Thielemann über Wagner Den rechten Takt halten

Er schätzt Lars von Trier, verachtet das Regietheater: Christian Thielemann ist der schillernde Konservative unter den Dirigenten. Jetzt schreibt er über Richard Wagner, den Lieblingskomponisten des deutschnationalen Bürgertums - die Auseinandersetzung mit dessen Antisemitismus allerdings wirkt distanziert.

Thielemann mit der Sächsischen Staatskapelle: Antrittskonzert als Chefdirigent
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Thielemann mit der Sächsischen Staatskapelle: Antrittskonzert als Chefdirigent


Dieses Buch macht Spaß. Zumindest, wenn man neben einem Faible für Richard Wagner auch einige Vorkenntnisse in Sachen Musik und Theater mitbringt. Christian Thielemanns "Mein Leben mit Wagner" unterscheidet sich hier deutlich von samtweichen Klassikverführern wie etwa jenen von Daniel Hope ("Wann darf ich klatschen?") oder Ingo Metzmacher ("Keine Angst vor neuen Tönen"), die mit ihren Büchern unentschlossene Musikfans mit der beliebten "Ist doch alles gar nicht so schwierig!"-Attitüde abholen wollen.

Thielemann, derzeit gefragtester Wagner-Dirigent, setzt wirkungsvoll auf Fachkenntnis, Erfahrung und jene gehörige Portion Selbstbewusstsein, die man aus seinen Interviews kennt. Man darf sich also nicht an dem zum Teil etwas lehrerhaften Ton stören, mit dem er gern stirnrunzelnd urteilt und vom aufreibenden Leben im Orchestergraben erzählt. Dann allerdings erfährt man von Thielemann einiges - über Wagner und wie man ihn als Musiker einigermaßen sicher über die Distanz bringt.

Denn Wagner fordert eine Menge von seinen Interpreten. Das weiß zwar auch mancher Laie, aber was wirklich passieren muss zwischen Orchester, Sängern und Bühne, fächert Thielemann in den didaktisch sauber aufbereiteten Kapiteln meist unterhaltsam und mit oft schneidender Rhetorik sorgfältig auf. Klar, dass dabei auch das von ihm nicht sonderlich geschätzte Regietheater sein Fett wegbekommt.

Reine Lehre

Dagegen erläutert er aber auch die Meriten seiner Lieblingsregisseure wie Ruth Berghaus und Götz Friedrich, deren Inszenierungen auch nicht immer sogleich das Wohlwollen der traditionsbewussten Wagnergemeinde fanden. Doch Thielemann schätzt auch die launig-witzigen Regiewege eines Hans Neuenfels und dessen Bayreuther "Lohengrin"-Version. Und selbst der dänische Filmregisseur Lars von Trier, dessen "Ring des Nibelungen"-Konzept bei den Festspielen nicht realisiert werden konnte, findet nicht nur Gnade vor Thielemanns Augen, sondern er zeigt höchsten Respekt für dessen abgedrehte Wagner-Ideen. Man glaubt es fast, dass Thielemann gern mit dem rasenden Dänen zusammengearbeitet hätte.

Seinem Verhältnis zu Bayreuth, dessen Geschichte und den künstlerischen Bedingungen auf dem Grünen Hügel widmet Thielemann natürlich breiten Raum. Auch Richard Wagners Antisemitismus nimmt er sich vor. Er tut dies mit spitzfingriger Distanz, und immer setzt er Wagners künstlerische Persönlichkeit und seine revolutionären Leistungen fürs Musiktheater dagegen - politisch-weltanschauliche Einwände muten da leicht wie lästige Pflichtübungen fürs kritische Feuilleton an. Aber Thielemann sieht sich selbst auch nicht als Botschafter einer Kunstideologie, sondern als grundsolider, dienender Kapellmeister, ein Mann der reinen Lehre. Und er erklärt und verteidigt diesen Kapellmeister-Begriff, an dem ihm sehr viel liegt, aus Geschichte und dem Wesen des Orchesters.

Exzellente Schlagtechnik

Dafür lieben ihn viele Musiker, mit denen er arbeitet, durchaus. Als er in München Chef der dortigen Philharmoniker war, galten dem selbstbewussten Orchester sogar seine Bruckner-Interpretationen als makellos - bei den Mitwirkenden, die zuvor unter Sergiu Celibidache, dem Bruckner-Experten schlechthin, gedient hatten. Dass die Wertschätzung als Dirigent immer zuerst etwas mit Handwerk - Kapellmeisterhandwerk - zu tun hat, erklärt Thielemann an vielen Stellen seines Buches. Schlagtechnik und welches die Ergebnisse sind, was man in Partituren außer Noten lesen kann, und wer von seinen großen Kollegen und Vorgängern was genau richtig gemacht hatte: viele Details, Darstellungen, auch Anekdoten, aber erfreulich wenig Klatsch. Dafür Zwischenmenschliches ohne Häme oder Hohn.

Auf jeden Fall kann man nach Lektüre des Buches jede Konversation über Wagner-Opern mit kundigen Bemerkungen würzen, denn Christian Thielemanns literarischer Beitrag zum Wagner-Jahr 2013 hält sich an keiner Stelle mit allzu hermetischen Erörterungen auf. Exzellente Schlagtechnik auch hier: Thielemann hat sprachlichen Groove und trifft in seinen Ausführungen meist schnell den Punkt. Sein Leben mit Wagner scheint eine rundum glückliche Verbindung zu sein.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: John Grays "Wir werden sein wie Gott", Fritz Rudolf Fries' "Der Weg nach Oobliadooh",Norbert Scheuers "Peehs Liebe", John Lanchesters "Kapital", Edward Lewis Wallants "Mr Moonbloom", Ayad Akhtars "Himmelssucher", und J. J. Sullivans "Pulphead".

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frunabulax 09.11.2012
1. Per Buch besser als am Pult?
Sollte das Buch wirklich interessant sein? Dann hätte es den Thielemann-Aufnahmen entscheidendes voraus. Ich habe noch keine Thielemann Aufnahme gehört, die mich hat aufhorchen lassen. Sein Wagner, Brucker, Strauss ist für mich allenfalls langweiliges Mittelmass. Thielemanns Beethoven Zyklus ist der langweiligste der letzten 10 Jahre.
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