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Roboter-Duo Daft Punk: Maschinenmusik aus Menschenhand

Foto: Sony Music

Neues Daft-Punk-Album Die fabelhaften Roboter-Boys

Ganz schön gestrig - und dennoch ziemlich genial: Auf ihrem neuen Album plündern sich die Disco-Roboter von Daft Punk kreuz und quer durch die Pop-Geschichte, jeder Ton wirkt vertraut. Eben diese kunstvolle Verneigung vor der Vergangenheit macht "Random Access Memories" zum Meisterwerk.

Immer schon war Pop mehr als nur Musik. Aber in der Saison 2013 hat man das Gefühl, dass schon die Inszenierung eines Albums zum Ereignis wird. Wir hatten David Bowie, wir hatten My Bloody Valentine. Und jetzt haben wir Daft Punk.

Das französische Duo toppt derzeit alles in dieser Disziplin: Jeder Soundschnipsel, den es im Werbeblock der berühmten US-Comedy-Show "Saturday Night Live" streute, wurde breit diskutiert. Immer mehr prominente Gastmusiker wurden publik, die daraufhin in Interviews  das hohe Lied von Daft Punk sangen (siehe Fotostrecke). Dann kam die erste Single, "Get Lucky", und die war auch noch richtig gut. Pharrell Williams sang, mit "We're up all night to get lucky" ist der Refrain schon jetzt einer der Popslogans des Jahres. "Get Lucky" löste "One More Time" als bisher größten Chart-Hit des Duos ab.

Von "Get Lucky" gibt es sogar schon Coverversionen, als Reggae - oder als Indie-Folk-Variante , aber noch immer kein richtiges Video. Das "Journal du Quebec" zitiert einen Sony-Marketingdirektor , der sagt, stattdessen hingen bald Riesenplakate auf den Boulevards der Metropolen. In Tokio wurden bereits Werbe-Lkw gesichtet. "Sie wollen dieses Album promoten, als hätte es MTV nie gegeben", sagt der Sony-Mann: "Sie kontrollieren alles."

Daft Punk - "Get Lucky" hier auf tape.tv ansehen .

Kontrolliert wurde auch, wer wann vorab das Album hören konnte. Und die Journalisten, die durften, mussten eine mehrseitige Erklärung unterzeichnen, die eine Rezension vor Mai untersagte. So etwas gab es schon früher - neu ist, dass dafür ausdrücklich unter Verweis auf eine künstlerische Strategie um Verständnis gebeten wurde.

In einem der - selbstverständlich - raren Interviews zum Album sagten Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem Christo dem französischen Magazin "Rock & Folk", dass sie der Überzeugung seien, all die Stargäste auf "Random Access Memories" könnten ein so kohärentes Casting ergeben wie bei einem Film von Tarantino. Doch sind sie tatsächlich sinnvoll eingesetzt?

Einer auf jeden Fall: "Giorgio by Moroder" - eine Anspielung auf das Parfüm "Giorgio by Armani". Das neunminütige Stück klingt wie die historische Herleitung der Idee des Albums, vorgenommen durch den großen Südtitroler Giorgio Moroder, dessen in München produzierte Disco-Hits für Donna Summer bahnbrechend waren.

Daft Punk ließen Moroder einfach zwei Stunden aus seinem Leben erzählen. Er berichtet, wie ihm erst der Synthesizer gestattete, die Musik der Zukunft zu finden. Man hört das Klacken des Clicktracks, nackt, dann bricht ein sehr moroderesker Instrumentaltrack los. Und das ist dann die Message: Mit Instrumenten Maschinenmusik spielen.

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Meisterwerk "Random Access Memories": Daft Punks Stargäste

Foto: Steve Mack/ Getty Images

Alles echt!

Denn das ist in der Marketing-Kampagne der zweite Küchenzuruf neben den prominenten Gästen: Daft Punk verzichten diesmal fast komplett auf Samples, alles stammt von echten Musikern. Und so sucht man geradezu nach Ungenauigkeiten, nach musikalischem Menscheln. Ja, man glaubt zu hören, dass das Schlagzeug mit Stöcken gespielt wurde, und die Synthies mit Tasten. "There is a world inside me that I cannot explain", heißt es zu den Klaviertönen von Chilly Gonzales, immer wieder wird die Magie der Musik beschworen. Doch es geht auch ganz nüchtern um die Rekonstruktion eines Sounds aus der Prä-MTV-Ära, der von Sessionmusikern geprägt wurde.

Ein zentrales Instrument für Daft Punk war schon bei frühen Hits wie "Around The World" (1997) der Vocoder; die Stimmverfremdung passte zum Roboter-Image des Duos. Es gibt ein wunderbares Buch über die Geschichte des Vocoders. Darin bezeichnet der Electro-HipHop-Pionier Afrika Bambataa ihn doppeldeutig als "Joker": Einerseits kann der Vocoder jeden ersetzen wie der Joker andere Spielkarten, andererseits klingt er einfach lustig.

Bei "Random Access Memories" ist der Vocoder auf fast jedem Stück zu hören. Meistens verbergen sich dahinter vermutlich Daft Punk, manchmal hat das Englisch sogar einen französischen Akzent. Doch in "Instant Crush", einem geradlinigen Popsong mit einem an die Band The Cars erinnernden Midtempo-Beat, soll Julian Casablancas von The Strokes der Sänger sein: Man erkennt ihn - wenn man es denn weiß.

Bombast-Meisterwerk

Umgekehrt setzen Daft Punk einen Gast wie Nile Rodgers, Produzent und Gitarrist der Funk-Gruppe Chic, bewusst der Wiedererkennbarkeit seines Spiels und Sounds wegen ein. Überhaupt ist auf "Random Access Memories" kein Ton zu hören, der nicht pophistorisch konnotiert ist - auch das eine Analogie zu Tarantino. In der Popdebatte war seit Simon Reynolds' Buch viel über die sogenannte Retromanie diskutiert worden: das Überhandnehmen der Bezüge auf die Vergangenheit. Nun, dieses Album treibt die Retromanie so auf die Spitze, dass es befreiend wirken könnte.

Auch in den Texten machen Daft Punk deutlich, dass sie sich des Meta-Charakters ihrer Musik bewusst sind: Von einem "half-forgotten song" lassen sie den 72-jährigen Paul Williams singen, der für die Carpenters schrieb und den Muppets-Soundtrack. In einem anderen Song heißt es: "I keep playing back these fragments of time".

Diese Fragmente klingen manchmal nach Filmmusik-Orchester ("Beyond"), haben etwas vom Soundtrack zu einer Comicverfilmung ("Touch") oder hätten sich in den späten Siebzigern als Titelmelodie eines TV-Politmagazins geeignet ("Motherboard"). Zum Schluss, in "Contact", spricht ein Raumfahrer der Apollo-17-Mission, bevor ein Prodigy-artiger Beat einsetzt und der Bombast durch fiese Klangfilter gedreht wird: Zum Finale wird also Justice, das brachialbombastische Electro-Duo, das schon mal für die Daft-Punk-Nachfolge gehandelt wurde, locker ausgestochen.

Daft Punk verteidigen souverän ihr Terrain. Und nicht nur das: "Random Access Memories" ist über 70 Minuten lang, aber durchgehend unterhaltsam. Übervoll mit Anspielungen, bereichert durch Gäste, klingt es trotzdem immer nach Daft Punk. Ein als Meisterwerk inszeniertes Album hält seiner Inszenierung stand.