Abgehört - neue Musik Vom Leben begossener Königspudel

Der Berliner Sänger Dagobert macht Ernst mit Schlager und Gefühlen - und es ist toll. Außerdem: Neue Alben von UK-Rapperin Little Simz, Straßen-Poetin Alice Phoebe Lou und Songwriterin Stella Donnelly.

Von , und Ariana Zustra


Dagobert - "Welt ohne Zeit"
(Staatsakt/Caroline, seit 1. März)

"Fliiieeeg mit mir zurück in die Zeit/ Lang lebe die Unwissenheit", schmettert der in Berlin lebende Sänger Dagobert in einem besonders schönen Song seines neuen Albums - und man ahnt, was er damit, über die private Beziehungsebene des Textes hinweg, meint. Um Unschuld geht es auf "Welt ohne Zeit", einem Konzeptalbum über zehn gescheiterte, verkrachte oder verdorbene Liebschaften, um den Wunsch, zu jener rosarot leuchtenden Utopie zurückzukehren, an dem die Verknalltheit die Vorsicht besiegt, an dem plötzlich alles möglich scheint - Zärtlichkeit, Geborgenheit, Glückseligkeit, sogar Kinder und Familie. Ein Punkt, an dem man die Zeit tatsächlich anhalten möchte.

Und mit Unschuld im Herzen muss man, auf einer abstrakteren Ebene, auch das rezipieren, was Dagobert "Schlager mit Anspruch" nennt. 2013, nach seiner Ankunft in Berlin, wurde der dandyhaft auftretende Schweizer von der Popszene der Hauptstadt innig als Schnulzen-Eremit aus den Bergen umarmt, weil natürlich alle dachten: Hach, wie drollig. Den Schlager, den Schmalz, das großäugig Träumende seines Debütalbums, das meint der doch eh nicht ernst! Spätestens mit seinem zweiten Album "Afrika" aber wurde inmitten verschrammelter, aber schon hymnischer Lieder klar: Oh doch!

Und so darf man sich eben nicht ins Hipster-Fäustchen lachen, wenn Dagobert jetzt, auf seinem bisher komplettesten Album, mit ergreifender Naivität Zeilen wie diese singt: "All die Probleme entstehen, weil Menschen sich niemals zufriedengeben" - und sich dabei als vom Leben begossener Königspudel in einen Regen aus kristallin perlenden Gitarren und Synthies stellt.

Die klangliche und melodische Nähe zu Purple Schulz oder Münchner Freiheit lässt einen nicht nur hier, sondern auch in einigen anderen Songs des Albums ("Flieg mit mir", Uns beiden gehört die Vergangenheit"), nachhaltig erschauern - nicht immer wohlig.

Aber in seinen besten Momenten ("Du und ich", "Anna") erinnert Dagoberts Songwriting an Blumfelds "Old Nobody" oder jüngere Lambchop-Alben, wo ja immer auch versucht wurde, Sentimentalität und große Romantikgesten aus jenen Kitsch- und Schlager-Zusammenhängen zu heben, in deren stumpfer, massenmanipulativer Verwertungslogik ja immer schon der eigentliche Zynismus lag. Hier, ausgerechnet in der Indiepop-Blase Berlins, findet diese radikal nostalgische, aber nicht zwingend reaktionäre Gefühligkeit einen Schutzraum.

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Safe spaces der Ironie oder des Camp indes, in die man sich vor Dagoberts Herz-Ausschüttungen retten könnte, gibt es nicht auf "Welt ohne Zeit", noch nicht mal im Schunkellied "Flashback", in dem sich Fancy und Falco zum Disco-Trip in die Achtziger treffen, oder in "Einsam", wo ganz unverbrämt David Bowie, New Order und The Cure zitiert werden: Alles aufrichtig, alles ohne Augenzwinkern. Glaubt man. Fühlt man. Und nur darum geht es ja. Um Entwaffnung.

Zum emotionalen Fangschuss legt Dagobert, der eigentlich Lukas Jäger heißt, im düster bollernden Glockengeläut von "Der Geist" an: "Dir geht's genauso wie mir/ Niemand teilt mit dir das Leben/ Du bist allein (...…) Und so wird es auch bleiben/ Du wirst für immer leiden/ Ein Leben voller Einsamkeit/ Liegt vor dir". Die Wunde in der Brust blutet und klafft. (8.7) Andreas Borcholte

Preisabfragezeitpunkt:
20.04.2019, 10:20 Uhr
Ohne Gewähr

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Welt ohne Zeit

Label:
Staatsakt
Preis:
EUR 9,99

Stella Donnelly - Beware Of The Dogs
(Secretly Canadian/Cargo, ab 8. März)

Ein ausatmendes "Haaah", das wie ein Sonnenstrahl durch Frühmorgennebel zu brechen scheint. Wir sind in Australien. Das Gras ist götterspeisengrün, die weibliche Stimme singt nun - und klingt dabei, als träge sie eine herzförmige Plastiksonnenbrille, während sie sorglos auf einem Badetuch liegt. Umgeben ist sie von allzu lieblichen Tastentönen. Sachte wird die Szenerie von einem minimalen Schlagzeug beschlagen. Alles ist leicht und weich. Wenn man dann aber hinhört, was einem in aller Süße da gesungen wird, schreckt man jäh aus dem Gras hoch. Die Haaah, Haaah, Haahs, die sich zum Ende des Songs hin mehren, wirken zynisch. "Signs are telling me that (...) I'm not worthy (..) to make my own choices for my body".

"Watching Telly" ist ein Lied, in dem das Recht auf Abtreibung, auf Selbstbestimmung über den eigenen, den weiblichen Körper verhandelt wird. Stella Donnelly hat es am 25. Mai 2018 auf Tour in Irland geschrieben, einen Tag bevor das Land per Referendum über sein Abtreibungsgesetz abstimmte. "God loves his children, but God loves men, Jesus Christ!" singt sie. Wie können Politiker, Organisationen und Religionen - Männer! - sich anmaßen, über ihren Körper zu entscheiden. Sie ist sauer und klingt süß. So lässt sich "Beware Of The Dogs", das Debütalbum Donnellys, insgesamt zusammenfassen. Es ist Singer-Songwriter-Pop, der nach frühen Neunzigern klingt - Catatonia, Cardigans - aber von heute erzählt und damit auch von weiblicher Sexualität ("I used my vibrator wishing it was you") und von der Alltäglichkeit sexueller Übergriffe ("Boys Will Be Boys").

Stella Donnelly kommt aus Fremantle, einer Hafenstadt im Großraum Perth, in der sie sich in etlichen Bands durch verschiedene Genres spielte. Aufgewachsen ist sie mit Billy Bragg, singen gelernt hat sie mit Amy Winehouse. Erstes Geld verdiente sie mit Firmenfeiern und AC/DC-Coversongs. Zuletzt war sie Gitarristin der Riot-Grrl-Punk-Band Boat Show. Feminismus, das ist bei Donnelly die bittere Medizin, die auf einem Stückchen Zucker serviert wird, damit sie dem Publikum gut runtergeht.

Humor ist ein brauchbarer Zucker, und süße Melodien sind es auch. Und so tanzt Donnelly dann hüpfend zu ihren Songs, die "Old Man" oder eben "Boys Will Be Boys" heißen. In letzterem begleitet sie sich allein auf einer Gitarre, es ist eingängige, sofort mitsingbare Wut in Balladenform. Dieser Track war auch bereits auf ihrer ersten EP "Thrush Metal" enthalten. Donnelly sagt im Interview, das Lied wird von nun an auf jedem ihrer Alben zu finden sein. Solange, bis sein Inhalt obsolet ist. Sie singt:" Like a mower in the morning I will never let you rest". Und sie meint es. (8.0 Julia Friese)

Preisabfragezeitpunkt:
20.04.2019, 09:50 Uhr
Ohne Gewähr

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Beware of the Dogs

Label:
Secretly Canadian / Cargo
Preis:
EUR 9,61

Little Simz - "Grey Area"
(Age 101 Music/Awal Recordings, seit 1. März)

Wer sich an seine Zwanziger noch erinnern kann, hat sie nicht erlebt, könnte man ein gängiges Zitat umdeuten. Für Simbi Ajikawo, besser bekannt als Little Simz, eine aus der Grime-Szene des Ostlondoner Stadtteils Islington stammende Rapperin, ist diese Zeit noch gar nicht beendet, sie wurde Ende Februar 29. Dennoch empfindet sie ihre formativen Jahre auf der Straße und in den Clubs, in denen sie zwei sehr gute Alben (u.a. "A Curious Tale Of Trials + Persons") herausbrachte, als "Grey Area". Und so wird der Titel ihres hervorragenden dritten Albums zum Leitmotiv für die düstere Bestandsaufnahme einer Survival-Story abseits der glitzernden City.

Zunächst geht es natürlich um Wurzeln: Ein nervöses Live-Schlagzeug gibt den Beat von "Offence" an, durch den Track geistern Querflötensignale aus den Siebzigern, aus der Street Poetry und dem Proto-Rap von Last Poets oder Gil Scott-Heron. Der Text nimmt eine lyrische Verortung ihrer Rhymes vor: "I'm Jay-Z on a bad day, Shakespeare on my worst days", rattert sie mit kühler Hybris herunter: "I said it with my chest and I don't care who I offend, uh-huh", wirft sich der Refrain in einen überzeugten Brustton.

Little Simz ist "Boss" in ihrer Welt, wie sie im zweiten Track klarstellt, einer grimmigen Abrechnung mit einem Mann, der ihr Schmerzen zugefügt hat - ohne sie zu zerbrechen. Im Gegenteil: "See God when you look me in my eyes, nigga", rappt sie über elastischen Neunzigerjahre-Dope-Beats. So musikalisch variabel und unerbittlich geht es eine halbe Stunde weiter, Punch für Punch: "Wounds" handelt von Teenagern, die mit Waffen hantieren, "Venom" von toxischer Maskulinität, "Pressure" vom Rassismus in England.

Andreas Borcholtes Playlist KW 10
SPIEGEL ONLINE

Playlist auf Spotify

 1 Dagobert: Du und ich

 2 Die Heiterkeit: Im Fluss

 3 Solange: Time (Is)

 4 Little Simz: Therapy

 5 Tierra Whack: Clones

 6 Juju: Intro

 7 Shirin David: Gib ihm

 8 Christinna O: Lay It Down

 9 Jamila Woods: Zora

10 Dave: Black

Als Gäste treten Reggae-Sänger Chronixx, die Elektro-Popband Little Dragon sowie der britische Soul-Crooner Michael Kiwanuka auf; London-Nachbarin Cleo Sol unterstützt Simz in einem der softeren Momente, der swingenden Soulpop-Ballade "Selfish". Nein, "Therapy", wie der beste, grandios giftige Track in der zweiten Albumhälfte heißt, braucht diese hypertalentierte Rap-Songwriterin sicher nicht, wenn überhaupt, dann Anger Management. Aber es wäre schade um ihre wütende Kunst: "Still an introvert, still my feelings hurt". (8.3) Andreas Borcholte

Preisabfragezeitpunkt:
20.04.2019, 10:10 Uhr
Ohne Gewähr

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Grey Area (Coloured Lp/Gatefold) [Vinyl LP]

Label:
Age 101 (Rough Trade)
Preis:
EUR 18,97

Alice Phoebe Lou - "Paper Castles"
(Motor Music, ab 8. März)

Ach, Alice. Was für eine fabelhafte Träume-werden-wahr-Story! Das Waldorfschulmädchen zog mit 18 aus einem Hippie-Haushalt in Südafrika aus, um in Europa mit Feuertanz (was sonst?) Geld zu verdienen - und landete schließlich in Berlin. Auf dessen Straßen erspielte sie sich eine Fanbase, so groß, dass viele Plattenfirmen sie wollten. Als Freigeist wählte sie aber Freiheit vor Fame und brachte ihr Debütalbum "Orbit" 2016 selbst heraus.

Jetzt ist Alice Phoebe Lou 25 und singt nicht mehr nur zu Zupfgitarren vom Weltall - sondern davon, wie traumatisierend bisweilen das Leben auf der Erde sein kann, vor allem als junge Frau. Ihr Rapunzelhaar und ihre Zierlichkeit werden Lou immer wieder zum Verhängnis: Jemand, der süß aussieht, muss ja auch süß sein. Nicht wahr?

Allein, um diesen Fehlschluss aufzuheben, lohnt es sich, Lou zuzuhören. Auf ihrem zweiten Album "Paper Castles" packt sie aus: In "Skin Crawl" verarbeitet sie eine Albtraumnacht in New York, in der sie mit K.-o.-Tropfen betäubt wurde und im letzten Moment fliehen konnte. Ihr Fazit: "Don't need to have a prince at my ball/ How about right now I'm my own prince?" Im Musikvideo dazu agiert ein Haufen halbnackter Männer wahlweise als Bücherregal oder Aschenbecher. In "Something Holy" bringt sie ihre Angst vor Intimität zur Sprache und besingt gleichzeitig, wie wundervoll Sex sein kann.

Lous Stärke ist, dass sie nicht verbittert. In ihrer Musik hört man noch immer etwas Weltumarmendes: "Ocean" etwa lässt Synthesizersounds über einem zärtelnden Vibraphon schweben, "Fynbos", benannt nach einer Landschaft in ihrer Heimat, schwelgt wie die Melodie einer Spieluhr. Ihr versponnener Jazz-Folk kommt nun raffinierter daher, versprüht hier und da sogar experimentellen Siebzigerjahre-Vibe. Doch all das wäre nur halb so interessant ohne Lous ursprüngliche, fast rohe Stimme, die manchmal Pirouetten dreht.

Mittlerweile spielt sie als Bandleaderin auf Festivals, füllt Hallen, in Japan oder den USA. Doch immer wieder zieht es sie zum Musizieren zurück auf die Straße. Ach, Alice! (7.4) Ariana Zustra

Preisabfragezeitpunkt:
20.04.2019, 12:00 Uhr
Ohne Gewähr

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Paper Castles

Label:
Alice Phoebe Lou
Preis:
EUR 9,99

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
ambulans 05.03.2019
1. jau,
mal wieder vom feinsten: dagobert aus helvetien (ich erinnere mich da noch an diesen "erfinder" aus berlin ...), damals bereits in der hauptstadt sachkundig als "schnulzen-eremit aus den bergen" tituliert (stimmt - vor allem, wenn hier noch jemand den unvergessenen dieter meier von yello kennen sollte); als nächste gibt stella wohltönenden jingle-jangle pop a la "byrds" zum besten (na ja); wenn little simz einfach einmal mit neneh cherry ("rip rip and panic") sprechen würde, z.b. über "the pop group" aus bristol (übrigens vor kurzem wieder veröffentlicht) - nun, dann wäre vielleicht einiges einfach nur ein wenig klarer ...; und dann - alice (keine miesen hier witze über "alice ...", klar?): was passiert, wenn heutzutage noch klassisch-astreine hippiness mit ausgewachsenem waldorf-möbiliar kollidiert? meine hoffnung: das jahr ist noch jung, und - inshallah - wenns der herr vielleicht doch noch richten könnte ... dr. ambulans (alle kassen)
freddykruger 05.03.2019
2. @ambulans
Hallo Dock, brich bitte nicht in Tränen aus. Keine Diskusion heute mit dir (lach). Die hier vorgestellte Musik ist so langweilig und bedeutungslos das ich noch nichteinmal meckern kann. Also mal wieder auf nächste Woche hoffen. Noch ein Tip. Neues Paul Weller Live Album. Erscheint kommenden Freitag.
ambulans 05.03.2019
3. >hi freddy,
Zitat von freddykrugerHallo Dock, brich bitte nicht in Tränen aus. Keine Diskusion heute mit dir (lach). Die hier vorgestellte Musik ist so langweilig und bedeutungslos das ich noch nichteinmal meckern kann. Also mal wieder auf nächste Woche hoffen. Noch ein Tip. Neues Paul Weller Live Album. Erscheint kommenden Freitag.
hey, chef - freut mich, dass du gut beieinander bist (der pott hat ja z.zt. so seine seiten, wie du sicher weißt ...). ehrlich: dieses sujet (oben) war ja auch eher mäßig; deshalb gabs eben halt nur die halbe dröhnung. thanx für paules neueste leistung (live ist er ein tier!); ansonsten, mein heutiger tipp (für dich, wie immer, rezeptfrei): brainville UK, ca. 1999, daevid allen, hugh hopper, pip pyle - klingt genauso, wie du es dir vorstellst. canterbury/jazz/punk, einfach abgedreht, usw. ist ne richtige expedition (unter youtube, ca. 50 min.) wert; ansonsten: mardi gras rules! ... bis demnächst, dr. ambulans (alle kassen)
freddykruger 05.03.2019
4. @ambulans
brainville 99 kenn ich. Daumen hoch. Sollte vorhin natürluch Hallo Doc heißen. Bis demnächst. freddykruger elm st Privatkasse
popeypope 05.03.2019
5. @ambulans
Was wurde von der Pop Group wiederveröffentlicht? Die alten Scheiben sind nach wie vor super, auch die "Cabinet Of Curiosities" mit Alternativ-Aufnahmen aus der alten Zeit kann man bedenkenlos empfehlen; die beiden neuen Alben sind im Fall "Citizen Zombie" noch ganz guter PostFunkPunk, im Fall "Honeymoon On Mars" dagegen ein ziemlicher Rohrkrepierer, trotz Beteiligung von Hank Shocklee und Dennis Bovell. Im übrigen Rip Ri_g_ & Panic hieß das Nachfolgemodell, und Neneh Cherry war da lediglich Sängerin; mit der Pop Group hatte sie nichts unmittelbar zu tun, dafür umso mehr mit den Slits (aber auch dort nur als Background-Sängerin) und den New Age Steppers auf On-U.
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