Chinesische Popmusik Sa Dingdings Gespür für Zensur

China und Popkultur? Verschiedene Welten. Sa Dingding, frisch gekürte Gewinnerin des BBC World Music Awards, gilt als Hoffnungsträgerin einer neuen musikalischen Freiheit im Reich der Mitte. Stefan Krulle traf die junge Musikerin zum Interview - und erlebte eiserne Linientreue.


Wenn Sa Dingding Schwänke aus ihrer Jugend erzählt, dann klingt es fast so, als hätte sie ihre jungen Jahre auch in den Siebzigern in Herne oder Fallingbostel verlebt: "Das Land ist so viel offener geworden", erzählt die junge Frau, "wir haben heute leichten Zugang zu allen möglichen Informationen und auch zur modernen Technik, die es uns Musikern erlaubt, unsere Kunst weit über alle Landestraditionen zu erheben." Rock und Pop, beteuert sie, sei ihre Leidenschaft schon mit 13 Jahren gewesen, "heute gehört diese Musik bei uns überall zum Alltag nicht mehr nur in den Metropolen." Doch Sa Dingding rapportiert hier keine deutsche Aufbruchstimmung anno 1973, sie spricht über ihre Heimat China im Jahre 2008. Das weckt natürlich leise Zweifel.

Vor ein paar Wochen erst ist sie mit dem renommierten BBC World Music Award ausgezeichnet worden, auch wenn der Begriff Weltmusik mittlerweile einen ziemlich faden Beigeschmack bekommen hat. Sa Dingding aber will davon nichts wissen, sie filtert ohnehin emsig aus, was nicht in ihr vom offiziellen China diktiertes Weltbild passt. Oder was ihr die Rückkehr in die Heimat unnötig schwer machen könnte.

Dabei agiert sie dort bereits als kleine Revolutionärin, zumindest auf musikalischem Terrain. Für ihr selbstproduziertes Album "Alive" hat sie alle traditionellen chinesischen Instrumente bis auf die 25-saitige Zither und die Pferdekopfgeige durch Elektronik ersetzt. Das Ergebnis dürfte für den durchschnittlichen Volkschinesen beinahe so exotisch klingen wie für uns. Und es dürfte die Zensoren hellhörig machen.

In einem Land, das bekanntermaßen keine wirklich eigene Pop- und Rockkultur entwickelt hat, sondern von sanktionierten Pop-Adaptionen und kritisch beäugten Rock-Exkursen im Pekinger Untergrund heimgesucht wird, könnte Sa Dingding ein mögliches Zukunftsmodell darstellen. "Ich habe den Pop aus eurer Kultur nie exotisch gefunden, ich mochte ihn von Beginn an, er ist so direkt und nimmt dich sofort an die Hand", erzählt sie im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Ein scheuer Blick gen Rocksaum. "Exotisch war für mich eher die ganz traditionelle Musik meines Landes, sie klingt immer so überkultiviert und strahlt damit auch eine Art von Arroganz aus. Wobei ich allerdings das Gefühl habe, dass es euch Europäern mit euren alten Traditionen gar nicht so viel anders geht." Gut beobachtet.

Sa Dingding spricht mitunter ein recht passables Englisch, flüchtet sich im Gespräch aber immer wieder zu ihrer Dolmetscherin, weil offene Fragen und ebensolche Antworten offenbar nicht zum erlernten Handwerk in ihrem Lande zählen. "Junge Künstler", gibt sie zum Besten, "ob nun Musiker, Maler oder Poeten, werden in China sehr schnell wahrgenommen", ein kurzer Blick in die skeptische Miene ihres Gegenübers, "vorausgesetzt natürlich, unsere Medien haben sie erstmal entdeckt." Natürlich.

Solange dem nicht so ist, das erfuhr man erst kürzlich von der wegen ihrer Leidenschaft für harschen Punk-Lebensstil landesweit geächteten Musikern von Joyside, führt der chinesische Musikant ein Leben nicht nur am Rande des Existenzminimums, sondern auch im Fokus der staatlichen Observation.

Über solche Zusammenhänge spricht Sa Dingding gar nicht gern, die hier in Europa ewig gegenwärtige Koexistenz von Fragen zu ihrer Musik mit solchen zur Politik ihrer Heimat ist ihr nicht nur suspekt, sondern regelrecht widerwärtig. "Kunst ist Teil der Kultur, und ich finde es einfach unfair, sie in politische Zusammenhänge zu stellen. Wer Kunst als Politikum sieht, tötet sie hinterrücks." Immerhin aber singt sie selbst in Sanskrit und Tibetisch, zwei Sprachen also, die in China nicht erst neuerdings über alle Kulturen hinaus ihre Bedeutung haben dürften.

"Ich nutze sie aber eigentlich nur", wehrt Sa Dingding ab, "weil sie eine sehr eigene Melodie haben, die sehr gut zu meinen Sounds passt." Und weil verständliche Sprache ja auch immer etwas Limitierendes hat, habe sie eben noch eine eigene Kunstsprache dazu erfunden. "Es hat etwas sehr Meditatives, zu wissen, dass mich jetzt beim Singen manchmal niemand verstehen kann und somit gezwungen ist, sich ganz auf die Musik zu konzentrieren."

Eine leichte Übung, zumindest für junge Chinesen, wie Sa Dingding glaubt. Die Zeit sei reif, dass auch in China Pop und Rock Teil der Landeskultur werden können. "Wir sind längst an diesem Punkt angekommen. Pop ist Teil des chinesischen Lebens, wir haben Casting-Shows im TV, wir haben alles. Linkin Park, Supergrass, Nine Inch Nails, Placebo, Ian Brown und Paul Oakenfoald sind bei uns aufgetreten, ich wüsste eigentlich nicht, wer noch fehlt." Vielleicht das alte Dreieck Sex & Drugs & Rock’n’Roll? Sa Dingding zuckt mit den Achseln, "keine Ahnung. Zu solchen Zirkeln gehöre ich nicht, ich bin meistens zu Hause und benehme mich sehr sittsam."

Am Ende des Interviews möchte man nun aber doch noch eine politische Frage stellen, der man so leicht nicht entkommen kann. Welches denn die lächerlichste Klischees über China seien, denen sie in Europa bislang begegnet ist. "Es ist die Behauptung", sagt Sa Dingding, "dass die Han-Chinesen den Versuch unternähmen, den Rest des Landes zu dominieren. Totaler Quatsch! Meine eine Großmutter ist Christin, die andere ist Buddhistin, ein Teil meiner Familie kommt aus der Inneren Mongolei. Nie hatten wir Probleme." Die Tibeter, wendet man ein, sähen das zurzeit aber wohl ein bisschen anders. "Aber nur in euren Medien, nicht bei uns im Land", so die kurze, aber bestimmte Replik der jungen Musikerin. Damit ist das Gespräch zu Ende. Es hätte noch viele Fragen gegeben. Aber vermutlich nicht allzu viele Antworten. Es wird wohl noch lange dauern, bis China im Kanon der Pop-Nationen eine gewichtige Stimme haben wird. Sa Dingding trägt viel Hoffnung mit sich herum.


Sa Dingding: "Alive" (Wrasse/Harmonia Mundi) ist am 9. Mai erschienen

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