Abgehört - neue Musik Bedeutungsbesoffen im Gesinnungs-Späti

Coldplay machen sich auf ihrem neuen Album weltumarmend locker, aber genützt hat's nicht viel. Außerdem: Shed vertont die B1, Stefan Goldmann beendet das Vierviertel-Diktat, Tinashe findet zu alter Form.

Coldplay - "Everyday Life"
(Parlophone/Warner, seit 22. November)

Wenn jetzt gerade überall gestaunt wird, wie gut dieses neue Coldplay-Album doch sei, dann ist das ein sehr vergiftetes Kompliment. Denn es bestätigt noch einmal, wie mies die letzten beiden Veröffentlichungen der Stadionpopband aus London waren, das unerträglich gefühlige "Ghost Stories" und das ebenso unerträglich fröhliche "A Head Full of Dreams". Der generische neue Albumtitel "Everyday Life" stand bereits fest, bevor Sänger Chris Martin seine generelle Ahnungslosigkeit für den gleichnamigen Song zusammenreimte: "What in the world are we going to do?/ Look at what everybody's going through/ What kind of world do you want it to be? Am I the future or the history?", singt er in seiner sensibel näselnden Singstimme darin zum Abschluss der achten Coldplay-LP. Tja, Fragen über Fragen.

Am hohen Awareness-Faktor allein dieser Verse merkt man: "Everyday Life" ist nun das politische Coldplay-Album, auf das, seien wir ehrlich, niemand wirklich gewartet hat. Ein Statement zum schlimmen, schlimmen Zustand unserer Welt, ein Seufzen trauriger Anerkennung für die Krisen und Konfliktzonen dieser Welt, von Afrika über die USA bis Syrien und zurück in die USA (nur in England scheint alles toppi zu sein). Zur Veröffentlichung spielte die Band im jordanischen Amman zum Sonnenauf- und untergang, auf Tournee wollen die klimabewussten Musiker aber erst gehen, wenn dies ökologisch nachhaltig möglich ist. Also vielleicht nie mehr. Wäre ja mal ein Grund zur Freude. Pardon.

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"Sunrise" und "Sunset" sind die beiden Klammern, die Coldplay ihrem Doppel-Album gegeben haben, laut Eigenankündigung eine Bestandsaufnahme darüber, "how we feel about things". Auf dem Cover ist die Band des Urgroßvaters von Gitarrist Jonny Buckland aus dem Jahre 1919 zu sehen, es gibt viele arabische Schriftzeichen, einen Doo-Wop-Song ("Cry Cry Cry"), einen Gospel ("BrokEn") und die sakrale Andacht "When I Need A Friend". Wie das mit der Lagos-Hymne "Èkó", dem nordafrikanisch beeinflussten "Arabesque" und Gästen wie Femi, Feli und Made Kuti sowie der nigerianischen Sängerin Tiwa Savage zusammenpasst? Oder Alice-Coltrane-Samples, der in den Song reindokumentierten US-Polizeigewalt von "Trouble In Town" oder der tatsächlich noch sehr unfertigen Demo-Version "WOTW/POTP"? Fragen Sie die Musiker. Ist halt irgendwie so das, was eine der erfolgreichsten Bands des Planeten gerade fühlt.

Sagen wir so: Man kann dieses orientalisch-okzidentale Nebeneinander, den irritierenden Kontrast zwischen besorgter Anklage und frommer Naivität nach der zuletzt doch sehr strengen Kommerzausrichtung von Coldplay als neu gefundene Experimentierfreude auslegen und das Spielerische, Lockerlassende durchaus loben. Das gilt vor allem für "Arabesque", das französischen Gesang (von Stromae), Afro-Groove und ein wildes Saxofon-Solo in einen hypnotischen Track zwingt. Aber das macht Coldplay noch lange nicht zu Radiohead. Zumal ob dieser musikalischen Bandbreite vielleicht auch lyrisch mehr geboten werden sollte als Martins banale, weltumarmende Erkenntnis: "We share the same blood" oder die fragwürdige Aussage: "Music is the weapon of the future"? Frieden schaffen mit noch mehr Waffen?

Aber das passt zu anderen textlichen Ausrutschern, die einem jeden gutwilligen Spaß an "Everyday Life" gründlich vermiesen. In "Guns" zum Beispiel versucht sich der als Poet notorisch unterbegabte Martin als Folk-Barde im Dylan-Stil. Sein (hoffentlich) satirisch gemeinter Anti-Waffen-Rant kommt allerdings so ungelenk rüber, dass beim nebenbei bedudelten Publikum von der Single im schlimmsten Fall nur der kontraproduktive Refrain "We need more guns" hängenbleibt. Auch wenn man den gemeinen Coldplay-Fan natürlich nicht unterschätzen sollte.

An anderer Stelle wird es noch geschmackloser, wenn sich Martin in ein syrisches Flüchtlingsmädchen (Rosaleem of the Damascene) hineindenkt, das doch eigentlich nur mal wieder mit Kumpels einen Saufen gehen will - aber leider macht ihr der "Missile monsoon" in ihrer Heimat einen Strich durch die Pub-Crawl-Zeche, denn die Bomben fallen "boom ba ba boom". Und jetzt alle! "Orphans" heißt der sicher gut gemeinte, aber leider verkackte Song - und ist eine jener von Hit-Schreiber Max Martin co-produzierten Mitsing-Hymnen, mit denen Coldplay weltweit Arenen zu euphorisieren wissen. Ganz schlechtes Zeichen, wenn man sich in solchen Momenten nach Bono sehnt.

Nach U2s "Rattle & Hum" und anderen Woke-Alben der Achtzigerjahre streckt sich "Everyday Life" natürlich, aber die Achtziger sind halt vorbei, und privilegierte, weiße, männliche Rockbands haben, ganz offenbar, nicht mehr unbedingt die Nase vorn, wenn es um die Formulierung politischer Haltungen und das Nachspüren komplexer migrantischer oder minoritärer Befindlichkeiten geht. Den eigenen, diffusen Weltschmerz dann auch noch immer wieder in ein christliches Frömmeln münden zu lassen (u.a. "Church"), wirkt dann heutzutage leider noch unsensibler, wenn es eigentlich darum geht, Offenheit und kulturübergreifende Gemeinsamkeit zu demonstrieren.

An einer Stelle, in "Guns", hat Martin immerhin wohl recht, wenn er singt: Everyone's gone fucking crazy/ Maybe I'm crazy, too". Übrigens das angeblich erste Mal, dass die kreuzbraven Coldplay einen Kraftausdruck in einem ihrer Songs benutzen. Zu diesem bräsig und bedeutungsbesoffen auf der Weltbürger-Masche reitenden Album fielen einem dann auch noch deftigere Worte ein. (2.0) Andreas Borcholte

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Tinashe - "Songs For You"
(Tinashe Music, seit 21. November)

2014 sah die Welt noch anders aus, auch bei Tinashe. Damals schien die R&B-Musikerin aus Los Angeles auf der Schnellstraße zum Weltruhm zu fahren. Drake remixte ihre Tracks, "Müsst-ihr-kennen"-Listen kamen nicht ohne sie aus, ihr Debütalbum "Aquarius" gehörte zu den besten des Jahres. Tinashe verstand es ohne eine Spur von Anstrengung, musikalischen Anspruch und Massentauglichkeit zu verbinden. Der Durchbruch in den Mainstream? Schien nur eine Frage der Zeit.

Es kam anders. Statt durchzustarten, lenkte Tinashe ihre Karriere mit Bleifuß an die Leitplanke - nachdem die Musikindustrie die Bremszüge manipuliert hatte, wohlgemerkt. 2015 wollte Tinashe die schnelle Veröffentlichung ihres zweiten Albums "Joyride" durchdrücken, indem sie Teile davon unvermittelt (und unabgesprochen) bei Soundcloud veröffentlichte. Ihr damaliges Majorlabel RCA dankte ihr das mit einem nach allen Regeln der Kunst vergurkten Rollout der Platte. Tinashe verkaufte daraufhin das Titelstück an Rihanna, die es dann doch in die Tonne kloppte - und wieder an Tinashe verkaufte. "Joyride" erschien dann schließlich 2018. Blöd nur: Es interessierte niemanden mehr. Zumal es ungefähr so gut klang wie seine Genese.

Umso erstaunlicher, dass von all diesem Murks ein weiteres Jahr später nichts mehr zu spüren ist: "Ain't no pressure, ain't no smoke", fasst Tinashe in der zweiten Strophe von "Feelings" ihren aktuellen Gefühlshaushalt zusammen: Kein Druck, kein Gefechtsqualm mehr. Und ja, das hört man, schon allein in diesem ersten Stück ihres dritten Albums. Zwischenzeitlich gingen die Künstlerin und RCA getrennte Wege, "Songs For You" erscheint nun auf ihrem eigenen Indie-Label. Anders wäre die Vielseitigkeit dieser 15 Songs wohl auch gar nicht möglich gewesen: Im Verlauf von gut 50 Minuten bedient sich das Album von Basswalzen-Rap über Spotify-Playlisten-R&B bis zu K-Pop einer Vielzahl von Einflüssen, ohne dabei jemals den Faden zu verlieren.

Im Gegenteil: In "Hopscotch" flowt Tinashe schwerelos über gut geschmierte Westküsten-Bässe. "Stormy Weather" hingegen gniedelt so windschief, als hätte ihn Thom Yorke auf Xanax geschrieben. Und "Save Room For Us" (feat. MAKJ) perlt so lässig, eingängig und dennoch zeitgeistig, als hätten Fleetwood Mac 1977 bereits mit Ableton und einem 808-Kit gearbeitet.

Es folgen eine wohl unverzichtbare Dancehall-Anwandlung ("Die A Little Bit"), Soul-lastige Slow-Jams ("Touch & Go", "Story Of Us), ein Song, der es irgendwie schafft, gleichzeitig an Azealia Banks und Pharrell Williams zu erinnern ("Perfect Crime") und schließlich eine Gitarre-am-Lagerfeuer-Ballade ("Remember When"). Vor allem aber gibt es jede Menge Hooks und Melodien - und ein großes Gespür für Songwriting, das dieses bunte Paket zusammenhält.

Am Ende muss man wohl auf eine Floskel zurückgreifen: "Songs For You" ist nämlich tatsächlich ein Befreiungsschlag. Tinashes Musik klingt wieder so schwerelos wie auf "Aquarius", sie schwebt irgendwo zwischen Verschrobenheit und unbedingter Zugänglichkeit in ihrer eigenen Sphäre. Ob der Durchbruch in den Mainstream jetzt doch noch kommt? Lieber nicht drüber reden. (8.4) Dennis Pohl

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Stefan Goldmann: Veiki
(Macro Recordings, seit 22. November)

Was wäre, wenn die Technopauke nicht ausnahmslos im Viervierteltakt schlagen würde? Bumm, bumm, bumm, bumm, wie die Bass-Drum es seit 30 Jahren jede Nacht gebietet. Der Berliner DJ und Produzent Stefan Goldmann startet auf "Veiki" den Versuch einer Verschiebung. Alle neun Tracks laufen mit ungeraden Metren, man kann bis fünf, sieben oder neun zählen, bis der Takt von vorne anfängt. Klingt nach Oberschullehrer Sting, der den Tanzenden schlaue Beine machen will? Falsch. "Veiki" klingt nach abstraktem Berliner Techno, der lange genug in der Sonne Südosteuropas rumstand, um nun interessant zu torkeln: Spree goes Schwarzes Meer, Berliner Betonbeats im Balkan-Style.

Stefan Goldmanns Mutter kommt aus Sofia, aufgewachsen ist er teils dort, teils in Berlin-Marzahn. Die gängige musikalische Reiseroute zum Migrationshintergrund wäre gewesen, vordergründig balkantypische Samples in kühle Klangräume zu stellen: hier ein paar Halbtonschritte für die kreisende Hüfte, da eine kleine Terz fürs hüpfende Herz. Doch Goldman vermeidet den Ethnizismus und geht den umgekehrten Weg: Die Beats sind ungerade, Klang und Arrangement bleiben aber so postindustriell, wie man es aus Detroit und Berlin kennt (und in Sofia bestimmt auch). Was anders schwingt, ist das Becken. Der erste Track erinnert im Bassklang und im Raumgefühl zwar an den Detroit-Kanadier Richie Hawtin aus seiner Zeit als Plastikman, doch der Puls in "Planinar" pocht sieben Mal pro Takt. Es ist ein Tanz, der jenseits der Viertel wogt. Manchmal schwebt er, zumal wenn die hohen Synthies gegen Ende dieses ersten Stücks Triolen verteilen, bevor sie im Bass verschwinden und nur elektronisches Meeresrauschen übrigbleibt.

Die metrische Erweiterung vom Vierer- auf Fünfer-, Siebener- und Neuner-Taktmaße wirkt weniger verkopft, als man denkt. Darin steckt ja bloß die Annahme, dass jede Abweichung vom Vierviertel akademisch sei. Dass fast überall sonst auf der Welt andere Zählweisen vom Körper als organisch wahrgenommen werden, geht dabei vergessen. Hier kann man es im Selbstversuch nachvollziehen. Schuhe aus, höchstens die Socken bleiben an. Im Wohnzimmer steigen wir klimafreundlich in den Techno-Jet und fliegen Richtung Balkan. Es wippt sich hervorragend zu diesen Tracks, rhythmisch ist einfach mehr los. Mal meldet sich eine akustisch klingende Snare von der Bodenkontrolle, und wie oft bei Goldmann schüttelt die Crew einiges an Holzperkussion, während die analogen Synthies vorne im Cockpit ihre Modulationen aufdrehen. Knarzen stört niemanden.

Die dunklen, aber verspielten Tracks schrammen an altem Acid-House vorbei, wie man es zurzeit gerne mag in den aktuellen Produktionsstuben. Bei Goldmann sind es aber nicht primär Ravesignale, sondern lediglich Stationen in der ständigen Veränderung der Tracks. Im letzten Drittel des Albums, ab "Makara", schraubt er das Tempo etwas höher, doch immer bleibt Luft zum Atmen. Konzipiert hat Goldmann das Material für das (f)t-Festival in Berlin, das er selbst kuratiert. Gespielt hat er es auch schon bei Mutek in Montreal, bevor er die Tracks für den Tonträger bearbeitet hat. Und welche deutsche Disko lässt ihn dieses Zeug nun auf der Tanzfläche spielen? (8.5) Tobi Müller

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Shed - "Oderbruch"
(Ostgut Ton, ab 29. November)

Jetzt ist es soweit: Rainald Grebe auf Rave-Kickdrum! Mit quakenden Fröschen, verstopften Bundesstraßen, sandigen Böden, Eichenwäldern und was es sonst noch alles gibt in Brann-denn-buuurg. Genau, der Donnerschlag-Dreiklang aller Rückzugsgefechtler, E-Bike-S-Bahn-Pendler, Bungalowaufhübscher und Speckgürtelbesserverdiener rund um die deutsche Hauptstadt hat ab sofort eine neue, auf Albumlänge gestreckte Hymne: "Oderbruch". Der Techno-Produzent René Pawlowitz, besser bekannt unter dem holzhüttigen Decknamen Shed, hat sein neues Album nämlich der einstigen Sumpflandschaft im Grenzgebiet zwischen Deutschland und Polen gewidmet.

In Frankfurt/Oder wurde Pawlowitz geboren, in Schwedt/Oder ist er aufgewachsen. In Berlin wurde er zu einem Star der Clubmusik (seine Platten erscheinen bei Ostgut Ton, dem Berghain-Label, und Monkeytown, dem Modeselektor-Label), heute hat er im Oderbruch wieder einen Wohnsitz. Haben wir es hier also mit Heimat-Techno zu tun? Zurück zu den Wurzeln, vorwärts in den Wald?

Man könnte das Album leicht so auslegen, und ganz verkehrt wäre das nicht. Aber in den neun Tracks schwingt noch einiges mehr mit.

Das ist keine Musik des "Oder", sondern eine des "Und". Das Album will in erster Linie als Verquickung von Biografie und Historie verstanden werden. Los geht es mit einer Fahrt über die "B1 (Anfang und Ende)" - so der Titel des ersten Stücks. Pawlowitz vertont die Bundesstraße 1, die Ost-West-Verbindung von Küstrin bis nach Aachen, als sprunghaft Gas gebenden 130-km/h-Techno auf ziemlich breiten Reifen. Die Autobahn-Konzeptkunst von Kraftwerk hätte ihn nie wirklich interessiert, erklärte Pawlowitz vor einigen Jahren. Aber jetzt entwirft er elektronische Musik für Verkehrswege, Wasserstraßen ("Die Oder") und Grenzlinien ("Menschen und Mauern").

Der Pressetext zitiert den Verlauf der Ostfront kurz vor dem Ende der Naziherrschaft genauso herbei wie die Umbrüche in der Region nach 1989. Aufgehoben erscheint beides, vermengt mit persönlichen Erinnerungen aus Kindheit und Jugend, in einem Pathos, das sich durch alle Stücke zieht, egal ob mit Breakbeat-Gulasch oder Streicherschmalz.

Die Kombination von Titeln wie "Sterbende Alleen" und "Trauernde Weiden" mit dem Ambivalenz-Ambient von "Der Wolf kehrt zurück" schillert zwischen Bedrohung und Euphorie. In manchen Momenten verbreitet sie aber auch ein bisschen Bruhaha-Atmo. So ist es ja oft im Spannungsfeld von (deutschem) Techno und (deutscher) Natur: Es wird immer dann spaßig, wenn die Absichten dahinter vom Bierernstesten sind, das man im Gesinnungs-Späti so bekommen kann. Man vergleiche dazu auch, durch Wagnerianismus und Volkstümelei nochmals potenziert, Wolfgang Voigts GAS-Werk von "Königsforst" bis "Polkatrax".

Aber Spaß beiseite. "Oderbruch" evoziert Naturbilder, bei denen selbstverständlich mitgedacht wird, dass es sie ohne Domestizierung und Mediatisierung durch Technik gar nicht gäbe. In der Mitte des Albums findet all das fünf Minuten lang in einer Klangidylle zusammen - und einem einsamen Höhepunkt pointillistischer Track-Titel-Poesie: "Nacht, Fluss, Grille, Auto, Frosch, Eule, Mücke". Schlichter, präziser und schöner wird nie ein Mensch sagen können, was in dieser Musik passiert. (7.7) Arno Raffeiner


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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