Cream-Revival Jahrtausend-Konzert für Methusalems

Knapp 40 Jahre nach ihrem letzten Auftritt in der Royal Albert Hall haben Eric Clapton, Jack Bruce und Ginger Baker wieder für ein paar Abende die Bühne geteilt. The Cream, für viele die erste und beste Supergruppe der Popgeschichte, lieferte das erste Jahrtausend-Konzert der Methusalem-Generation.

Von Matthias Matussek, London


Sie spielten "Spoonful" und "Badge" und die psychedelische Ballade "White Room". Und natürlich den Hippie-Regenbogen-Blues "Sunshine of Your Love", der den zweifelsfrei besten Riff der Rockgeschichte enthält, um diese Streitfrage gleich vorweg zu klären.

Bruce, Baker, Clapton in der Royal Albert Hall: Riss in der Zeit
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Bruce, Baker, Clapton in der Royal Albert Hall: Riss in der Zeit

Am Ende lagen sich die oben auf der Bühne in den Armen und die paar Tausend in den roten Plüschsesseln in den Rängen der Albert Hall ebenfalls, und es war wie ein Riss in der Zeit.

Keine mächtigen Aufbauten. Das Saallicht nur leicht gedimmt. Ein paar Scheinwerfer, und hinter der Band die mächtige Konzertorgel der Albert Hall - hier standen Klassiker auf der Bühne, die Mozart-Beethoven-Brahms des Rock & Blues. Die müssen sich nicht verstecken hinter Firlefanz.

Eine Art optische Gedächtnisstütze war diese halbhohe Wand hinter Ginger Bakers Trommeln. Auf der zerplatzten Farbblasen, wie in diesen ominösen psychedelischen Diashows, die in den späten Sechzigern mit jeder Menge Qualm durch die Turnhallen waberten, ein Zitat aus durchaus bedröhnten Tagen, als Eric Clapton Schwierigkeiten hatte, gerade zu stehen, und sein Konzertpublikum gar nicht erst den Versuch unternahm.

Wie schön, die klare Stimme von Jack Bruce wieder zu hören in "Sleepy Time Time". Wie wahnsinnig präzise dieses Fuß-Trommel-Solo von Ginger Baker in "Toad". Und wie übermütig die Gitarrenlinien von Eric Clapton in "Stormy Monday". Und alle waren clean und hatten den Spaß ihres Lebens.

Cream live: Optische Gedächtnisstütze
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Cream live: Optische Gedächtnisstütze

Ein Volk, das solche Talente hervorbringt, darf sich ruhig über den deutschen Papst lustig machen. Sagen wir, für zehn Sekunden....okay, das reicht.

"Wir haben ja damals auf dem Höhepunkt abgebrochen, weil wir mit unserm Ruhm nicht klar kamen", sagte Eric Clapton. "Aber das hier ist doch unser Höhepunkt", rief Bruce lachend dazwischen. Er hat gerade eine Lebertransplantation hinter sich und Ginger Baker hat mit Arthritis zu kämpfen, aber sie können, was keiner mehr kann.

Eric Clapton, der in gewissen Kreisen nur Gott genannt wird, war ja nie eigentlich verschwunden. Er hatte über die Jahre seine Hits gehabt, mit "Layla", "I shot the Sheriff" oder "Tears in Heaven", aber die anderen beiden waren verschluckt in obskuren Peripherie-Karrieren, in der Blues oder Jazz-Szene.

Gabriel Byrne mit verklärtem Blick wie ein Kind

Neben mir saß ein spanischer Gärtner, dem Bruce, der auf Gran Canaria lebt, eine Karte verschafft hat. Er weinte. Vor mir saß Gabriel Byrne, der Satan aus dem Schwarzenegger-Film, mit verklärten Augen wie ein Kind. Er hielt eine dieser sündhaft teuren Digi-Fotokameras in die Höhe, die kleine Filmchen aufnehmen können.

Alle hielten so was hoch wie früher nur Feuerzeuge. Wie dritte Augen in einem Plankton-Meer aus Alien-Armen muss es auf Byrnes blassen 15-jährigen Sohn gewirkt haben, schwarze halblange Haare, traurige Augen, das unscheinbare Flanell-Hemd post-post-grunge-mäßig über der Hose.

Bruce, Clapton: Wunderbare Melodien, witzige Texte
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Bruce, Clapton: Wunderbare Melodien, witzige Texte

Aber er schien zu verstehen, dass Bruce, der Bassspieler, wunderbare Melodien und die witzigsten Texte schreiben kann: "Born under a bad sign/ I've been down since I began to crawl/ if it wasn't for bad luck/ I had no luck at all". Und dass Ginger Baker, der das Trommel-Solo erfand, ein Hexer ist, und dass sie die besten waren und immer noch sind, weshalb der Name "Cream" immer noch hinhaut. Auch wenn wir alle ein bisschen älter geworden sind.

Erfahren hatte ich von diesem Konzert nicht gerade durch ein Rockmagazin, sondern durch die Wochenend-Beilage des "Daily Telegraph", des Hausblattes des oberen Mittelstandes in der Provinz. Ich fand den Hinweis auf der "Active"-Seite, hinter den Seiten für "Eltern und Erziehung", wo ein rüstiger 66-jähriger Herr namens Peter "Ginger" Baker verriet, wie das Polo-Spiel sein Leben verändert hatte.

Wie es zum Revival kam

Hier also die schonungslose Wahrheit über die Vorgeschichte dieses ersten Jahrtausend-Konzerts der Methusalem-Generation, vormals bekannt als Baby Boomer, Hippies, Drop-outs etc.

Es war 1974, in Westafrika. Herr Baker, der zu jener Zeit in ein Tonstudio in Nigeria investiert hatte, war in eines der damals üblichen Demonstrationsgerangel geraten, mit denen der eine korrupte Blutsäufer gegen den anderen korrupten Blutsäufer aufmarschieren ließ, um im Namen von Frieden, Wohlstand und Demokratie die Macht an sich zu reißen.

Baker, Clapton: Dahingenuscheltes Comeback
AP

Baker, Clapton: Dahingenuscheltes Comeback

Herr Baker, der Meute ansichtig, riss seinen Jeep in einem rasenden Manöver um 180 Grad herum, als eine Stimme rief: "So wie Sie fahren, sollten Sie Polo spielen." Die Stimme gehörte Colin Edwards, dem damals besten Polospieler der Welt.

Herr Baker trieb sich in den folgenden Jahren durchs Leben, feierte Erfolge und spektakuläre Bankrotte, aber sein Polo-Handicap verbesserte sich stetig Jetzt ist er dabei, sich ein eigenes Polofeld anzulegen, sein eigenes Field of Dreams. "Das kostet Geld", sagt Herr Baker dem Telegraph. "Deshalb haue ich jetzt ein bisschen in die Trommeln, für ein kurzes Comeback der Cream."

Bang!

Was???

The Cream!!!!

So dahingenuschelt, in den Freizeitseiten.

Das Comeback, googelte ich kurz darauf, sollte genau dort stattfinden, wo die Gruppe abgebrochen hatte, in der Royal Albert Hall, 1968; es war natürlich innerhalb von ein paar Minuten für sämtliche Konzerte ausverkauft. Die Leute reisten aus Australien und Japan an!

Ich hatte es immer als Lebens-Makel empfunden, Cream nie live gesehen zu haben. Stones, Who, Hendrix und jede Menge niederrangige Götter, das schon. Cream nie, denn sie lösten sich nach zwei Jahren und drei sensationellen Studio-LPs wieder auf. Eine kurze Explosion im Himmel. Und danach nichts als den langen Kometenschweif der Legende.

Glücksgriff: Autor Matussek mit den begehrten Karten
Matthias Matussek

Glücksgriff: Autor Matussek mit den begehrten Karten

Jeder weiß das. Meine Frau nicht. Sie wurde geboren im Jahr nach 1968. Sie gehört definitiv zu den Post-68ern, weshalb sie wissen wollte, wo das Geld geblieben ist, das wir für das Auto zur Seite gelegt hatten. Die Gute. Ich hatte mich natürlich sofort auf den schwarzen Markt begeben, und nach einer Weile war es mir tatsächlich gelungen, für einige Tonnen Gold zwei Karten zu fischen. Karten für das allerletzte Konzert der Serie. Jahrhundertkarten rechts über der Bühne. Meine Frau ließ sich ihre Freude nicht so richtig anmerken.

Clapton: "Dieser Maestro-Mist liegt hinter uns"

Dann allerdings schon. Und zwar von der ersten Liebeserklärung ans Leben an, die da hieß "I'm so glad". Später, ich glaube, nach einem Solo von Clapton in "Badge", sagte sie: "Wir müssen alle sterben". Keine Ahnung, was sie zu dieser melancholischen Erkenntnis geführt hatte. Der Blick auf die Glatzen und die grauen Häupter im Parkett, auf die wippenden Oberkörper, die geschlossenen Augen der Leute, die die Gitarrenlinien in "Crossroads" nachzupften?

Wahrscheinlich ist nie so klar geworden wie in diesem Moment, dass die Babyboomer ihre Kultur einfach mitgenommen haben und dass sie entschlossen sind, sich in den westlichen Überalterungsgesellschaften weiter zu amüsieren, wenn auch gelassener und todesnäher. Alles weitere Gespenstische dazu in Claudius Seidls neuem Buch "Schöne junge Welt".

Und das ist die Hoffnung für alle, die diesmal keine Tickets ergattert hatten. "Dieser Maestro-Mist liegt hinter uns", meinte Eric Clapton. "Wir werden so lange spielen, wie es uns Spaß macht."

Und sie hatten einen Mordspaß an diesem Abend. Und dann ging es in die Nacht hinaus, und die Albert Hall glühte wie eine schöne Torte, und alle sahen aus, als hätten sie ein paar Strahlen abgekriegt von diesem "Sunshine of your Love".

Wer wissen will, wie Musik geht, sollte da mal reinhören.



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