Coldplay-Sänger Chris Martin "Momentan fühle ich mich recht menschlich"

Coldplay ist die wohl erfolgreichste Band unserer Zeit - vielen aber sehr verhasst. "Ist okay", sagt Chris Martin dazu: "Es ist nur Musik." So einfach? Hier erzählt der Sänger, woher der Optimismus kommt, den das Album "A Head Full of Dreams" ausstrahlt.

DER SPIEGEL

Ein Interview von


Die Band Coldplay hat in Los Angeles in das Paramour Estate eingeladen, ein Anwesen in den Hollywood Hills, in dem es, wie der Coldplay-Sänger Chris Martin später erzählen wird, spuken soll. Die Band möchte ihr neues Album hier ein paar Leuten vorspielen, später wird es noch ein Kerzendinner geben. Die Sonne scheint, es sind 26 Grad, Chris Martin, 38, hat sich eine Batikjacke angezogen und scheint bester Dinge zu sein. Seine Umarmung ist so fest, dass man zunächst glaubt, er verwechsle einen, was er aber gar nicht tut.

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Heft 50/2015
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Das Album, das er und seine Mitmusiker nachher vorspielen lassen, heißt "A Head Full of Dreams", und so klingt es auch. Es ist kein ganz unwichtiges Album in der Geschichte von Coldplay. Sie sind natürlich neben U2 die erfolgreichste Band der Welt, 80 Millionen verkaufte Tonträger, es gibt sie seit 15 Jahren, Songs wie "Yellow" gehören zum Kanon der frühen Nullerjahre. Waren diese Songs schon hymnisch, wurden die Lieder ab dem dritten Album richtige Hymnen und ab dem vierten Album und dem Stück "Viva la Vida": Stadionrock. Die Menschen kauften wie verrückt Coldplay-Musik, aber wenn man rumfragte, wie findest du eigentlich Coldplay, mochte sie keiner.

Zu Unrecht, übrigens. Über Coldplay schlecht zu reden wirkt schnell billig. Man hat auch keine wirklich harten Argumente, außer dass Chris Martin einem mit seiner weinerlichen Art irgendwie auf die Nerven gehe. Das neue Album jedenfalls ist deswegen so entscheidend, denn sein Vorgänger klang so depressiv, dass man glaubte, das sei es jetzt gewesen mit Coldplay, 15 Jahre reichen ja auch, das ist länger als die Beatles.

Doch jetzt stehen wir hier in einer Art Schlosshalle in den Hollywood Hills, und sehr vernehmlich war es das überhaupt nicht mit Coldplay. Das neue Album blubbert streckenweise wie die Musik von Rihanna, denn Coldplay hat deren Produzenten, ein norwegisches Hipsterduo namens Stargate, engagiert. Außerdem singt auch Beyoncé mit, sie wirkt wie eine junge Geliebte.

Chris Martin sagt, er will mal versuchen, das alles zu erklären.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Martin, Ihr letztes Album "Ghost Stories" von 2014 klang düster und melancholisch. Und es war auch nicht mehr so erfolgreich wie seine Vorgänger. Haben Sie eine Erklärung?

Martin: Möglicherweise war es für die meisten Momente im Leben nicht die richtige Musik. Aber das Album hilft, wenn du ein bisschen durcheinander bist oder sogar depressiv. Es hilft in den Stunden, in denen du einfach irgendwie durchkommen musst.

SPIEGEL ONLINE: Erstaunlicherweise scheint Ihr neues Album "A Head Full of Dreams" nun das genaue Gegenteil zu sein. Die Songs heißen "Fun" oder "Hymn for the Weekend", manche sind klubtauglich - plötzlich klingt alles sehr lebensfroh.

Martin: Wir wussten schon während wir "Ghost Stories" aufnahmen, dass wir gleich im Studio bleiben müssten, um unmittelbar im Anschluss den Weg ins Licht aufzunehmen. Am Ende von "Ghost Stories" wurde es schon ein bisschen heller. Und das führte direkt zu "A Head Full of Dreams", das das Leben feiert. "Ghost Stories" war die Nachtplatte. Und jetzt kommt der Tag.

SPIEGEL ONLINE: Das kann man sich so vornehmen? Ich bin eine Weile depressiv, dann beim nächsten Album aber wieder irre gut drauf?

Martin: Nein, es war schlimm. Mir ging es wirklich schlecht. Aber die eine Sache, die ich gelernt habe, ist: Wenn ich durch eine harte Zeit gehe, darf ich nicht davonrennen. Es wäre so einfach gewesen, sich mit Drogen oder Alkohol abzulenken. Und die dunklen Gefühle dadurch zu leugnen. Doch in "Ghost Stories" spreche ich davon, die Dunkelheit im Kopf auszusitzen: Lass sie ganz natürlich durch dich hindurchgehen und lauf nicht weg.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie das in der Therapie gelernt?

Martin: Vor allem spricht Viktor Frankl davon, der Wiener Psychotherapeut. Sein Buch "… trotzdem ja zum Leben sagen" hat mir sehr geholfen …

SPIEGEL ONLINE: Aber da geht es um einen Menschen im Konzentrationslager. Frankl beschreibt darin, wie er versucht, auch unter den unmenschlichen Umständen in Auschwitz mit mentaler Kraft dem Leben einen Sinn abzugewinnen.

Martin: Viktor Frankl, aber auch der Dichter Rumi, ein Sufi-Mystiker aus dem 13. Jahrhundert, sprechen beide davon, dass, was auch immer dir zustößt, am Ende gut für dich ist, eine Wohltat, ein Segen, auch wenn es zunächst nicht danach aussieht. Und wenn du das Böse einfach aushältst, wenn du es machen lässt, was immer es möchte, werden bald Blumen hervorsprießen.

SPIEGEL ONLINE: So einfach ist das?

Martin: Es ist natürlich überhaupt nicht einfach.

SPIEGEL ONLINE: Was war denn eigentlich so schlimm?

Martin: In meinem Leben waren ein paar Veränderungen passiert, wie Sie vielleicht wissen. Ich habe mich von meiner Frau getrennt, wir haben zwei Kinder. Außerdem - Sie scheinen ja in etwa so alt wie ich zu sein und können das vielleicht nachvollziehen: Ein Mann zu werden im 21. Jahrhundert ist nicht einfach. Wenn Ihnen auf einmal klar wird, dass Sie erwachsen sind, kommt ziemlich viel besorgniserregendes Zeug auf Sie zu.

SPIEGEL ONLINE: Ja?

Martin: Bei "Ghost Stories" ging es somit um die Frage: Wie halte ich meine eigenen privaten Probleme aus, aber auch all den deprimierenden, verrückten Kram in der Welt? Wie schaffe ich es, dass mich das alles nicht völlig überfordert und überfährt?

SPIEGEL ONLINE: Sind das Fragen für Rockmusik?

Martin: Sicher. Man muss zur Kenntnis nehmen, was tragischerweise in Paris passiert ist, eine Band geht auf die Bühne und ihr Publikum wird niedergemäht, und natürlich muss man zur Kenntnis nehmen, welcher Krieg gerade wo wieder angefangen wird - aber Sie müssen gleichzeitig fragen: Wo ist der Fortschritt? Wo ist die Weiterentwicklung, ja, wo ist das Gute?

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht ist da gerade nichts Gutes.

Martin: Sie finden es immer. Glauben Sie mir.

SPIEGEL ONLINE: Sie wissen offenbar, wie es geht.

Martin: Ich habe es nicht erfunden. Ich habe es durch die Studien dieser Autoren gefunden, vor allem auch durch Rumi …

SPIEGEL ONLINE: Verzeihen Sie, aber das klingt so seltsam, ein Mystiker aus dem heutigen Afghanistan …

Martin: Lesen Sie das Gedicht "Das Gasthaus", wir haben es auf dem neuen Album zum Teil vertont. Auch die Buddhisten sagen, dass alles was Ihnen passiert, gut ist. Am Ende ist alles, was Ihnen zustößt, zu Ihrem Vorteil. Ich gebe zu, es braucht eine Weile, bis man das wirklich versteht. Ich verstehe immer noch nicht alles von dem Zeug.

SPIEGEL ONLINE: Was hat das mit Coldplays Musik zu tun?

Martin: Es ist einfach, depressiv zu bleiben. Aber es macht nicht unbedingt Spaß. Es ist gut, wenn du siehst, dass andere Menschen ähnliche dunkle Phasen durchgemacht haben. Du beginnst zu verstehen, wie dein Vater sich gefühlt haben muss, als er 36 wurde. Du hast Kinder und bist besorgt über die Welt, in der sie leben werden. Aber andere Menschen haben das schon vor dir durchgemacht. Das alles ist auch in der Musik.

SPIEGEL ONLINE: Gehen Sie als Frontmann mit Ihren Depressionen, über die Sie gesprochen haben, dem Rest der Band nicht auf die Nerven?

Martin: Das war schon schlimmer. Vor zehn Jahren haben wir alle am selben Ort gelebt, uns jeden Tag gesehen. Brian Eno, der damals unsere Alben produziert hat, hat gesagt: Ihr verbringt zu viel Zeit miteinander. Ihr braucht eine Pause voneinander. Heute wohne ich ja zum Beispiel größtenteils hier in Los Angeles. Wochenlang sehen wir uns nicht, seither sind alle in der Band, glaube ich, vor allem dankbar, dass wir uns haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind der Boss in der Band?

Martin: Nein. Wir sind eine Demokratie.

SPIEGEL ONLINE: Das sagen alle Sänger.

Martin: Ich bringe sicher viele Ideen in die Band, aber das macht mich nicht zum Boss. Jeder kann nein sagen. Manchmal komme ich ins Studio und sage: Können wir das bitte so und so aufnehmen und alle so: Nö. Zum Beispiel haben wir zu unserer Single "Adventures of a Lifetime" ein sehr aufwendiges Video gedreht, wo wir uns als Affen haben animieren lassen. Aber wir konnten es uns zunächst finanziell nicht leisten …

SPIEGEL ONLINE: Sie haben 80 Millionen Popalben verkauft. Sie sagen, Sie konnten sich ein Video nicht leisten?

Martin: Es war sehr teuer. Außerdem waren wir lange nicht auf Tour. Wir brauchten Unterstützung, um diese sehr teuren Animationen zu bezahlen. Beats, der Kopfhörerhersteller …

SPIEGEL ONLINE: … der jetzt zu Apple gehört.

Martin: … war bereit, unser Video zu bezahlen. Nicht jeder in der Band hat sich damit sofort wohlgefühlt. Es brauchte eine gewisse Zeit und viele Gespräche, wenn Sie so wollen, bis jeder so weit war. Aber wir hätten es sonst nicht gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Von den Sängern großer Stadionbands heißt es immer wieder, sie bekämen irgendwann Probleme, ihre zwei Egos auseinanderzuhalten: das auf der Bühne, das 80.000 Menschen führt, und jenes, das von der Bühne kommt und mit der Realität umgehen muss.

Martin: Im Moment geht es. Der angenehme Effekt davon, dass wir nicht auf Tour gewesen sind, besteht darin, dass ich mich schon seit einer relativ langen Zeit recht menschlich fühle. Es stimmt schon: Wenn Sie ein großes Konzert spielen, bläst das Ihr Ego auf. Ihr Adrenalin spielt verrückt. Es fällt schwer, sich danach normal, wenn Sie so wollen, zu fühlen. Aber wir haben seit drei Jahren keine große Show gespielt. Deswegen komme ich wohl gerade ganz okay rüber.

SPIEGEL ONLINE: Coldplay ruft bei allem Erfolg bei vielen auch Ablehnung, gar Hass hervor.

Martin: Keine Frage.

SPIEGEL ONLINE: Die andere Band, die einem einfiele, auf die ähnlich viele Menschen einschlagen, sind Ihre Freunde von U2.

Martin: Stimmt. Immer drauf. Mit dem Till-Hammer.

SPIEGEL ONLINE: Womit?

Martin: Kennen Sie als Deutscher nicht den Till-Hammer? Till Lindemann von Rammstein. Er hat doch bei den Shows diesen schweren Hammer, mit dem er irgendwo draufhaut. Das ist sein Move. Benannt nach ihm. Egal, was war die Frage?

SPIEGEL ONLINE: Die Frage war, wie viel Ihnen das ausmacht. Ob Sie verstehen, wovon Ihre Kritiker reden. Es sind ja keine Verrückten im Internet, sondern teilweise Musikkritiker in seriösen Medien wie der "New York Times" oder dem "New Yorker".

Martin: Da gibt es einige. Der krasseste ist wahrscheinlich der von 2005 aus der "New York Times".

SPIEGEL ONLINE: "The Case Against Coldplay".

Martin: Die Sache ist: Es ist okay. Es ist nur Musik. Wir lieben sie. Wir sind sehr stolz auf unsere Band. Die Menschen, die uns hören wollen, hören uns. Die, die das nicht wollen, müssen nicht. Musik ist wie ein Restaurant: Wenn du kommen und hier essen willst: wunderbar. Aber wir zwingen dich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Gut, dann geht man da nicht hin. Das ist doch etwas anderes.

Martin: Das tut dem Koch sicher auch weh. Im Ernst, jeder, der wirklich groß wird, ruft Ablehnung hervor. Ich bin mir sicher, Ihnen geht es auch so. Wenn Sie Ihre Artikel schreiben und dann in die Kommentare gucken …

SPIEGEL ONLINE: Keine gute Idee.

Martin: Ich erinnere mich übrigens gut an den "New York Times"-Artikel, den Sie ansprachen, obwohl es zehn Jahre her ist. Damals war das hart. Mit der Zeit habe ich gelernt, mich zu fragen, was könnte man daraus Gutes ziehen?

SPIEGEL ONLINE: Natürlich.

Martin: Das Gute ist, es zwingt uns, konzentriert zu bleiben und nicht selbstgefällig zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie bekommen keine Selbstzweifel, wenn Sie so etwas lesen?

Martin: In dem "New York Times"-Artikel hat der Autor damals ein paar Punkte angesprochen, mit denen er recht hatte. Und wir haben es daraufhin geändert. Manches in dem Text war tatsächlich schlichter Hass, anderes aber waren nützliche Hinweise.

SPIEGEL ONLINE: Was zum Beispiel?

Martin: Das wird nicht verraten. Außer: Unser damaliges Album "X&Y" war wirklich zu lang. Zu selbstgefällig. Die Hälfte wäre gut gewesen. Lesen Sie wirklich nicht die Kommentare unter Ihren Artikeln?

SPIEGEL ONLINE: Die hasserfüllten nicht.

Martin: Ich auch nicht. Macht einen nicht glücklich, oder?

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patsche2712 06.12.2015
1. Man...
...kann es drehen und wenden wie man will, Coldplay waren, sind und werden auch in Zukunft immer eine ziemlich langweilige Band bleiben. Dir Klasse von Arcade Fire, Tool, A Perfect Circle oder auch U2 werden sie nie erreichen.
lencassel 06.12.2015
2. genial.
Ein wirklich gelungenes Interview. Chris Martin ist ohne Frage einer der größten und dabei bescheidensten Künstler unserer Zeit.
birgerhemkendreis 06.12.2015
3. Geschmackssache wie beim Essen..
Ich mag Coldplay sehr gern,v.a. die akten Alben und U2 finde ich grottenlangweilig und zu christlich angehaucht.. Aber das ist doch jedem selbst üb erlassen...deshalb ist niedermachen und Hassartikel gegen ne Nand schreiben einfach nur naiv und etwas dumm. Zeigt nur den niedrigen IQ eines Kritikers.. Es ist ja nur Musik,keine Poltik..
rahelkress 06.12.2015
4. Künstlerische Freiheit??
Meiner Meinung nach gehört X&Y zu den besten Coldplay-Alben (und damit mit zum Besten überhaupt, was es an Musik gibt). Kein Lied zu viel. Wenn man den Künstlern jetzt auch noch vorschreiben will, wie lang Ihre Alben zu sein haben... Nicht alle Coldplay-Alben sind durchgängig gleich gut, aber zumindest ein geniales Lied ist auf jedem Album drauf. Und mit genial meine ich auch genial. Beim letzten Album war das Midnight. Jemand, der es nicht aushält, wenn Musik auch mal wehtut und zum Nachdenken anregt, der kann vieles von Coldplay natürlich auch nicht hören.
dol2day_er 06.12.2015
5. In der Tat Geschmackssache...
U2 z.B. finde ich schon lange genauso langweilig wie Coldplay. Die frühen Werke beider sind dagegen interessant. Den Punkt haben Arcade Fire noch nicht bei mir erreicht. Noch finde ich die gut und hoffe, das ändert sich nicht auch noch. Aber es ist doch gut, dass nicht alle das Gleiche mögen, patsche2712. Von daher wäre es angebracht, wenn sie von "ich" schrieben, nicht von "man".
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