Abbado-Nachlass Der Frühvollendete

Zaubern konnte Claudio Abbado nicht, aber oft hörte es sich so an. Die historischen Aufnahmen des im Januar verstorbenen Dirigenten bescheren diese Wunder. Schubert verdichtet, Wagner luftig leicht: Beispiele aus Abbados Schatzkammer.

Archiv Max Kellenberger/ Lucerne Festival

Bloß keine Exzesse! Als Claudio Abbado 1978 mit den Wiener Philharmonikern beim Lucerne Festival gastierte und Franz Schuberts "Unvollendete" dirigierte, war er schon seit sieben Jahren erfolgreicher Musikchef der Mailänder Scala und mit allen emotionalen Wassern gewaschen. Daher verblüffte umso mehr die noble Dezenz, der respektgetragene Ernst, mit der Abbado Schuberts Hit-Symphonie anging. Die modisch flotten Tempi, die schroffen Gegensätze und pointierten Abgründe, die führte ein Jahr später mit demselben Orchester Carlos Kleiber vor.

Claudio Abbado schien mit seiner Interpretation der h-Moll-Symphonie (früher als Achte, heute als Siebente gezählt) die damalig klassische Schubert-Sicht abschließen zu wollen. Die ernste Melancholie, keinesfalls rührselig, sondern sentimentalisch im Sinne Schillers - ursprüngliche Natürlichkeit durch Reflexion zurückgewinnen - prägt von Beginn an das nur scheinbar nicht beendete Werk, dem Abbado und die Wiener hier eine Referenz-Fassung geben.

Abbado spürt behutsam dem Atem von Schuberts Musik nach, lässt ihr Zeit, obwohl er nicht jede Wiederholung spielen lässt. Dennoch erinnern seine Tempi an Sergiu Celibidache, der wie Abbado ein Live-Künstler war. Während Celibidache jedoch ein penibler Lehrer war, der strenge Anweisungen gab, ließ Abbado stets gern das Orchester spielend seinen Weg finden, er inspirierte den Fluss der Musik, vertraute dann auf den Moment der Ausführung im Konzert.

Das fetzt!

Nun waren die Wiener Philharmoniker noch nie ein Orchester, das es gastierenden Dirigenten leicht machte, und Claudio Abbado führte hier keinen Kampf mit dem elitären Klangkörper. Auf jeden Fall hört man bei diesen zwei Sätzen eine beseelte Harmonie zwischen dem nicht mehr ganz jungen Maestro, 45, und dem altbewährten Orchester, dessen Sound zwar immer Markenqualität besaß, das aber gern den kreativen Funken einer kompetenten Führungskraft aufnahm.

Sonst wären solche epochalen Ausbrüche bei scheinbar auserzählten Gassenhauern wie Johann Strauß' "Fledermaus"-Ouvertüre im Neujahrskonzert 1989 unter Carlos Kleiber nicht möglich gewesen. Zu welch überbordender Emotionalität Claudio Abbado in diesen Jahren fähig war, zeigte er ein Jahr später mit der Aufnahme des Verdi-Requiems (Plácido Domingo strebte gerade zum Zenit seiner Karriere) am Pult des Orchester der Mailänder Scala. Das fetzte enorm, vor diesem "Tag des Zorns" konnte man sich wahrlich fürchten.

Ohne solche Beben kam Abbado 1988 aus, als er bei seinem geliebten Lucerne Festival (er hielt der Veranstaltung über 50 Jahre die Treue) Beethovens Symphonie Nr. 2 aufs Programm setzte, diesmal mit dem Chamber Orchestra of Europe. Das Orchester, dessen 50 Mitglieder sich auf dem früheren European Community Youth Orchestra rekrutierten, wurde 1981 gegründet. Claudio Abbado war künstlerischer Leiter der ersten Stunde. Klassisches Kernrepertoire mit frischem Ansatz prägte das Repertoire, und seinerzeitige Pultavantgardisten wie Nikolaus Harnoncourt formten neben Abbado das Ensemble. So klingt die 1988 aufgenommene frühe Beethoven-Symphonie technisch routiniert und frisch zugleich: Ein Orchester neuen Formates, das seinen Stil gefunden hatte.

Durchsichtige Klarheit und filigrane Klanggebung machten aus Richard Wagners "Siegfried-Idyll" ein still fließendes Kabinettstück voll intimer Leuchtkraft. Zumindest auf diese Seite Wagners verstand sich Abbado sehr gut, was aber auch für die Vielseitigkeit Wagners spricht, an dessen Wohnort Tribschen bei Luzern das Festival 1938 am Vierwaldstättersee aus der Taufe gehoben wurde. Das Festival sollte auch ein Zeichen gegen die Nazi-Diktatur in Deutschland sein: Dirigenten wie Arturo Toscanini, der das Festival eröffnete, Bruno Walter oder Fritz Busch konnten hier frei arbeiten.

Mit Claudio Abbado und Pierre Boulez fand das Festival später Künstler, die sich vor allem in den Dienst am musikalischen Nachwuchst stellten, neben den vielen Konzerten zwischen Klassik und Moderne, die seit Gründung des Lucerne Festivals Jahr für Jahr ein großes Publikum anziehen. Mit Claudio Abbados Tod im Januar 2014 verlor das Unternehmen eine seiner Galionsfiguren - doch es lebt weiter, denn das Festival war immer in erster Linie eines der Musik, nicht der Stars.


CD-Angaben:
Claudio Abbado: Lucerne Festival. Wiener Philharmoniker, Chamber Orchestra of Europe, Leitung: Claudio Abbado. Audite; 12,99 Euro.



insgesamt 2 Beiträge
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westerwäller 20.04.2014
1. Der Genius des göttlichen Dirigenten ...
... jedesmal, wenn ich so etwas lese, fällt mir der alte Witz ein: Zweiter Geiger des Orchesters kommt abends nach Hause. Seine Frau fragt ihn: " Du, Heute war doch Karajan als Dirigent da, was hat er denn gegeben?" "Weiß ich nicht Schatz, wir haben jedenfalls Lohengrin gespielt."
Harald Tessen 21.08.2014
2. Feuilleton
Kann mich noch erinnern, wie häßlich Ihr Magazin über Abbado geschrieben hat (ein gewisser Umbach). Und jetzt - wieder völlig übertrieben - das Gegenteil.
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