Pianist Trifonov Drama, Baby

Daniil Trifonov gilt derzeit als interessantester Star der Klavierszene. Wie er aber die Reifeprüfungen des Liszt-Spiels absolviert, raubt dann doch den Atem.

Dario Acosta/ DG/ Universal Music

Rief die Pflicht? Daniil Trifonov, junger Top-Star der Klavierszene, stellte in der Hamburger Laeiszhalle erstmals Robert Schumanns a-moll-Konzert vor, ein Standard der Konzertliteratur für sein Instrument. Mit Riccardo Chailly stand ein Hochkaräter am Pult, der die 1982 von Claudio Abbado gegründete Filarmonica della Scala aus Mailand kraftvoll dirigierte. Und doch wirkte der Solist seltsam neutral. Selbstredend ließ er es romantisch-melancholisch rauschen, sorgte für kontrollierte Eruptionen in den Kadenzen, immer wieder ein Spritzer Sentiment, wohlbalancierte Dynamik, stets mit Gehör fürs Orchester. Aber erst als Trifonov Schumanns technisch brutal schwere Toccata op. 7 als Zugabe auspackte, war er ganz bei sich: Ohne Zurückhaltung ließ er es krachen, Drama, Baby, Spiel, Satz und Sieg. Ging also doch.

Was sich nur wenige trauen

Aber nun: Hereinspaziert zur neuen Liszt-Ausstellung! Der engagierte Kurator Daniil Trifonov präsentiert in konzentrierter Form das, was sich nur wenige trauen. Franz Liszts aberwitzig schwere Konzert-Etüden im großen Gebinde. Dass sich Trifonov das auf seiner neuen Doppel-CD "Transcendental" (Deutsche Grammophon) leisten darf, folgt logisch aus seinen Konzerten Anfang 2016. Zwischen Variationen von Brahms/Bach und der voluminösen ersten Sonate seines aktuellen Hausgottes Sergej Rachmaninov baute der 25 Jahre junge Klaviermeister aus Nischni Nowgorod die heiklen Paganini-Etüden Liszts ein. Und meisterte sie mit der lässigen Souveränität eines neugierigen Genies: Eben nicht bloß routiniert und souverän, sondern mit Detailfreude, technischen Subtilitäten und einem verblüffend individuellen Swing, der sich aus Liszts Noten entwickelte, aber im Geiste des Komponisten die eigene Handschrift aus der Vorschrift hervorzauberte. Trifonov hatte den Liszt verstanden.

Den Entertainer der höchsten Klavierkunst, als der sich Liszt durchaus auch sah, hört man jeder der "12 Etudes d'exécution transcendante" an, mit denen Trifonov nun seine CD-Werkschau der Liszt-Übungen beginnt. Sei es die "Mazeppa"-Exkursion - der bekannten Verserzählung Victor Hugos angelehnt - oder die romantisch-sehnenden "Ricordanza"-Arpeggien, immer eint Trifonov Virtuosität mit musikalischer Prägnanz. Von hier spannt er den Bogen zu jenen "Paganini-Etüden", die er hier an den Schluss des Programms platziert. Als Bewunderer Paganinis setzte Liszt seinem Idol mit dem Zyklus ein würdiges Denkmal, welches wie die zugrunde liegenden "Caprices" op. 1 und dem Violinkonzert op. 7 zu kongenialen Prüfstücken für ambitionierte Pianisten umarbeitete.

"Der missverstandene Liszt"

In diesem vermeintlich vordergründigen Virtuosen-Stücken fächert sich der revolutionäre Geist Liszts auf, dessen Analyse der Pianist und Schriftsteller Alfred Brendel vor Jahren bereits detaillierte Essays und Erläuterungen widmete. Schon 1961, als Liszt immer noch umstritten in seiner musikhistorischen Bedeutung verhandelt wurde, bezog Brendel Position ("Der missverstandene Liszt") und fasste zusammen: "Man muss Liszt ernst nehmen, um ihn gut zu spielen." Exakt das unternimmt Trifonov. Man könnte hinzufügen: Liszt ernst nehmen, um mehr Spaß an ihm zu haben. Nur wenig später räumte auch der Klavierspiel-Analytiker Joachim Kaiser dem Innovator mit dem Kapitel "Der Griff nach Liszt" neuen Raum im Rahmen seines Standardwerkes "Große Pianisten in unserer Zeit" (Piper) ein.

Mehr Rauschen war nie

Die technischen Hürden sorgen natürlich für zirzensischen Glitzer des Klaviererlebnisses, beweisen sich aber stets auch als Mittel zum Zweck. Am vertrautesten noch schimmert Trifonovs Technik in Stücken wie der bekannten "Glöckchenetüde" ("La Campanella") in scheinbar vordergründiger Fingerfertigkeit auf, wenn auch noch der feinste, allerletzte Glockenspielschlag aberwitzig deutlich und zehntelsekundengenau erklingt. Zuvor hatte Trifonov schon den irrlichternden "Gnomenreigen" nach dem "Waldesrauschen" mit betörend leichter Hand als Perlenschnur puren Klangzaubers geflochten: Mehr Rauschen war wohl nie.

Doch es war nicht nur Fingerfertigkeit, die Daniil Trifonovs internationale Karriere beflügelte. Von Beginn an überzeugte er im Hier-und-Jetzt der Konzertsäle mit eigenwilliger und überzeugender Interpretation hauptsächlich klassischer Werke. Mozart und Chopin pflegt er ebenso intensiv wie eigene Kompositionen. Sein letztes Album brachte nicht allzu oft gehörte Werke Sergej Rachmaninovs, wie er zuvor bereits den Scheinwerfer auf das Werk Nicolai Medtners rückte. Was immer Trifonov plant, sein Weg wird spannend bleiben. Der Mann ist ja noch so jung.

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  • Transcendental

    Künstler: Daniil Trifonov; Komponisten: Franz Liszt.

    Doppel-CD; Deutsche Grammophon (Universal Music); 17,99 Euro; Erscheint am 7.10.

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Tourneedaten: 5.10. Berlin, 7.10. Frankfurt, 9.10. München, 11.10. Wien, 29., 30., 31.12. Berlin



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gemihaus 03.10.2016
1. Drama, Baby-!
Ein künstlerisch hochkarätiges Pianisten-Portrait ganz im Stil unsrer Zeit, Bravo, Spon-!
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