Costello in Opera Dinge, die man aus Liebe tut

Mit Standing Ovations wurde eine sensationelle Opernpremiere in der New Yorker Town Hall belohnt: "Welcome To The Voice" mit Elvis Costello in der Hauptrolle wurde dort uraufgeführt.

Von Christian Broecking


Es war die Stunde der Glücklichen. Ein Pianist, der sich in eine Frau verliebt und ihr zuliebe eine Auszeit nimmt von seinem eigentlichen Dasein als Keyboarder in der Band von Elvis Costello. Das begann vor fünf Jahren, als Steve Nieve der Psychoanalytikerin und Philosophin Muriel Téodori eine Liebeserklärung in Form eines Demotapes schickte. Inhalt: drei musikalische Entwürfe für eine fiktive Oper. Sie signalisierte Ideen und Liebeslust und die gemeinsame Arbeit an "Welcome To The Voice" begann. Am Freitagabend kam das Werk nun zur ersten vollständigen Aufführung.

Die New Yorker Town Hall war gut besucht, lediglich einige hinterste Reihen auf dem Balkon blieben leer, 40 Dollar waren für die billigsten Plätze verlangt worden. "Welcome To The Voice" war eines der ambitioniertesten Projekte des diesjährigen New Yorker Bell Atlantic Jazzfestivals, das gestern Abend zu Ende ging. Eine zeitgenösssische Oper für sieben Stimmen, Streichquartett, Saxofon und Piano, die mit Jazz - bis auf die knappen, kontrollierten Einwürfe des Saxofonisten Ned Rothenberg - allerdings nichts zu tun hatte. Die Zauberflöte, West Side Story und Quadrophenia, das Opernformat biete sich an für Geschichten über unwahrscheinliche Begegnungen, sagt Nieve.

Die Handlung ist schnell erzählt: Es geht um einen Stahlarbeiter, der die Oper liebt und nach ihr süchtig wird - trunken aus Liebe zur Musik und zur jungen Operndiva in weiß, eine Liebe, die ohne Alkohol nicht auskommt. Die obligatorische braune Packpapiertüte ist wohl das eindeutigste Objekt der Kulisse an diesem Abend - das amerikanische Synonym für den klandestinen Alkoholgenuss in der Öffentlichkeit. Elvis Costello mimt den Drunkman, kleiner Oberlippenbart ohne klare Begrenzungen, man erfährt nicht, ob das so im Drehbuch steht oder einfach nur schlecht rasiert ist. Pathetisch wie eine Rockoper, karg wie eine zeitgenössische Klassikaufführung, episch wie eine Low-Buget-Produktion, "Welcome To The Voice" hat von allem etwas.

Nieve leitet vom Klavier aus die Inszenierung, das Brodsky Quartett, in klassischem Schwarz gehalten, setzt harmonische Gelüste frei und lässt sich nicht für sentimentalen Klangkitsch missbrauchen. Die Rollen des Arbeitskollegen und des Polzisten sind mit ausdrucksstarken Popstimmen besetzt, drei junge Opernsängerinnen beschwören die Geister von Carmen, Butterfly und Norma, Konturen gesungener Sprache verwischen, wenn Costellos amerikanischer Text abrupt ins Französische oder Italienische wechselt - dann ist nur noch Genuschel. Das karge Bühnenbild lässt ohne weitere Anleitung nicht erkennen, dass sich das gesamte Geschehen vor einem fiktiven Opernhaus abspielt. Ein Tänzer verbindet die Auftritte der Protagonisten mit experimentellen Bewegungen, wenn Elvis, mit getönter Brille in blau grauer Facharbeiterkluft gehalten, pausiert, fummelt er sich ständig im Gesicht oder streift mit den Händen durch das lichte Kopfhaar.

Im Gegensatz zu einer herkömmlichen Oper stirbt hier am Ende keiner, besser noch: der Trunkene und die Diva scheiden einstweilen im Duett vereint. Optimistischer kann die Message kaum sein, die Liebe für die Musik geht der Liebe zwischen zwei Menschen voraus. Costellos Stimme glänzt wild und besessen, wenn er diese Geschichte erzählt.



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