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Klassik des Jahres: Die Gewinner-Alben

Foto: Sebastian Gollnow/ picture alliance / Sebastian Gol

Klassik-CDs des Jahres Mitreißend anders

2017 war ein famoses Klassikjahr mit vielen grandiosen Interpretationen. Drei CDs ragen aus der Fülle der Veröffentlichungen heraus - hier die streng subjektiven Gewinner des Jahres.

Das Klassik-Championat ist entschieden! Eine Goldmedaille muss - Nelsons hin, Jansons her - wieder mal an den Dirigenten Teodor Currentzis gehen, der mit seinem Orchester MusicAeterna aus dem sibirischen Perm eine Tschaikowsky-Symphonie (Sony Classical) hinlegte, deren Darbietung ebenso provoziert wie fasziniert. Und dann ausgerechnet die Sechste, die vermeintlich abgespielte "Pathétique" mit dem ganz großen Pathos, den Gassenhauer-Anmutungen, den eingängigen kleinen Seitenthemen. Tschaikowsky als erster Filmmusik-Komponist: Das Etikett ist gar nicht so böse, wie es klingt.

Currentzis bürstet mit seinen Musikern "für die Ewigkeit" (Aeterna) die "Pathétique" in gewohnt flotter Manier mit knochentrockenem Ensemble-Klang und scharfen Dynamik-Kontrasten gegen den Strich. Zwar darf das Orchester auch mal schwelgen, doch die Emotionen gleich im Kopfsatz lassen die Streicher nicht erzittern. Die Leidenschaft explodiert mit Stil und Contenance. Dies erinnert sich an seine maßgeblichen Einspielungen der Da-Ponte-Opern von Mozart ("Figaro", "Così" und "Don Giovanni").

Knackig im Ansatz wie ein Sprinter treibt Currentzis seine Truppe durch die plakativen Landschaften Tschaikowskys, die selten stürmischer und mitreißender als in dieser Tour de Force aufschienen. Doch die Kondition stimmt. Literarische Struktur, aufgeschäumt mit kraftvoll rhythmischer Kontur: "Ich dirigiere Tschaikowsky nicht anders, sondern richtig!" verkündete der Maestro selbstbewusst in einem Interview.

Currentzis will bei aller Sprödheit erzählen und die Musik Tschaikowskys als Roman der Weite und Grenzenlosigkeit zelebrieren. Sentimentalisch statt sentimental: Schiller samt Sturm und Drang sowie die Suche nach "ursprünglicher Natürlichkeit" lassen grüßen. Dafür gibt es Sieger-Gold, und dieses glänzt hier besonders hell.

Charaktertest für Newcomer

Silber geht - auch für seine qualitative Beständigkeit - an den jungen Pianisten Lucas Debargue, der mit seinen ersten beiden Alben und seiner unorthodoxen Spielweise überraschte und verstörte, der aber damit auf schier grenzenlose Begeisterung stieß. Umso schöner, dass der 1990 in Paris geborene Spätstarter mit seinem dritten Streich "Schubert/Szymanowski" (Sony Classical) diese Starterfolge bestätigt. Die Schubert-Klavierstücke und Sonaten - lange verkannt und neben Beethoven geringgeschätzt - wirken heute oft als veritabler Charaktertest für Newcomer-Pianisten.

Lucas Debargue, dessen unorthodox frische Interpretationsweise schon Werke von Ravel, Chopin und besonders Mozart neu beleuchtete, holt aus Schubert die Höhen glühender Romantik und die Melancholie tiefer Abstürze gleichberechtigt heraus, stellt sie mit allen ihren Kanten unverzärtelt nebeneinander und lässt Schubert durch diese Gegensätze neu zu hören. Seine Versionen der Sonaten in a-Moll D.784 und A-Dur D.664 verorten Schubert in eigenem, straff renovierten musikalischen Territorium aus hypnotischen Melodien und subtil herausgearbeiteten Harmonien. Schubert als ein intellektueller Romantiker par excellence, das kann man durchaus so sehen.

Debargues Interpretation der A-Dur-Sonate op. 21 von Karol Szymanowski (1882-1937) fängt die Lust am Gefälligen ebenso ein wie die plötzlich aufstürmende Melancholie. Debargue scheut sich nicht vor offensivem, auch sanft übertriebenem Gefühl, aber die einschmeichelnden Akkorde werden sofort wieder von spröden Passagen korrigiert. Dass hier die Verwandtschaft Szymanowskis zu Schubert dargestellt werden soll, finde ich verdienstvoll und spannend. Es wäre interessant, Debargue und Currentzis gemeinsam im Konzert zu erleben.

Scheinbare Miniaturen voll großer Kunst

Die Bronzemedaille erreicht ebenfalls das Klavierfach, in Gestalt der kanadischen Piano-Virtuosin Janina Fialkowska, 1951 in Montreal geboren und von den Cortot-Schülerinnen Yvonne Hubert und Yvonne Lefébure unterrichtet. Später vervollkommnete sie ihre Talente an der New Yorker Juilliard School. In den Siebzigerjahren förderte Arthur Rubinstein die Pianistin, die seither als Spezialistin für Franz Liszt und vor allem Frédéric Chopin gilt.

Chopin ist auch Fialkowskas jüngste CD "Recital 3" gewidmet, und weil es sich bereits um eine weitere Aufnahme im Dienste ihres Säulenheiligen Chopin handelt, gibt es "nur" den dritten Preis. Künstlerisch kann sie mit allen aktuellen Konkurrentinnen und Konkurrenten mühelos mithalten.

Janina Fialkowska spielt ihren Chopin mit überlegener Perfektion, die sich nie in der Technik erschöpft. In der Gestaltung etwa der Walzer gebietet sie über einen Farbenreichtum und Anschlagsvarianten, mit denen sie aus scheinbaren Miniaturen die große Kunst herauspräpariert. In dieser fast lässigen Spannungsbildung reicht sie an Chopin-Experten wie Rubinstein oder sogar Horowitz heran. Die sinnliche Abtönung der Stimmungen macht's.

Fialkowskas Spiel, wie sie es schon in den beiden Vorläufern ihres Chopin-Recitals entfaltete, besticht dazu durch intellektuelle Klarheit im Verbund mit Intuition - was Virtuosen nicht immer gelingt. Für eine zeitgemäße Chopin-Auffassung, und wenn man den gewohnt verträumten Seelenschmerz nicht unbedingt braucht, ein wahres Labsal.