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13. November 2018, 17:39 Uhr

Abgehört - neue Musik

Sex, Jazz und faule Kürbisse

Crazy, sexy, cool: CupcakKe und Tommy Genesis renovieren Rap und R&B mit Pussy-Prosa und Ermächtigungsgesten. Außerdem: Die magische Werkschau des Brainfeeder-Labels und die Rückkehr der Smashing Pumpkins.

CupcakKe - "Eden"
(Eigenveröffentlichung, seit 9. November)

Im Hip-Hop geht es ja derzeit zu wie an der örtlichen Autowaschanlage am ersten Frühlingssamstag. Es herrscht betriebsame Aufbruchsstimmung, alles und jeder meldet Ansprüche an und will seinen Anteil am Boom in trockene Tücher bringen. Dass es angesichts dieses kollektiven Stechens und Hauens auch schwerer denn je ist, aus der Masse herauszustechen, versteht sich von selbst, zumal - und nach wie vor - als Frau.

Elizabeth Eden Harris hat damit kein Problem. Im Laufe der letzten Jahre hat sich die immer noch erst 21-Jährige aus Chicago kontinuierlich nach oben gerappt. Teils aufgrund ihrer die weibliche Sexualität feiernden Pornotexte, sicher. Aber Harris Erfolg darauf zu reduzieren wäre Quatsch. Denn diese Frau hat schlicht mehr bars als das Gros ihrer Kollegen. Und weiß sie einzusetzen.

So auch auf "Eden", ihrem zweiten Album innerhalb von neun Monaten. Wie eine Preisboxerin tritt Harris in den Ring und verteilt vom Fleck weg reichlich Kinnhaken. Allein in den ersten drei Tracks gehen dabei auf die Bretter: Azealia Banks, Miley Cyrus, andere hater, schlechte Väter, die Männer per se, Rassisten und Eierköpfe.

Spätestens ab dem fünften Song beweist "Eden" aber, dass Harris mehr ist als eine technisch hervorragende Rapperin mit Rundumschlag-Texten. Die Single "Garfield" hält sich zwar noch in Trademark-Manier mit Penissen, Pussys und den Aggregatszuständen von Körpersäften auf ("Cum in my mouth/ Make it look like foam"). Doch "Dangled", ein galliger Beziehungsabgesang, zeigt eine bisher ungekannte Verletzlichkeit. Überhaupt zeichnet sich das Album durch einen neuen Hang zu Vielseitigkeit aus - textlich wie musikalisch.

Am deutlichsten wird das am Ende in "A.U.T.I.S.M.", einem Track, der klingt als habe jemand beim Aufnehmen das Studio zu Kleinholz gehauen: "Every kid with autism know that my heart with 'em/ Rather listen to him than the friends he brought with him", stellt Harris da klar. Und löst im Refrain die Bedeutung des titelgebenden Akronyms auf: "A unique-thinking individual strongly matters."

Die Botschaft ist deutlich: Andere Leute angreifen, dissen, verbal fertigmachen? Jederzeit, solange es auf Augenhöhe passiert. Minderheiten, Schwächere und Marginalisierte sind dabei aber tabu. Diese Regel gilt im Hip-Hop zwar nicht erst seit gestern. Dass sie nun so prominent rezitiert wird ist trotzdem ein Segen. Und solange das so gut klingt wie auf "Eden", muss man sich um Hip-Hop keine Sorgen machen. (8.5) Dennis Pohl

Various - "Brainfeeder X"
(Brainfeeder/Goodtogo, ab 16. November)

Wenn, wie neulich beim Jazzfest Berlin, ein vorrangig junges Publikum in Szene-Clubs erneut zu Jazz tanzt, dann hat das viel mit der Pionierarbeit von Brainfeeder zu tun. Die unabhängige Plattenfirma, 2008 von Alice Coltranes Großneffen Steven Ellison alias Flying Lotus in L.A. gegründet, war von Anfang an offen für genresprengende Experimente. Zum zehnten Geburtstag leistet sich das Label eine vier LPs umfassende Retrospektive, die zugleich aber auch - Visionen sind Programm - ein Ausblick in die Zukunft ist.

Die erste Hälfte der rund 140 Minuten langen Brainfeeder-Odyssee fächert auf, welche Bedingungen Acts und Künstler in der Vergangenheit erfüllen mussten, um für die inzwischen etablierte Marke zu taugen: Der Lounge-Hip-Hop von Jeremiah Jae und die Trip-Hop-Echos von Lapalux, das erinnert noch an die Neunzigerjahre-Innovationen von Talkin' Loud oder Mo'Wax, an deren Tradition Brainfeeder anknüpft, ebenso natürlich wie an das legendäre Jazz-Label Impulse. Bei "Bug Thief" von Iglooghost schleicht sich bereits jenes Hang Free- und Fusion-Erbe ein, verquirlt mit Drum'n'Bass-Rhythmen und verzerrten Breakbeats. Die Freiheit, Stile aufzubrechen, sie im weiten Spektrum der Clubmusik zu futuristischen Hybriden neu zusammenzusetzen, dafür werden der Flippergeräusche-House von Martyn oder die Elektrosound-Vertigos von Mr. Oizo angeführt. Es geht um Bandbreite und Dancefloor-Tauglichkeit bei dieser Werkschau, nicht um Vollständigkeit oder Greatest Hits. Brainfeeder-Meilensteine von Flying Lotus oder Kamasi Washington (inzwischen bei XL Records) finden hier keinen Platz, einzig der Funk/Jazzrock-Hit "Them Changes" von Bassist und Ellison-Intimus und Thundercat darf als Quasi-Signatur den neueren Brainfeeder-Sound repräsentieren.

Mit dem Space-Yachtrock von Thundercats "King Of The Hill" (mit BadBadNotGood und Flying Lotus) geht es dann in den bisher unveröffentlichten Teil des Samplers über. Techno-Derivate wie das instrumentale "Squaz" von Ross From Friends oder eine vertrackte Funk-Ballade von Sängerin Georgia Anne Muldrow bilden den Stand der Dinge im Brainfeeder-Kosmos ab. Hier ist reichlich Raum für Far-out-Flair, wie man dem P-Funk-Gospel "The Lavishment Of Light Looking" von Woke (mit George Clinton) entnehmen kann, oder auch Flying Lotus' eigenem neuen Track, der wilden Be-Bop/Spoken Word-Performance "Ain't No Coming Back" mit Rap-Enigma Busdriver. Irgendwo zwischen dem gediegenen Gitarrenjazz von Klassik-Komponist Miguel Atwood-Ferguson und dem verloopten Ambient von Brainfeeder-Urgestein Teebs sucht man nach der einen magischen Zutat, die das alles zusammenhält. It's Jazz. (9.0) Andreas Borcholte

The Smashing Pumpkins - "Shiny And Oh So Bright", Vol. 1 / Lp: "No Past. No Future. No Sun."
(Napalm Records, ab 16. November)

Billy Corgan, darauf können sich viele einigen, gilt als eins der größten Arschlöcher der Rock-Geschichte: ein chronisch beleidigter, selbstherrlicher und kontrollwütiger Egomane, der stets der Meinung ist, es fehle an der gebührenden Anerkennung für sein Werk. Insofern ist bereits die Existenz dieses Albums ein Zugeständnis. Seit der Wiederbelebung seiner Smashing Pumpkins im Jahre 2005 mit wechselnden Musikern (u.a. auch Stamm-Schlagzeuger Jimmy Chamberlin), hatte Corgan so getan, als spiele es keine Rolle, wer außer ihm in der Band spielt. Nun aber hat er sich nicht nur endgültig mit Chamberlin, sondern auch mit Gründungsmitglied James Iha versöhnt. "Wenn wir drei in einem Raum sind, passiert etwas Magisches, das größer ist als ich", sagte Corgan unlängst in einem Interview mit dem Metallica-Schlagzeuger Lars Ulrich.

Da die Geschichte der Pumpkins von Drogen, Todesfällen und ständigen Streitereien überschattet ist, wird die Harmonie auch jetzt von einem kleinen Drama überschattet. Originalbassistin D'Arcy Wretzky ist nämlich nicht dabei. Vor einer Weile lieferte sie sich einen unschönen, öffentlich ausgetragenen Disput mit Corgan, an dessen Ende Jack Bates, der Sohn des ehemaligen New-Order-Bassisten Peter Hook mit auf Tournee ging, nicht D'Arcy.

"We're gonna make this happen. We're gonna ride that rainbow", heißt es nun trotzig in dem arg verkitschten "Knights Of Malta". Der Song eröffnet ein Album, das, im Gegensatz zu seinem prätentiösen Titel, mit nur acht Songs erfreulich kompakt geraten ist. Die Band bewegt sich darauf wie gewohnt zwischen elegischem Dreampop und bratzigem Hardrock. "Silvery Sometimes (Ghosts)" hätte auch auf das 25 Jahre alte "Siamese Dream" gepasst, "Seek And You Shall Destroy" ist das große Epos mit melodramatischen Melodiebögen, "Marching On" ein wütend nach vorne peitschender Punk; das stürmische "Solara" changiert zwischen Noise-Gewitter und Pop.

Es sind die besten Smashing Pumpkins seit den Neunzigern, weil sie genauso klingen wie damals. Produziert hat natürlich Rick Rubin, der ja als Experte für derartige Wiederbelebungsmaßnahmen gilt. Die Texte sind so esoterisch verschwurbelt wie von Corgan gewohnt. Sie erhalten aber einen - vermutlich unfreiwilligen - Gegenwartsbezug, da Corgan zuletzt ein ebenso wirres Interview in der Show des rechten Verschwörungstheoretikers Alex Jones gab und sich auch sonst bisweilen eines Vokabulars bedient, das der neuen Rechten zur Diskreditierung eines vermeintlich linken "Herrschaftsapparates" gilt.

Darauf angesprochen, bezeichnete sich der von "Fake News" schwadronierende Corgan als Wirtschaftsliberaler ohne Interesse an Politik. Auf der laufenden Tournee spiele man nun - ganz ökonomisch - nur die größten Hits, um das Vertrauen in die Marke Smashing Pumpkins zu reaktivieren. Ob man die Kunst vom Künstler trennen kann, möge jeder selbst entscheiden. (7.5) Torsten Groß

Tommy Genesis - "Tommy Genesis"
(Downtown Records/Interscope/Universal, seit 8. November)

"Look at my face, the only thing more pretty is my pussy", ist eine Songzeile, wie sie Genesis Yasmine Mohanraj alias Tommy Genesis gerne mal droppt. Am liebsten beiläufig, in einem unschuldig bis gelangweilt klingenden Rap-Singsang, der dadurch natürlich umso aufreizender wirkt. Mit ihrer expliziten Benennung von Intimkörperteilen und exzessiver Verwendung des Wörtchens "fuck" im Sinne von "Sex" hat sich die junge Musik- und Visual-Arts-Künstlerin aus Vancouver den Ruf eingehandelt, eines der nächsten großen Talente im Bereich sexuell ermächtigter Female-Rap- oder R&B-Musik zu sein - also eine Verwandte von TLC, Kelela und Abra. Nach dem 2015 mit dem Hip-Hop-Kollektiv Awful Records in Atlanta produzierten Mixtape "World Vision" ist "Tommy Genesis" nun ihr Debüt-Album für das US-Majorlabel Downtown/Interscope.

"Lucky", der Reggae-infizierte Track vom Anfang des Jahres, aus dem die oben zitierte Zeile stammt, findet sich in dieser knappen halben Stunde Spielzeit nicht. Aber dafür "Tommy", eine frühe, auf Trap-Beats von Charlie Heat träge dahinklappernde Single, für deren Videoclip sich die auch als Model erfolgreiche Künstlerin nackt in der Badewanne räkelte. "All these bitches get off me/ Nobody fuck like Tommy/ Nobody talk like Tommy/ Nobody walk like Tommy", erklärt sie nachdrücklich monoton im Text.

Ähnliche Empowerment-Lyrik findet sich auch in "Bad Boy", "100 Bad" (mit Charli XCX) oder "Daddy", das mit Porno-Stöhnen beginnt und seinen klebrigen Text mit disruptiven Säge-Sounds kontrastiert.

Gestöhnt und schamlos zum Fummeln aufgefordert wird auch im Pop-Banger des Albums, der Elektro-Pop-Hymne "Play With It". Erstmals lernt man aber auch die komplementäre Genesis-Persönlichkeit kennen, die sich musikalisch und textlich mädchenhafter und verspielter gibt. Tracks wie "You Know Me", "Naughty" (mit Empress Of) oder "Drive" gaukeln mit niedlichem Zuckerpop-und Gitarren-Klimperklimper Romantik vor, haben es aber in sich, wenn man genau hinhört: "I'm not straight/ There's nothin' you can do for me/ I don't want your love, sedation or your jewelry/ I'm a Kill Bill when you come back", droht sie einem potentiellen Verführer. Wer mit wem spielen darf, das machen Tommy und Genesis im Zweifel ganz allein unter sich aus. Crazy, sexy und ganz schön cool. (7.8) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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