Charlotte Gainsbourg "Ich mag es, isoliert zu sein"

Sex, Skandale und Alkohol begleiten ihr Leben, seit sie denken kann: Charlotte Gainsbourg stand lange im Schatten ihres Vaters Serge. Als Schauspielerin und Sängerin emanzipiert sie sich nun von ihren berühmten Eltern - und kehrt mit ihrem neuen Album zu ihren französischen Wurzeln zurück.

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Charlotte Gainsbourg: Im Namen des Vaters
Einen Film mit Lars von Trier zu drehen, ist eine Grenzerfahrung, zumal für eine Frau. Fast schon legendär, aber dennoch wahr ist die Geschichte der Sängerin Björk, die nach den kräftezehrenden Dreharbeiten zu Triers Musicalfilm "Dancer In The Dark" nie wieder mit dem dänischen Regisseur arbeiten wollte. Trier sei ein "Sexist und ein Seelenräuber", sagte sie damals in einem Interview.

Charlotte Gainsbourg hat mit Lars von Trier im vergangenen Jahr das Ehedrama "Antichrist" gedreht: Ein Paar, Mann und Frau, zieht sich nach dem Unfalltod des gemeinsamen Kindes in ein einsames Waldhaus zurück - und geht aufeinander los. Der brillante, aber durchaus finstere Film diente Trier dazu, seine eigenen Dämonen und Depressionen auszutreiben. Gainsbourg und ihr Filmpartner Willem Dafoe mussten pornografische Sexszenen, Folter, Verstümmelungen und Psychoterror darstellen. Dafür bekam die 38-jährige Französin beim Filmfestival in Cannes den Preis als beste Schauspielerin. Sie hat die physische und psychische Extremsituation in einen künstlerischen Triumph verwandelt.

In Hunderten von Interviews musste Charlotte den neugierigen Journalisten Rede und Antwort stehen: Wie schlimm war es am Set? Wie haben sie die Nacktszenen bewältigt? Was macht so eine krasse Geschichte, was macht ein besessener Regisseur wie Lars von Trier mit Ihnen? Auch das, die bohrenden Fragen der Presse, war für die bisher als medienscheu bekannte Gainsbourg eine Grenzerfahrung. Und nun sitzt sie schon wieder auf einem Hotelsofa. Schon wieder strömen Medienleute hinein und wollen alles wissen: Intimes, Psychologisches, Biografisches, Beweggründe und innerste Motivationen. Anlass ist die Veröffentlichung ihres neuen Popalbums, denn die Tochter von Serge Gainsbourg und Jane Birkin ist auch Sängerin.

"Ich fühlte mich ganz leer"

Vor drei Jahren brachte sie zusammen mit dem französischen Elektropop-Duo Air die CD "5:55" heraus, nun tat sie sich mit dem amerikanischen Songwriter und Musiker Beck Hansen zusammen, um "IRM" aufzunehmen. Musik und Texte schrieb Beck fast im Alleingang, Gainsbourg diente ihm als eine Art Muse, dennoch klingt die Platte nicht wie ein Beck-Album mit fremder Stimme, sie klingt vielmehr wie der Versuch einer talentierten Künstlerin, mit fremder Hilfe etwas Originäres und sehr Persönliches zu schaffen. "Nach dem 'Antichrist'-Dreh riss mich die Arbeit an der Platte wieder aus einer großen Melancholie", erzählt sie im Interview. "Ich war so erschöpft, ausgelaugt und traurig, dass es vorbei war, und fühlte mich ganz leer", erzählt sie. "Die ersten Aufnahmesessions mit Beck waren in Los Angeles, wo ich mich zuerst ganz fremd und allein gefühlt habe. Aber das war genau richtig. Ich mag es manchmal gerne, isoliert zu sein, abgelöst von allem. Und so konnte ich mich langsam wieder daran gewöhnen, mit normalen Leuten umgeben zu sein."

Sie lächelt nur kurz und ein bisschen schüchtern, als sie das mit leiser, ruhiger Stimme sagt. Charlotte Gainsbourg ist eine schmale Person, ein Eindruck, der sich noch dadurch verstärkt, dass sie gerne mit vorgezogenen Schultern leicht vornüber gebeugt sitzt. Ihre schulterlangen glatten Haare lässt sie sich gerne ins Gesicht hängen, das schön ist, herb und ernst. Man sieht ihre Schönheit, ebenso wie ihre Stärke, erst beim zweiten Hinsehen, das macht sie interessant. Und ein bisschen geheimnisvoll.

Sie versteckt sich gerne, genießt es, eine Rolle zu spielen, vorzugeben, jemand anderes zu sein. Man lernt das wohl als Kind berühmter Eltern, zumal wenn es keine normalen Promis sind, sondern Europas Skandalpaar der sechziger Jahre. Schön früh wurde Charlotte mit der künstlerischen Unverfrorenheit ihres Vaters konfrontiert, sie war 13, als sie sich in einem Videoclip halbnackt mit Serge auf einem Bett räkelte und mit ihm im Duett den provokanten Song "Lemon Incest" sang. Sex, Zigaretten und Alkohol, Genie und Wahnsinn begleiten Charlotte, seit sie denken kann, der Rock'n'Roll-Lifestyle ihres übermächtig strahlenden Papas und ihrer als Fotomodell und laszive Stimme des Hits "Je t'aime...moi non plus" berühmt gewordenen Mutter.

Jahrelang wollte Charlotte in Interviews nicht auf ihre Eltern angesprochen werden. Man versteht das. "Nicht weil ich meine Eltern nicht liebe, im Gegenteil, aber ich wollte nicht die ganze Zeit über sie reden. Nach und nach wurde es leichter, es kam mir plötzlich nicht mehr so dramatisch vor. Ich hatte mir allmählich mein eigenes Werk aufgebaut, hatte meinen eigenen Weg eingeschlagen, meine eigene Familie gegründet. Heute weiß ich, wer ich bin, und brauche meine Eltern nicht mehr als übermächtige Modelle."

"Beck wollte, dass ich mich zu meinen Wurzeln bekenne"

Die Anerkennung als Schauspielerin, die Auszeichnung von Cannes, die freundliche Reaktion der Medien auf ihr erstes Album - all das dürfte dazu beigetragen haben, dass Charlotte auf "IRM" erstmals seit 20 Jahren in der Sprache ihres Vaters singt. "Ich wollte beim ersten Album nicht auf Französisch singen, und ich wollte es eigentlich auch bei diesem Album nicht. Aber Beck hat mich ausgetrickst. Er bat mich, den Text seines Songs 'Voyage' zu übersetzen, weil er wissen wollte, wie es sich anhören würde. Nach und nach hat er mich dann überzeugt, es auch auf Französisch zu singen. Er wollte, dass ich mich zu meinen Wurzeln bekenne."

Es gibt noch zwei weitere französische Songs auf dem Album, eine Coverversion des Ferland-Klassikers "Le Chat du Café des Artistes" und die musikalische Umsetzung des Apollinaire-Textes "La Collectioneuse", die Gainsbourg in der Sprache ihres Vaters singt. Aber so ganz geheuer, gesteht sie, ist es ihr immer noch nicht. "Ich brauche beim Singen immer ein bisschen Distanz, und auf Französisch geht das nicht, weil die Sprache so nah an mir dran ist. Ich fühle mich viel freier in Englisch. Mein Vater hat so viel mit der französischen Sprache probiert und erreicht, dass ich bei jedem Wort, das ich singe, nur daran denke. Das ist zu schwer für mich. Ich möchte nicht neu erfinden, was er getan hat. Ich liebe ja, was er gemacht hat."

"IRM" ist die Abkürzung des französischen Begriffs für Kernspintomografie. Das Album heißt so, weil Charlotte Gainsbourg 2007 beim Wasserskifahren eine Kopfverletzung erlitt, die zu einer schweren Hirnblutung führte. Nachdem die Ärzte sie zunächst ohne Befund entlassen hatten, litt sie wochenlang unter Kopfschmerzen, erst eine Tomografie brachte das lebensbedrohende Hämatom zum Vorschein. Noch so eine Grenzerfahrung.

Die Gedanken über Leben und Tod, über Geister aus der Vergangenheit und Erinnerungen, über das, was sich im Kopf herumdreht und wie flüchtig alles ist, bestimmen den Sound und die Songs des Albums. "Auch wenn Beck die Texte für die neue Platte geschrieben hat, habe ich doch das Gefühl, dass er dabei zu meinen persönlichsten Gefühlen vorgedrungen ist. Wir hatten sehr schnell einen sehr guten Draht zueinander, die Chemie stimmte einfach." So gut anscheinend, dass sich eigenartige Zufälle ereigneten: "In dem Song 'Master's Hands' kommt die Zeile 'Drill my brain/ All full of holes' vor, die natürlich sehr gut zu der Geschichte meines Unfalls passt. Aber als Beck die Zeilen schrieb, wusste er noch gar nichts davon, dass ich diese Erfahrung tatsächlich gemacht hatte."

"Wir haben uns ohne Worte verständigt"

Sie mag es, sich beim Film in die Hände eines Regisseurs zu begeben, gesteuert zu werden, erzählte sie schon früher gerne in Interviews. Wie ist es in der Musik, hatte Beck hier auch die Rolle eines Regisseurs inne? "Man kann das schon so sagen, aber es gab einen entscheidenden Unterschied: Er wollte, dass das Album nach mir klingt. Es ging ihm nicht darum, mich in eine seiner Geschichten zu integrieren. Wir mussten die Geschichte zusammen erfinden. Beim Film sind die Regeln ganz anders. Es kann Improvisationen geben, aber am Ende bleibt es immer der Film des Regisseurs und seine Story. Du bist kein Objekt, das wäre ich nicht gerne, aber du bist wie eine Art Marionette. In 'Master's Hands' geht es genau darum. Ich mag es, auf diese Weise robotisiert zu werden. Weil ich meine Freiheit darin finden kann, auf diese Art gefesselt zu sein. Aber mit Beck war es ganz anders."

Der US-Sänger und Produzent, der mit der Single "Loser" und melancholischem Elektro-Folk berühmt wurde, hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass er ein glühender Bewunderer Serge Gainsbourgs ist. Auch Charlotte wusste das, als sie ihn fragte, ob er ihr neues Album produzieren wolle. "Es war schön zu wissen, dass Beck ein so großer Fan meines Vaters ist, aber wir haben überhaupt nicht darüber gesprochen. Wir haben diese verschiedenen Einflüsse, zum Beispiel die afrikanischen Rhythmen, die an ihn erinnern, auf dem Album, und ich bin sehr stolz darauf. Es war, als würde ich in eine Welt eintreten, die ich kenne. Ich war froh über diesen Link. Aber wir haben uns darüber ohne Worte verständigt."

Beck sagt über Charlotte, sie sei "extrem intelligent, sehr stark und sehr offen für Einflüsse, obwohl sie weiß, was sie will. Es geht eine Menge in ihrem Kopf vor". Sie sei dabei, sagte er in einem Interview mit der Plattenfirma Warner, "ihre eigene Stimme zu finden".

Wahrscheinlich ist da etwas dran. Musik zu machen, sagt sie, sei viel intimer, als Filme zu drehen: "Du versteckst dich weniger. In einem Film ist es okay, sich zu verstecken, weil niemand wirklich erwartet, dass du dich selbst spielst. Man kann sich zwar auch hinter der Musik verstecken, aber deine eigene Stimme kannst du nun einmal nicht verbergen." Im Frühjahr wird Charlotte Gainsbourg erstmals mit ihrer eigenen Musik auf Tournee gehen. Eine neue Grenzerfahrung.



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Seite 1
Gyl 19.12.2009
1. Sex, Skandale und Alkohol...
Zitat von sysopSex, Skandale und Alkohol begleiten ihr Leben, seit sie denken kann: Charlotte Gainsbourg stand lange im Schatten ihres Vaters Serge. Als Schauspielerin und Sängerin emanzipiert sie sich nun von ihren berühmten Eltern - und kehrt mit ihrem neuen Album zu ihren französischen Wurzeln zurück. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,667352,00.html
Meins auch...und ich muss sagen: schöne Begleitung.
spiegeldich 20.12.2009
2. Zum Vergessen, diese Dame
Zitat von sysopSex, Skandale und Alkohol begleiten ihr Leben, seit sie denken kann: Charlotte Gainsbourg stand lange im Schatten ihres Vaters Serge. Als Schauspielerin und Sängerin emanzipiert sie sich nun von ihren berühmten Eltern - und kehrt mit ihrem neuen Album zu ihren französischen Wurzeln zurück. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,667352,00.html
und nun den Deckel drauf auf minimale künstlerische Aktionen und Tschüss
boer640 20.12.2009
3. Sex, Skandale und Alkohol
wer braucht denn heute noch Skandale?
saul7 20.12.2009
4. Dass
Zitat von sysopSex, Skandale und Alkohol begleiten ihr Leben, seit sie denken kann: Charlotte Gainsbourg stand lange im Schatten ihres Vaters Serge. Als Schauspielerin und Sängerin emanzipiert sie sich nun von ihren berühmten Eltern - und kehrt mit ihrem neuen Album zu ihren französischen Wurzeln zurück. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,667352,00.html
man als Tochter eines "übermächtigen Vaters" gern mal mit neurotischen Verhaltensmustern antwortet, ist nicht verwunderlich. Erstaunlich wäre, wenn sie nicht so reagiert hätte und ihr Leben immer glatt gelaufen wäre...;-)
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