Charlotte Gainsbourg in Hamburg Rausgehen, um reinzulassen

Spätes Coming-out: Charlotte Gainsbourg ist mit 38 Jahren zum ersten Mal als Sängerin auf Tournee. Bei ihrem Deutschland-Debüt überrascht die fragile Schauspielerin nicht nur mit einem selbstbewusst-kraftvollen Auftritt, sondern auch mit einer Liebeserklärung an Vater Serge.

Sängerin Gainsbourg in Hamburg: Sparsame Bewegungen
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Sängerin Gainsbourg in Hamburg: Sparsame Bewegungen


Grelle Lichteffekte blenden das Publikum. Charlotte Gainsbourg steht inmitten ihrer fünfköpfigen Band auf der Bühne und ist nur in Umrissen erkennbar. Sie hält ihren Kopf gesenkt, so dass ihre langen braunen Haare das Gesicht verdecken. Auf sechs kleinen Bildschirmen flimmern bunte medizinische Querschnitte eines menschlichen Gehirns. Ein dunkler, synthetisierter Ton setzt ein. Aggressiv, voller Rhythmus und Leidenschaft schlägt Gainsbourg auf die Trommel neben ihr ein.

Wenn sie singt: "Leave my head demagnetized, tell me where the trauma lies", klingt ihre Stimme sanft und stark zugleich. In Interviews hat Charlotte Gainsbourg immer wieder ihre Schüchternheit und Unsicherheit beschrieben. Auf der Bühne des Hamburger Schauspielhauses an diesem Sonntagabend, bei diesem ersten Deutschlandkonzert ihrer ersten Europatournee, geht sie nun aus sich heraus. Mit ihren Texten lässt sie das Publikum an ihren Gedanken teilhaben. Vielleicht sind es ja sogar ihre eigenen Tomografiebilder, die dort im Hintergrund aufflackern.

Das erste Lied ist "IRM", der Titelsong des Ende letzten Jahres erschienenen Albums. "IRM" ist das französische Kürzel für Kernspin-Tomografie, der sich Gainsbourg nach einer Hirnblutung häufig unterziehen musste. Das Stück klingt entsprechend düster und löst mit all seinem mechanischen Stottern und Knarzen Beklemmungen aus. Genau dieses Gefühl muss sie gehabt haben, wann immer sie in der engen Röhre lag. Trotzdem hat sie sich in dieser sterilen Krankheits- und Krankenhausumgebung für ihr zweites Album inspirieren lassen. Die Krankheit scheint sie mutig gemacht zu haben: Sie reißt in die unterschiedlichsten Richtungen aus, mischt Elektro mit Chanson, Pop und Folk.

Verträumt flüsternder Gesang

Nach überstandener Behandlung nahm sie sich zwei Dinge vor: über ihre gesundheitliche Krise zu singen und mit dem amerikanischen Musiker Beck zusammenzuarbeiten. Im Frühjahr letzten Jahres reiste sie in sein Studio nach Los Angeles, wo die beiden mit der Arbeit an gemeinsamen Songs begannen. Eine der ersten Früchte dieser Arbeit war "Master's Hands". Zwar geschrieben von Beck, enthält es dennoch genaue und eindringliche Beschreibungen ihrer Gefühle: "Drill my brain/ All full of holes/ And patch it before it leaks."

Anstatt sich in ihrer Scheu mit den Gedanken zurückzuziehen, öffnet Gainsbourg mit diesen Texten einen Zugang zu ihrem Kopf. Auf der Bühne kostet sie das manchmal noch Überwindung. Doch sie fühlt sich sichtlich wohl mit den Songs, die auf dem Album unverkennbar Becks Handschrift tragen. Erst hier, auf der Bühne, macht sie sie sich zu eigen. Und dann gibt es die Momente, in denen sie ihre nicht sehr kräftige Stimme erhebt und aus sich herauskommt, um gleichzeitig das Publikum zu sich hereinzulassen. Das spüren die Menschen auf den Sitzen im viel zu gediegenen Ambiente des Hamburger Theaters. Sie wollen sich mitreißen lassen und würden am liebsten aufspringen.

Dennoch ist es spürbar, dass Charlotte Gainsbourg, mit Ausnahme einiger kleinerer Auftritte, fast 25 Jahre lang nicht vor Publikum gesungen hat. Sie bewegt sich sparsam. Immer wieder streicht sie sich fast verlegen den langen Pony aus dem Gesicht. Ihre Arme hängen die meiste Zeit ganz ruhig neben ihrem schmalen Körper. Nur sehr selten sucht sie den Blickkontakt zu ihrem Publikum. Erreicht ein Song seinen rhythmischen Höhepunkt, beginnt Gainsbourg leicht mit dem Kopf zu wippen und schließt die Augen. Ihr verträumt flüsternder Gesang scheint dabei zu sagen: "Ich gebe euch etwas Geheimnisvolles, sehr Persönliches preis."

Das war nicht immer so, denn als Kind des Chanson-Titanen Serge Gainsbourg und der Pop-Ikone Jane Birkin muss man sich entscheiden: Entweder sucht man sich eine Branche weit weg von der Musik und macht sein eigenes Ding. Oder man versucht, in die Fußstapfen der Eltern zu treten und hofft, dass sie sich nicht als zu groß erweisen. Charlotte Gainsbourg hat sich lange Jahre für die erste Variante entschieden - und kann eine erfolgreiche Karriere als Schauspielerin vorweisen. Zuletzt spielte sie die Hauptrolle in Lars von Triers kontrovers diskutiertem Film "Antichrist", der im vergangenen Herbst mit harten Gewalt- und Sexszenen vom Exorzismus einer Liebesbeziehung erzählte.

Keine Angst vor dem Erbe

Ihr musikalisches Debüt gab sie 1985 im Duett mit ihrem Vater. Der besang in dem Lied "Lemon Incest" die Liebe zu seiner damals 13-jährigen Tochter - ein Skandal. Erst 20 Jahre später veröffentlichte sie gemeinsam mit dem französischen Elektropop-Duo Air ihr erstes eigenes Album "5:55", auf dem sie sich mit ihrer Stimme zeitweise noch sehr zurücknahm. Auf der einen Seite belastete sie ihr großer Name, gleichzeitig konnte sie sich dem musikalischen Einfluss ihres Vaters Serge aber nicht entziehen. Um dem entgegenzuwirken, hatte sie bisher immer jemanden an ihrer Seite, der sie musikalisch an die Hand nahm - zunächst Air und nun Beck, der die meisten Texte und die Musik für "IRM" geschrieben hat und auch Gainsbourgs Live-Band selbst zusammenstellte.

Doch im Hamburger Schauspielhaus ist von der Angst vor dem großen Erbe des Vaters nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil: Zum ersten Mal singt sie auch auf Französisch ("Voyage", "La Collectionneuse", "Le chat du café des artistes"). Dass sie es sich überhaupt zutraut, in der Sprache ihres Vaters zu singen, ist für Charlotte Gainsbourg ein mutiger Schritt.

Leise dankt sie Beck für seine "großartigen Songs". Doch das beste "Repertoire", das es für sie gebe, sagt sie, sei das ihres Vaters. Das Publikum dankt ihr dieses persönliche Bekenntnis mit Jubel. Zum Schluss singt sie voller Hingabe Serges Multikulti-Hymne "Couleur Café". Dabei wirkt sie zunächst wieder wie das kleine Mädchen von 1985. Als sie dann jedoch für einen Moment die Kontrolle abgibt, herrscht gelöste Stimmung auf der Bühne, und das Publikum kommt ganz nah an die neue, gelöste Charlotte Gainsbourg heran - obwohl es bei dieser ersten Live-Begegnung noch sitzen bleiben muss.



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