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Neues Album von Haftbefehl Kein Drogendealer mehr, ein Drogenbaron

Was macht ein Straßenrapper wie Haftbefehl, der zwar noch von der Straße rappt, sich aber davon entfernt hat? Er veröffentlicht ein Album, das noch krasser, noch komplexer ist als das letzte.
aus DER SPIEGEL 24/2020
Musiker Anhan: "Totalschaden, ohne Grund"

Musiker Anhan: "Totalschaden, ohne Grund"

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Lennart Brede

Nicht alle Gangsta-Rapper waren mal Gangster. Haftbefehl schon. Haftbefehl heißt eigentlich Aykut Anhan. Er ist 34 Jahre alt, kam als Sohn einer Türkin und eines Kurden in Offenbach zur Welt. Sein Vater brachte sich um, als Anhan ein Teenager war.

Er prügelte sich, dealte. Wurde zur Fahndung ausgeschrieben und floh nach Istanbul. Es hätte so weitergehen können, hätte er nicht irgendwo auf dem Weg angefangen zu rappen. Die Fahndung brachte auch etwas Gutes. Seinen Künstlernamen.

Haftbefehl wurde zu einem der größten deutschen Rapper des vergangenen Jahrzehnts, weil er diesen Namen glaubwürdig verkörperte. Und weil er die Sprache der Straße so kreativ in Rapsongs übertrug wie kaum jemand.

"Babo" wurde zum Jugendwort des Jahres

Sein Song "Chabos wissen wer der Babo ist" wurde 2013 ein Raphit, auf den sich ganz Deutschland einigen konnte, so schien es: Kai Diekmann, damals noch Chefredakteur der "Bild"-Zeitung, wurde im Impressum plötzlich als "Babo" aufgeführt, was so viel wie "Chef" heißt. Der Langenscheidt-Verlag erklärte "Babo" zum Jugendwort des Jahres. Einige Monate später druckte ein CSU-Politiker den Songtitel auf sein Wahlplakat. Und "Die Zeit" ernannte Haftbefehl zum "Dichter der Stunde". Das alles machte ihn nicht weniger glaubwürdig. Es nahm nicht die Straße aus seinem Sound.

DER SPIEGEL 24/2020
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cgs

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Seitdem sind ein paar Jahre vergangen. Haftbefehl outete sich im vergangenen Jahr als Merkel-Fan und bleichte die Raucherzähne. Auf Instagram, wo andere Straßenrapper auch mal mit ihrem Drogenkonsum angeben, postete er Ende März ein Foto. Nicht von der Straße, sondern von einer Wiese. Haftbefehl und sein Sohn ließen einen Drachen steigen.

"Eine Tonne weiße Ziegelsteine"

Klingt schön, aber auch wie ein Problem: Was macht ein Straßenrapper, der zwar noch von der Straße rappt, sich aber davon entfernt hat?

Er löst das auf seiner fünften Soloplatte mit dem Titel "Das weisse Album", indem er die Kunstfigur Haftbefehl noch ein bisschen krasser zeichnet als früher. Wenn er gleich in den ersten Sekunden des Albums von Drogen rappt, wundert das niemanden. Bei ihm heißt es aber nicht "Kokain", sondern "eine Tonne weiße Ziegelsteine". Er habe mehr Weiß gesehen als ein Eskimo, rappt er weiter. Mehr Koks geht kaum.

Auf dem Album ist er kein Drogendealer mehr. Er ist Drogenbaron: "Babo Pablo" nennt er sich, eine Anspielung auf den kolumbianischen Kartellboss Pablo Escobar. Und die anderen? Sind "Hollywood-Tony-Montanas". Die spielen nur, wie Al Pacino in "Scarface".

Wäre "Das weisse Album" ein Film, dann vermutlich einer von Tarantino: Haftbefehls Gegnern rutscht hier der Unterkiefer ins Gehirn, dort haut er sie "Totalschaden, ohne Grund, ohne Moral". Die Altersfreigabe liefert er gleich mit: "Es ist Haftbefehl, erst ab 18", rappt er. "Nix für Kinder."

Dissonanzen über angezerrten Synthesizerbässen

Um zu beweisen, wie krass er ist, grenzt er sich naturgemäß von den Kollegen ab. Deutschrap ist gerade sehr beliebt, nicht selten landen singende Rapperinnen und Rapper mit poptauglichen Melodien auf den obersten Chartplätzen. Haftbefehl scheint darauf anzuspielen, wenn er in "Morgenstern" fragt: "Welcher Gangster singt wie Britney Spears?" Im selben Song vergleicht er seine Kollegen mit Miley Cyrus, an anderer Stelle sogar mit Peter Maffay.

Die Nummer eins sei ihm egal, rappt er. Man kann das als Koketterie auslegen, nimmt es ihm aber ab, was vor allem am Sound des Albums liegt: Es lässt zwar auch mal Popmelodien zu, etwa wenn es um "Depression und Schmerz" geht. Doch oft klingt die Produktion schön angeknackst. Dissonanzen über angezerrten Synthesizerbässen. Wäre das Album nun ein Tarantino-Film, dann eher einer, der mit verwackelten Handykameras gefilmt wurde.

Und Haftbefehl singt selten. Er bellt lieber. "Das weisse Album" klingt vor allem in der ersten Hälfte ungehobelter als vieles von dem Deutschrap, der gerade im Radio läuft. Dadurch aber eigenständiger, zeitloser.

Was Haftbefehls neues Album auch von vielen seiner derzeit so populären Rapkollegen unterscheidet: dass seine Kunst nicht bloß krasser, sondern auch komplexer wirkt. Dass sie auch vermeintliche Widersprüche in sich vereinen kann – wie den vom Straßenrap-Papa auf der Wiese.

Das zeigt sich schon am Titel: "Das weisse Album" erinnert an das schlicht gestaltete Album der Beatles aus dem Jahr 1968. Abgekürzt liest sich der Titel D. W. A. wiederum wie eine Anspielung auf die kalifornische Gruppe N. W. A, Urväter des Gangsta-Rap. Musik für eine Revolte neben Musik fürs Establishment. Das sind wohl die Welten, zwischen denen sich ein alternder Straßenrapper wie Haftbefehl bewegen muss.

Das zeigt sich auch an einem Song wie "Conan x Xenia", in dem Haftbefehl ruft: "Ich bin Conan, der Barbar". So hieß ein Achtzigerjahre-Muskel-Epos mit Arnold Schwarzenegger. Der spielte darin Conan, einen Sklaven. Bei Haftbefehl klingt das Wort "Barbar" aber auch wie "Baba", was "Vater" bedeutet, "Familienoberhaupt". Der Sklave und das Oberhaupt in einem. Krasser geht es kaum.

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