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Calvin Harris: Der I-Ah des Dancefloors

Foto: Joel Ryan/ AP

Dance-Musiker Calvin Harris Süchtig nach Stroboskop-Gewittern

Flop bei der Kritik, Hit beim Publikum: Der britische Elektro-Musiker Calvin Harris feiert derzeit mit seinem bombastischen Pop-Trance einen Charterfolg nach dem anderen. Der Mann könnte längst ein Superstar sein - hätte er nicht das Charisma eines mürrischen Kinderbuch-Esels.

"Fünf", sagt Calvin Harris. Fünf Nummer-eins-Hits brauche man, um sich bei Popstars seiner Wahl melden und ihnen seine Produktionen anbieten zu können. "Zweimal Nummer eins fehlt mir also noch." Mit den Singles "I'm Not Alone" und "Dance Wiv Me" (ein Duett mit dem Rapper Dizzee Rascal) sowie dem Album "Ready For The Weekend" führte Harris die britischen Charts dreimal an; zwei weitere Singles schafften es auf Platz drei.

Den "kaledonischen Justin Timberlake" nannte der englische "Independent" den schottischen Elektro-Produzenten, der neben seinen eigenen Hits schon für Kylie Minogue und Sophie Ellis-Bextor Songs schrieb, von Madonna gesampelt wurde und eine Zusammenarbeit mit Lady GaGa ablehnte. Vielleicht könnte Calvin Harris einer der größten Popstars unserer Zeit sein. Hätte er nicht das Charisma von I-Ah.

An den mürrischen Esel aus "Pu der Bär" erinnert schon seine Körperhaltung, als er in einem Berliner Hotel zum Interview empfängt. Unrasiert, den fast zwei Meter langen Körper über den Tisch gekauert, erwartet Calvin Harris die erste Frage mit leichtem Unbehagen. Im "Independent" hatte er angedeutet, in Zukunft vielleicht nur noch als Produzent im Hintergrund arbeiten zu wollen - ob also "Ready For The Weekend" sein zweites und letztes Album sei? "Nein", antwortet er murmelnd, "jedenfalls wenn die Plattenfirma mich nicht rauswirft."

So spricht einer, der just in jener Woche gerade das meistverkaufte Album in Großbritannien hat! Er habe das nur so dahingesagt: Beides mache ihm Spaß, für andere zu produzieren und selbst aufzutreten; er könne nichts Kohärentes dazu sagen. "Und das habe ich ja auch nicht", sagt er und lächelt ganz fein.

"Na, ist halt Calvin Harris, der Trottel"

Man kann es Calvin Harris nicht verdenken, dass er in Interviews eher zurückhaltend ist, denn er hat von der Presse schwer auf den Deckel bekommen: "Seine Texte sind so behämmert, dass sie den Hörer beleidigen", schrieb der "Guardian" über sein erstes Album "I Created Disco" und bewertete das Werk mit einem von fünf möglichen Sternen. "Ich wusste, dass sie mir diesmal nicht wieder nur einen Stern geben können", sagt Harris, "denn Dizzee Rascal findet mich gut, und den finden sie cool. Also ein Stern dazu, macht zwei Sterne."

Und so kam es. Zwei Sterne. Und Sätze wie: "Es ist der Klang eines Produzenten, der verzweifelt Ideen auf eine Melodie schüttet, sie so dünn ist, dass es niemals funktionieren kann." Jetzt zuckt Calvin Harris mit den Schultern. Aber vor ein paar Wochen brach es aus ihm heraus; er fluchte auf seinem im Übrigen sehr unterhaltsamen Twitter-Account  darüber, dass so viele Musiker aus betuchtem Hause kommen: "Die Kinder reicher Eltern kriegen gute Besprechungen, weil Mama in den Achtzigern den Journalisten gefickt hat." So eine "lächerliche Londoner Szenefresse" würde in der Mittagspause kurz durch seine Platte skippen und sagen: "Na, ist halt Calvin Harris, der Trottel. Zwei Sterne."

Populär, populistisch und kein Kind reicher Eltern

Es ist natürlich großartig, dass Calvin Harris seine schlechte Presse in einen Arm-Reich-Zusammenhang stellt: So stellen wir uns das in dem von der Klassenfrage besessenen Großbritannien vor. Nicht einmal von der üblichen sozialromantischen Liebe zum Underdog dieser Klassengesellschaft kann Calvin Harris profitieren: Zwar verbrachte er seine Jahre nach der Schule damit, im Supermarkt Regale einzuräumen, aber das Elternhaus, in dem er abends an seiner Musik werkelte, gehört einem Biochemiker und einer Hausfrau - "ich bin in der Mitte durchgerutscht", sagt Calvin Harris.

Doch das Dilemma des populären und populistischen Künstlers, der sich von der Kritik missverstanden fühlt, bleibt. "Ich bin kein Intellektueller, aber ich weiß, was mir gefällt", sagt Calvin Harris. Bei seinen Texten sind dies Phrasen, die vor allem im Kopf hängen bleiben sollen. "If I see a light flashing, could this mean that I'm coming home?" ist so eine Zeile, aus "I'm Not Alone"; man könnte denken, es ginge um die blitzenden Lichter eines Rave. Harris hat nichts gegen eine solche Interpretation: "Aber eigentlich hatte ich eine Fahrt alleine in einem Boot im Sinn."

Die Musik dazu erinnert wie bei den meisten Tracks auf "Ready For The Weekend" an den Pop-Trance der mittleren und späten neunziger Jahre. Große Piano-Breaks, bombastische Steigerungen, Spannung und Erlösung, immer voll auf die Zwölf. Dabei vergisst Calvin Harris nie den Mitsing-Refrain - aber er hat die Songstrukturen etwas komplexer gestaltet als noch auf seinem Debütalbum, bei dem man bei jedem Song nach 30 Sekunden wusste, wie er die nächsten drei Minuten weitergehen würde - weshalb zum Beispiel die Hitsingle "Acceptable In The 80's" als Trailerclip für "Germany's Next Topmodel" fast besser wirkte als in voller Länge.

Versteckspiel hinter der absurden Sonnenbrille

"Stadium Dance" nennt Calvin Harris seinen neuen Stil - aber bei aller Bewunderung für Faithless oder The Prodigy ("die Benchmark für Livepräsentation von Dancemusic") ist damit nicht gemeint, dass er selbst mit seiner Musik Stadien füllen könnte. "Wir sind eher ein Zelt-Act", sagt Calvin Harris, "in Zelten hatten wir bei Festivals unsere besten Auftritte. Meine Musik braucht die Stroboskoplichter." Nein, "Stadium Dance" ist konkreter gemeint: "Ich stelle mir immer ein Baseballspiel vor. Wenn jemand einen Homerun macht und das ganze Stadion ihn dabei anfeuert und bejubelt, dann sollte meine Musik dazu laufen."

Calvin Harris liebt also die Euphorie. Euphorie, die von Musik begleitet wird, aber auch die Euphorie, die Musik auslösen kann. Und doch ist er ein so gänzlich uneuphorisch wirkender Mensch. Als Jugendlicher war er der Typ, der zu Hause zwei Plattenspieler hatte und übte, ein DJ zu sein - aber nie ein DJ wurde. Er träumte auch nie davon, in einer Band zu sein und auf den großen Bühnen zu stehen.

Aber er verfolgte die Charts und studierte die Hitparadenbücher. "Es faszinierte mich immer, die Querverweise zu lesen: Für Pizzaman siehe auch Beats International, siehe auch Freak Power, siehe auch Fatboy Slim." Jahrelang habe niemand gewusst, wie Norman Cook aussieht, der unter all diesen Namen Hits hatte. "Das ist mein Vorbild." Und so spielt Calvin Harris das Popstar-Spiel mit, oft verborgen hinter absurden Sonnenbrillen - aber nur widerwillig.

Vielleicht macht er es ja wirklich so: Noch zwei Nummer-eins-Hits und dann ab in den Hintergrund. Nicht der kaledonische Justin Timberlake, sondern der kaledonische Timbaland.


Calvin Harris: "Ready For The Weekend" (Ministry Of Sound / Edel)

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