Zurückhaltung, Takthalten, darum, ein Fundament zu legen, auf dem sich das Aufmerksamkeitsduell Jagger-Richards vollziehen konnte. 1963 holten sie ihn in die Band. Und in »The Last Time«, »(I Can't Get No) Satisfaction« oder »Paint It Black« kann man hören, wie wunderbar er den Schlagzeugstil des Motown-Soul nachbauen konnte, seine Entscheidung, die Session zu »Street Fighting Man« auf einem schrottigen Kinderschlagzeug zu spielen, gab dem Song seinen besonderen Klang. Watts machte nie mit bei den Materialschlachten, die sich Schlagzeuger ab den Siebzigern lieferten, er blieb bei seinem kleinen Set-up und war durch die innere Distanz, die er zu den Stones hatte, einer der Gründe, warum es immer weiterging mit dieser Band. Spät, mit über vierzig, war er für eine kurze Zeit heroinabhängig. Nebenbei spielte er immer wieder in kleinen anderen Bands. Watts war 57 Jahre lang mit derselben Frau verheiratet, mit der er ein Gestüt für die Zucht von Araberpferden betrieb. Mehrmals wurde er in Listen der bestangezogenen Männer der Welt gewählt. Es ist schwer vorstellbar, dass es die Rolling Stones ohne ihn weiter geben wird. Am 24. August ist Charlie Watts in London gestorben.

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