Chopin-Geburtstag Techniker der Melancholie

Der 200. Geburtstag Frédéric Chopins bringt alles ans Licht: legendäre Aufnahmen der Klavierwerke aber auch weniger Bekanntes wie seine Kammermusik. Jetzt gibt's überirdisch Perfektes zum Schleuderpreis.
Fotostrecke

Chopin-Geburtstag: Bon anniversaire!

Foto: Musacchio/ picture-alliance/ dpa

Melancholie für alle: Die Klaviermusik Frédéric Chopins (1810-1849) gehört zur europäischen Folklore, sie hat dem Komponisten schon zu Lebzeiten Popstar-Status beschert. Wie sein Violin-Kollege Niccolo Paganini becircte er ein schwärmendes Publikum und füllte die Salons mit Fans. Doch Chopin komponierte in allen Schwierigkeitsstufen, auch für normal begabte Pianisten gibt es eine Menge spielbarer Stücke vom Meister.

Der vornehme Hauch wehmütiger Tristesse traf offenbar einen entscheidenden Punkt des menschlichen Nervensystems, denn bis heute wirkt Chopins Sound ungebrochen. Selbst abgenudelte Kompositionen wie die dritte Etüde in E-Dur aus op. 10 haben ihre Kraft behalten - Chopin ist unverwüstlich.

Natürlich ist es unwichtig, den wievielten Geburtstag dieser Techniker der Melancholie dieses Jahr feiert. Tonträgerfirmen jedoch sehen das anders: Bei der Deutschen Grammophon zum Beispiel ist "Chopin - Complete Edition" erschienen, einer jener berühmt-berüchtigten Klötze, in denen Gesamtwerke vermarktet werden. Das macht überhaupt nichts, wenn die dicken Dinger Maßgebliches beinhalten - wie in diesem Fall: Sehr viele Aufnahmen sind erstklassig, manche einmalig.

Etüden aus dem Olymp

Aufregend klingen bis heute die Chopin-Etüden in der Interpretation von Maurizio Pollini. Eine bessere Version als diese lässt sich schwer vorstellen, so kraftvoll klar, überwältigend und dennoch gemessen flutet sie über den Hörer hinweg. Sowohl op. 10 als auch op. 25 hatte Pollini für das Album von 1972 eingespielt, das längst als Referenzwerk Eingang in den Klavier-Olymp gefunden hat. Eine veritable Aufnahme für die berühmte einsame Insel, zusammen mit Glenn Goulds "Goldberg-Variationen" oder Kempffs Schubert.

Martha Argerich

Pollini ist auf diesem Chopin-Konvolut auch mit den nicht weniger perfekten Einspielungen der virtuos blitzenden Scherzi und den opulenten Polonaisen vertreten. Das und ähnlich hochklassige Aufnahmen von Claudio Arrau, , Krystian Zimerman sowie kleine Stücke, wunderbar aufgefächert von Anatol Ugorski, zelebrieren Chopins Klavierkosmos auf sehr unterschiedliche Weise. Der Preis der Box übrigens ist beinahe übertrieben niedrig: Die 17 CDs kann man im Internet bereits für ca. 50 Euro bestellen.

Selbstbewusster Zugriff, viel Stilgefühl

Wer lieber Neues entdecken will, kommt im Jubiläumsjahr auch auf seine Kosten. Zum Beispiel bei der jungen Pianistin Alice Sara Ott, die Chopins Walzer mit einer Würze und Entschiedenheit darbietet, die an Dinu Lipattis legendäre Aufnahme von 1950 erinnern. Von der Aura ihrer Wunderkind-Vergangenheit (ein erster Preis schon mit sieben Jahren, weitere folgten) hat sich die 1988 in München geborene Virtuosin gelöst, schon ihr Liszt-Album 2009 brachte ihr enormes Lob. Die Chopin-Walzer zum Jubiläum bestätigen dies, denn Otts Zugriff zeugt von Selbstbewusstsein und Stilgefühl. Sie verlässt sich nicht allein auf Technik, sondern nimmt sich Zeit - entsprechend rund klingt das Ergebnis.

Mstislaw Rostropowitsch

Aus Dänemark stammt der junge Cellist Andreas Brantelid, der sich auf seiner neuen CD (EMI Classics) Chopins Kammermusik annimmt. Die Cellosonate op. 65, das Piano-Trio op. 8 sowie das Grand Duo über die Meyerbeer-Themen nimmt er mit nobler Zurückhaltung, dezent und verfeinert. Eine interessante Darstellung. Im Rahmen des "Complete Chopin" spielen diese Stücke das Beaux Arts Trio sowie Martha Argerich im Duo mit - ein nicht ganz fairer Vergleich, aber spannend. 2008 debütierte der 1987 in Kopenhagen geborene Brantelid auf CD unter anderem mit den Konzerten von Schumann und Tschaikowskis "Rokoko-Variationen". Ein Pflichtprogramm für Newcomer, das er mit seinem Grancino-Cello von 1690 brillant absolvierte. Mit der neuen Veröffentlichung beweist er Sinn für Besonderes - denn Chopins Kammermusik ist nicht allzu spektakulär. Aber sehr griffig, auch außerhalb des Tastenuniversums.


CDs:
"Chopin - Complete Edition" mit Maurizio Pollini, Krystian Zimerman, Claudio Arrau, Vladimir Ashkenazy, Martha Argerich, Yundi Li u.a. / Klavier (Universal/Deutsche Grammophon 00289 477 8445);
"Chopin Complete Waltzes" mit Alice Sara Ott, Klavier (Universal/Deutsche Grammophon 477 8095);
"Chopin - Chamber Music" mit Andreas Brantelid/Cello, Marianna Shirinyan/Klavier, Vilde Frang/Violine (EMI 6 87742 2).

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.