Zum Tod von Daniel Johnston Der Star unter den Außenseitern

Er litt an einer psychischen Erkrankung, Fans feierten ihn als Genie: Dem Warencharakter des Pop setzte Daniel Johnston intime Wahrheiten entgegen - und begeisterte auch David Bowie. Nun ist er mit 58 Jahren gestorben.

Daniel Johnston (im Jahre 2013): Wahnsinn und Wahrheit
Gary Miller/ Getty Images

Daniel Johnston (im Jahre 2013): Wahnsinn und Wahrheit

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Manchmal münden kleine Zufälle in große Popmomente: In den Achtzigern schickte der Popmanager Phill Savidge Shirts an Redaktionen, die der geschätzte, aber nicht berühmte Künstler Daniel Johnston selbst gestaltet hatte; eine Aktion, um Johnstons Album "Hi, How Are You" zu promoten. Ein Journalist nahm das Shirt mit nach Seattle, wo er 1989 die aufstrebende Grunge-Szene porträtieren sollte. Dort freundete er sich mit dem jungen Sänger einer der dortigen Bands an, Kurt Cobain von Nirvana, dem er schließlich das T-Shirt schenkte.

1992 fand Cobain eine glänzende Gelegenheit, das Daniel-Johnston-Shirt zu tragen: Unter einem offenen Hemd sah man den "Hi, How Are You"-Frosch, als Kurt Cobain bei den MTV Video Music Awards auf die Bühne trat, um für Nirvana den Preis als Beste Newcomer entgegenzunehmen. In den Monaten zuvor war aus Nirvana, der Grunge-Band aus Seattle, dank "Smells Like Teen Spirit" ein weltweites Phänomen geworden.

Kurt Cobain (r., mit Flea von den Red Hot Chili Peppers) kommt mit Daniel-Johnston-T-Shirt zu den MTV Awards 1992
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Kurt Cobain (r., mit Flea von den Red Hot Chili Peppers) kommt mit Daniel-Johnston-T-Shirt zu den MTV Awards 1992

In der damaligen Atmosphäre führte die Tatsache, dass der Star des Moments ein bestimmtes T-Shirt trug, dazu, dass sich große Plattenfirmen zu einem Bieterwettkampf um Daniel Johnston herausgefordert sahen. Es war ein Zeichen der Verunsicherung der Musikindustrie: Der Erfolg von Nirvana kam für die Branche, die Major-Popstars bis dahin ganz anders aufgebaut hatte, so überraschend, dass man glaubte, alles was ähnlich klänge oder entfernt mit Kurt Cobain zu tun hatte, unter Vertrag nehmen zu müssen.

Und sei es eben auch jemand wie Daniel Johnston, der in dieser Phase viel Zeit in der Psychiatrie verbrachte. Bei Johnston war eine bipolare Störung diagnostiziert. "I guess I lean toward the excessive / But that's just the way it is / When you're a manic depressive" hatte er schon auf dem "Hi, How Are You"-Album gesungen.

Während einer manischen Episode hatte Daniel Johnston 1990 im Privatflugzeug mit seinem Vater den Motor abgestellt und den Schlüssel aus der Maschine geworfen. Mit Glück und Geschick gelang es dem einstigen Militärpiloten Bill Johnston, den Absturz glimpflich zu halten - beide überlebten, aber der Sohn wurde eingewiesen.

Von den Beatles gelernt

Kurz zuvor hatte Johnston auf dem Album "1990" einen jener Songs veröffentlicht, die immer wieder von anderen Musikern gecovert wurden, weil sie komplexe Gefühlslagen auf den Punkt bringen: "True Love Will Find You in the End". Nun ist genau diese geniale Simplizität ja aber auch eine Eigenschaft, die seit jeher als eine Stärke der Popmusik gilt. Und so sehr auch das Unverstellte, das Pure an Daniel Johnstons Songs gefeiert wurde, merkt man ihnen doch stets an, was er alles von den Beatles, die er zutiefst bewunderte, gelernt hat.

Auf den frühen Alben, die er am Klavier im Elternhaus oder einsam in der Garage seines Bruders im improvisierten Homestudio mit Heimorgel aufnahm, gibt es immer wieder Momente der Inszenierung, des Popstarspielens; er kündigt sich selbst an als Star, ist besessen von der Idee des Ruhms. 1985 hat er einen ersten Auftritt in einer MTV-Show: "I Live My Broken Dreams" singt er und linst dabei scheu in die Kamera hinein.

Mit Kurt Cobains T-Shirt-Auftritt bei MTV, neuen, optimistischen Songs wie "My Life Is Starting Over" und der geklärten Vertragssituation bei Atlantic Records (bei Elektra wollte Johnston nicht unterschreiben, da dort auch die laut Johnston vom Teufel besessenen Metallica unter Vertrag waren) schien der Weg zum Ruhm doch noch bereitet.

Die Indie-Szene der ausgehenden Achtzigerjahre hatte durchaus ein Herz für Außenseiter, manche von ihnen kamen dann Anfang der Neunziger zu erstaunlicher Bekanntheit. Kurt Cobain sah sich geradezu als Symbolfigur für die Heimatlosen, war von der Rolle als Repräsentant aber zugleich überfordert. Aber natürlich war auch hier Johnston wieder der Außenseiter unter den Außenseitern: Bands wie Sonic Youth, Pavement oder Fugazi hatten immer noch einen rockigen, rebellischen Kern im Sound. Daniel Johnstons selbstgemachte Rekonstruktionen der Beatles passten in das letzte Aufbegehren nicht, weil sie viel zu zerbrechlich waren.

Bewunderer Bowie

Zudem waren Live-Auftritte von Daniel Johnston stets eine zwiespältige Sache. Der erste Deutschland-Auftritt in der Berliner Volksbühne 1999 wurde bejubelt (und als Livealbum "Why Me?" bei Trikont veröffentlicht), doch dem von Medikamenten und Fast Food aufgeschwemmten Mann mit dem starken Zittern zuzuschauen, hatte immer auch etwas Voyeuristisches an sich - so tief die Songs und der Vortrag das Publikum zugleich auch berührten.

Auch mit dem Atlantic-Album "Fun" (1994) war Johnston natürlich kein Popstar geworden. Dennoch - oder gerade deshalb - wuchs seine Bekanntheit als jemand, dessen Songs sich der Warenförmigkeit widersetzten. Selbst David Bowie pflegte diesen Mythos, als er im SPIEGEL-Interview 2002 sagte: "Ein Mann wie Daniel Johnston nimmt seine Songs nur für sich selbst auf, und genau diese fast primitive Integrität seiner Arbeit halte ich für etwas Wahres." Es mache ihm bewusst, was er an der Kunst ursprünglich einmal geliebt habe, sagte Bowie. 2005 erschien ein preisgekrönter Dokumentarfilm von Jeff Feuerzeig, "The Devil and Daniel Johnston".

Neben der stets fragilen geistigen Gesundheit war Daniel Johnston über die Jahre auch körperlich immer angegriffener. 2017 ging er in den USA noch ein letztes Mal auf Tour, begleitet von einer Art Indie-Supergroup aus Mitgliedern von Wilco, Built To Spill und Fugazi.

Am 10. September 2019 ist Daniel Johnston gestorben, an einem Herzinfarkt. Er wurde 58 Jahre alt.

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insgesamt 4 Beiträge
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Papazaca 12.09.2019
1. Übersehen, aber nicht (ganz) vergessen: Pop-Genies im Halbdunkel
Erstmal freue mich über diesen Bericht über Daniel Johnston. Und er macht mich mich neugierig, mehr als nur sein unvergessliches Stück "True love will find you in the end" kennenzulernen. Und er erinnert mich an die großen Sänger, die, obwohl ganz Große, es nie schafften. Wahrscheinlich kann man sich dieser Tragik nicht entziehen, auch wenn diese Künstler nie so spektakulär wie Morrison, Winehouse oder Cobain waren. Ein guter Grund, sich Daniel Johnston's Musik anzuhören. Aber auch an die eher Vergessenen wie Nick Drake und Elliott Smith zu denken. Es gibt eben nicht nur die Madonna's im Rampenlicht sondern auch fast übersehene Pop-Genies im Halbdunkel!
t_mcmillan 12.09.2019
2. Danke für den Bericht
Hätte den D.J. sonst übersehen. Toller Musiker
hard_frost 12.09.2019
3. unvergesslich?
Zitat von PapazacaErstmal freue mich über diesen Bericht über Daniel Johnston. Und er macht mich mich neugierig, mehr als nur sein unvergessliches Stück "True love will find you in the end" kennenzulernen. Und er erinnert mich an die großen Sänger, die, obwohl ganz Große, es nie schafften. Wahrscheinlich kann man sich dieser Tragik nicht entziehen, auch wenn diese Künstler nie so spektakulär wie Morrison, Winehouse oder Cobain waren. Ein guter Grund, sich Daniel Johnston's Musik anzuhören. Aber auch an die eher Vergessenen wie Nick Drake und Elliott Smith zu denken. Es gibt eben nicht nur die Madonna's im Rampenlicht sondern auch fast übersehene Pop-Genies im Halbdunkel!
Also ich finde das ziemlich vergesslich. Für mich ist das Geschrammel. Ich hab sogar mal "Fear Yourself" von ihm besessen, aber .. nee, nichts für mich.
Papazaca 13.09.2019
4. Das Entdecken abseits des Mainstreams
Das Thema war für mich eher entdecken oder wieder entdecken. Bei Johnston ist die Stimme "auf den ersten Blick" auch nicht mein Fall. Aber mir geht es eher um das Entdecken abseits des Mainstreams. Und klar, nicht jeder Außenseiter wie Daniel Johnston gefällt einem. Aber das hat sich für mich oft gelohnt, siehe Elliott Smith oder Nick Drake. So habe ich auch Tom Waits bei einem Friseur im Village in den Siebzigern zum ersten Mal gehört. Nicht jeder Versuch kann ein Treffer sein.
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