Neue Dirigenten-Stars Instrumentale Blütenträume

Wenn Cornelius Meister und Robin Ticciati dirigieren, folgen bunte Überraschungen. Ob Martinu oder Debussy, mit dem Taktstock inszenieren sie vielfarbige Filme fürs Ohr - und entdecken verborgene Perlen.

Marco Borggreve

Gleich zu Beginn von Bohuslav Martinus erster Sinfonie wabert und wächst ein Klanggeflecht aus vielen Harmonien und freier Melodiegestaltung; so wild und groß, dass man sich plötzlich in einem Garten der instrumentalen Blütenträume wähnt.

Warum hört man von Martinus musikalischem Ideen-Gewächshaus so selten in unseren Konzertsälen? Angesichts der engagierten Neueinspielung der sechs sinfonischen Werke des tschechischen Komponisten (1890-1959) durch das Orchester des ORF versteht man es noch weniger. Aber vielleicht musste auch erst der neue Chef am Pult, Cornelius Meister, kommen, der sich mit frischem Repertoire profilieren will.

Sinnvoll ist das allemal, denn der antiromantische Ansatz von Martinu, keine weltanschaulich geprägte Suche nach Sinn und Ausdruck in seine Musik einfließen zu lassen, sondern spielerisch und experimentell die Möglichkeiten von Harmonien und Tönen zu erforschen, klingt trotz aller Gefälligkeit moderner als viele atonale Experimente. Viele seiner Sinfonien könnten auch als kunstvoll verschlungene, atmosphärisch geschickte Filmmusik durchgehen.

Martinu schöpft wie Antonin Dvorak reichlich aus der heimischen Volksmusik, aus ihren tänzerischen Momenten wie auch ihrem melodischen Reichtum. In ihrer Harmonik sind die Sinfonien nicht den Wiener Neutönern verpflichtet, sondern eher dem ausklingenden Impressionismus, dazu kommen Elemente von Jazz, Strawinsky und individuelle Ausprägungen eines individuellen Neoklassizismus.

Jazz, Strawinsky und die neue Klassik

Martinu fühlte sich als Künstler frei von allen Schulen, arbeitete selbstbewusst und abenteuerlustig, als er seine erste Sinfonie gleich dem Boston Symphony Orchester als Auftrag andiente. Zu dieser Zeit unterrichtete er in den USA Komposition. Fast alle seine sinfonischen Werke entstanden zwischen 1940 und 1950, als wollte er diesen "Fachbereich" endlich abhaken, nachdem er schon in Sachen Konzerten, Opern und Balletten produktiv war.

Der 37-jährige deutsche Dirigent Cornelius Meister leitet das ORF Radio-Symphonieorchester in Wien, mit dem er die Martinu-Sinfonien jetzt gleich als opulente Box vorlegt - keine halben Sachen also, eine geschlossene Abhandlung des im internationalen Katalog nicht gerade überpräsenten Oeuvres. Cornelius Meisters schwelgerische und dennoch sorgfältig abgetönte Einspielung nimmt die scheinbar leichtgewichtigen Werke ernst, wird aber auch ihrem hypnotisch-träumerischen Charakter gerecht.

Cornelius Meister - "Bohuslav Martinu - Die Sinfonien"
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Martinus Geflecht aus wechselnden Rhythmen und taumelnden Harmonien zu bündeln, gelingt Meister und dem ORF-Orchester so spannend, dass man gerne über drei CDs dabeibleibt. Und der Hörer wird mit dem Schlusswerk, den "Fantaisies symphoniques" von 1951 belohnt. Die Instrumente, darunter drei Solo-Violinen, singen frei von Kitsch-Hemmungen jubilierend und wirken so selig süß, dass man sich einmal wieder in eine Hollywood-Kino-Idylle träumen kann.

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Neue Dirigenten-Stars: Meister und Ticciati überzeugen

Hörgefällige Träume gibt es bei Robin Ticciati und seinem Deutschen Symphonieorchester Berlin in erster Linie beim Finale mit Claude Debussys bestens bekannter sinfonischer Dichtung "La mer". Das immens schwierige Stück verlangt alles an Klangfinesse vom Orchester und vom Dirigenten, der pausenlos Akzente setzen, Harmoniemischungen organisieren und die Dramaturgie der Meeresanmutung vorantreiben muss.

Finesse und Farben wie bei Boulez

Selbst wenn man die legendäre Einspielung von Pierre Boulez und dem Cleveland Orchestra zum Maßstab nimmt, verblüfft Robin Ticciati doch mit einer überreichen Palette an Farben, elastischen Streichern und einem hypnotischem Fluss, der kaum Wünsche an eine Debussy-Interpretation offenlässt. Speziell der cis-Moll-Schluss mit dem vehementen "Dialog von Wind und Meer" frischt ordentlich auf: eine flotte Brise für den Klassiker.

Die erste CD-Veröffentlichung von Ticciati in seiner Funktion als neuer Chef des Deutschen Symphonieorchesters der Hauptstadt lässt auf weiteres Schönes hoffen. Dies unterstreicht auch Ticciatis subtile Interpretation von Gabriel Faurés "Pelléas et Melisande"-Impressionen, die natürlich zu Vergleichen mit Debussys Visionen vom Thema einladen. Die Arrangements von Charles Koechlin (1867-1950) wirken hier auch schon Wunder.

Ebenso überzeugend Ticciatis Sicht auf Claude Debussys "Ariettes oubliées", bei denen die fabelhafte Sopranistin Magdalena Kozená das Wunder vollbringt, verhalten und gleichzeitig eindringlich zu gestalten. Genau so könnte sich Debussy das vorgestellt haben.

Robin Ticciati - "Debussy: La mer & Ariettes oubliées"
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