Coco Lee Frau ohne Eigenschaften

Unter den Fittichen von Tommy Mottola avancierten schon Celine Dion und Ex-Ehefrau Mariah Carey zu Weltstars. Nun plant der Sony-Chef den nächsten Goldkehlchen-Coup: Neuester Stern am Pophimmel soll die in Hongkong geborene Coco Lee werden.

Von Stefan Meyer


Wie macht man eine Sängerin zum Star? Früher galten Identität, ein originelles Outfit und ein typischer Musikstil als beste Zutaten für das Erfolgsrezept. Ob der ewige Jungbrunnen Cher, die harte Arbeiterin Tina Turner, die bis zur Schmerzgrenze aseptische Mariah Carey oder die romantische Celine Dion - jedem dieser Stars sind unverwechselbare Eigenschaften zuzuordnen.

Sängerin Lee: "Mariah Carey des Ostens"
EPIC

Sängerin Lee: "Mariah Carey des Ostens"

Aber wie lässt sich dieser Liste noch eine weitere Diva hinzufügen? Man nimmt sich einfach von allem etwas und kreiert aus der Mixtur eine neue Popkünstlerin, mag sich Sony-Music-Boss Tommy Mottola gedacht haben, der bereits Celine Dion und Mariah Carey zu Ruhm verhalf.

Mit Mariah Carey verband Mottola nicht nur das Geschäft, beide waren auch privat ein Paar. Unvergessen ist die aufwendig inszenierte Hochzeit im Juni 1993, als der Plattenmogul seine Cinderella nach Hause führte. Aber bald wollte Mariah nicht mehr so wie Mottola. Nach handfesten Streits kam schließlich 1996 die Trennung, begleitet von einem medialen Overkill.

Bald darauf traf Mottola die selbstbewusste Coco Lee und nahm sie sofort unter Vertrag. Die in Hongkong geborene und in San Francisco aufgewachsene Sängerin verkaufte in Fernost mit chinesischen und englischen Songs über sieben Millionen CDs und wurde von der dortigen Presse bereits als "Mariah Carey des Ostens" gefeiert. Mit solchen Vorschusslorbeeren, so das Kalkül des Sony-Chefs, könnte sie es auch auf der westlichen Landkarte des Pop zu etwas bringen.

Den ersten Schritt für die weltweite Karriere tat Coco Lee bereits 1995, als sie sich den Produzenten Walter Afanasieff holte, der auch mehrere Hits für Mariah Carey ablieferte. Zwei Jahre später folgte ein Duett mit Julio Iglesias für die asiatische Version seines Greatest-Hits-Albums "My Life". Bei ihrem Auftritt während der Fußball-WM 1998 in Frankreich blieb Lee zwar im Schatten von Latino-Star Ricky Martin, aber die Karriere war bereits geplant. Im Juni 1999 trat Coco Lee beim Michael-Jackson-Benefizkonzert "What More Can I Give?" in Korea auf; als nächstes tauchte ihre Ballade "Before I Fall In Love" im Kinohit "Die Braut, die sich nicht traut" mit Julia Roberts und Richard Gere auf.

Verzichtet auf markante kulturelle Referenzen: Coco Lee
EPIC

Verzichtet auf markante kulturelle Referenzen: Coco Lee

Zwar kopieren Künstler des fernen Ostens gern amerikanische Vorbilder. Das heißt allerdings noch lange nicht, dass sich der westliche Popmarkt auch für die östliche Kultur interessiert. Sicherheitshalber haben Mottola und seine Manager deshalb auf ein auffallend fernöstliches Outfit oder andere markante kulturelle Referenzen verzichtet. Statt Coco Lees Herkunft zum Thema zu machen, stylte man die 26-Jährige zur weltmarkttauglichen Mainstream-Sirene.

Die Kreation des stromlinienförmigen Images könnte zum Kardinalfehler des Managements werden. Denn obwohl sie von ihrer Plattenfirma hoch gehandelt und intensiv promotet wird, bietet Lee außer dutzenden von verschiedenen Frisuren - mal blond, mal schwarz, mal braun - und einem trendgemäßen Outfit nicht allzu viel, was ihr individuellen Charakter verleihen könnte.

Auch die Musik ihres Anfang Juli erscheinenden Albums "Just No Other Way", die von Weltklasseproduzenten wie Ric Wake, Cutfather, Kelly Price und anderen bearbeitet wurde, hinterlässt keinen bleibenden Eindruck. Die Techno-Funky-Soul-Pop-Rave-Songs von Coco Lee sind streckenweise tanzbar - aber auch nicht mehr. Sollte es einen Soundtrack zu einem frei nach Robert Musil abgewandelten Roman namens "Die Frau ohne Eigenschaften" geben, dann wäre er das hier.



© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.