Abgehört - neue Musik Pop als Psychodrama

Aus den Charts in die Kontroverse: Der junge Londoner Rapper Dave erhitzt mit einem Sozialdrama die Gemüter. Außerdem: Helado Negro packt die Latino-Welt in Watte, Sigrid mag's skandinavisch smart.

Dave - "Psychodrama"
(Neighbourhood Recordings/Caroline, seit 8. März)

So viel Aufregung um einen Hip-Hop-Track gab es in Großbritannien lange nicht, und dabei geht es in "Black" noch nicht mal um Sex-, Drogen- oder Gewaltexzesse, Themen also, die sonst gerne als Trigger dienen, Rap-Musik als amoralisch oder jugendgefährdend einzustufen. Nein, der Grund, warum sich Annie Mac, Starmoderatorin von BBC Radio 1 genötigt sah, "Black" gegen zu viele negative Kommentare zu verteidigen  , ist, dass die mit schleppenden Beats, elegischem Klaviergeklimper, Chören und Streichern untermalte Single hochpolitisch ist - und ihr Schöpfer einer der erfolgreichsten Hip-Hop-Newcomer der vergangenen Jahre: Der erst 20 Jahre alte Dave schoss mit seiner Single "Funky Friday" im vergangenen Sommer auf Platz eins der Charts und gewann mit "Question Time" , einem siebenminütigen Anklage-Track gegen Englands aktuelle und frühere PremierministerInnen als jüngster Künstler den renommierten Ivor-Novello-Award. Hotter als Dave geht es im UK-Pop gerade nicht.

Umso erstaunlicher, dass der aus Südlondon stammende Afro-Brite keine seiner elf erfolgreichen Singles auf sein Debütalbum packte, wie es in der auf Spotify-Klangtapete und Binge-Streaming geeichten Szene eigentlich üblich gewesen wäre. Stattdessen veröffentlichte er am vergangenen Freitag mit "Psychodrama" ein musikalisch sehr reduziertes Konzeptalbum, das wie ein elegantes Update von Chuck D.s Idee von Rap als CNN einer marginalisierten schwarzen Community wirkt. Schauplatz dieses knapp einstündigen Special Reports ist jedoch nicht Brooklyn oder die Bronx, sondern London mit seinen sozialen Härten gegenüber Persons of Color. Es ist das vielleicht wichtigste britische Rapalbum seit dem Revival des UK Rap vor fünf Jahren, das Grime-Stars wie Skepta und Stormzy, aber auch politische Acts wie Little Simz, Oscar #Worldpeace oder Awate hervorgebracht hat.

Mit seiner bitteren Analyse eines ambivalenten Kampfbegriffs ist "Black" einer der zentralen Tracks des Albums. Dave rappt: "Black is beautiful, black is excellent", geißelt dann aber die in westlichen Gesellschaften übliche Praxis, alle schwarzen Herkünfte in einen Slogan zu gießen, als Rassismus: "Black ain't just a single fuckin' colour, man/ There's shades to it".

Ebenso deutlich rechnet er mit dem Kolonialismus der Briten in Westafrika ab, wo Länder bis heute nach ihren ausgebeuteten Ressourcen benannt sind: "Gold Coast, Ivory Coast, Grain Coast". Auch den institutionellen Rassismus von Yellow-Medien und Justiz prangert er an. "The blacker the berry the sweeter the juice", zitiert er zunächst Kendrick Lamar, dann: "A kid dies, the blacker the killer, the sweeter the news/ And if he's white you give him a chance, he's ill and confused".

Die weitgehende Absenz trendiger Trap-Rap- und Autotune-Manierismen zugunsten eines klaren, prononcierten Vortrags lässt das Album sehr nüchtern und bedeutungsschwer wirken - die Zielgruppe ist hier nicht vorrangig der Szene-Untergrund, sondern auch, wenn nicht vor allem der weiße, bürgerliche Pop-Mainstream. Aber nicht durchgängig: Wenn Dave in "Streatham", "Location", oder "Screwface Capital" aus seiner tristen Jugend vor dem Ruhm berichtet, werden die Tracks lockerer und beginnen auf federnden Beats club- und straßentauglich zu schwingen.

Doch wann immer ein - fiktiver - Therapeut aus dem Off über den emotionalen und gedanklichen Erkenntnisfortschritt seines Patienten reflektiert, lassen Dave und Produzent Fraser T. Smith (u.a. Drake, Adele) das Musikalische wieder in den Hintergrund treten. Der dramatisierende Soundtrack könnte - mit seinem Violinen-Schwulst und dem ganzen Piano-Pathos - das "Psychodrama" allzu leicht zur Seifenoper machen, doch Daves bretternder Duktus und sein packender Flow retten ihn immer wieder vor dem Kitsch.

Elf Minuten nimmt sich der Rapper für die Nacherzählung des Missbrauchsdramas der von ihrem Schlägerfreund schwangeren "Lesley" Zeit - und enthüllt dann fast nebenbei in "Drama", dass die junge Frau aus seinem Familienumfeld stammt. Der Track selbst handelt von Daves inhaftiertem Bruder und der Abwesenheit von Vätern und Vorbildern, stellvertretend für eine ganze Generation junger Männer, die ihre einzig gültige Perspektive darin sehen, ihre Geschichten mit Beats und Rap einer maximal großen Masse Menschen zuzuführen. Mit Dave hat ein eminenter neuer Erzähler diese Bühne betreten. (9.0) Andreas Borcholte

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Helado Negro - "This Is How You Smile"
(RVNG International/Cargo, seit 8. März)

Helado Negro ist der höflichste Protestsänger der Welt. Lange Zeit war das ein Problem. Die ersten vier Alben des Songwriters aus Brooklyn, der eigentlich Roberto Carlos Lange heißt und in Florida aufwuchs, enthielten manierlichen Synth-Pop und Balladen im Stil des Schnulzensängers Julio Jaramillo, dem Lieblingskünstler von Langes Eltern (und den meisten anderen Ecuadorianern). Sufjan Stevens veröffentlichte sie auf seinem Label Asthmatic Kitty. Langes Bekenntnisse zur zersplitterten Identität und einem daraus erwachsenden hispanischen Selbstbewusstsein verklangen jedoch weitgehend unerhört in allzu zurückhaltenden Liedern.

Dann kam der Sommer 2015. Donald Trump eröffnete einen Wahlkampf, der zunehmend zügellos auf den Rücken lateinamerikanischer Einwanderer stattfinden sollte, und Helado Negro hatte plötzlich ein Publikum. Sein Song "Young, Latin & Proud" erschien zwei Wochen nach einer unverhohlen rassistischen Rede des späteren US-Präsidenten und entwickelte sich zum Mantra des Widerstands gegen verrohte Umgangsformen und Weltanschauungen. Lange sang das Stück genauso sanft wie alle anderen Lieder auf dem Album "Private Energy", das ein gutes Jahr später folgte. Doch dieses Mal offenbarte sein Blick nach innen ungeahntes Potenzial für Identifikation und Verbrüderung.

Heute steht noch immer keine Mauer zwischen den USA und Mexiko, aber Helado Negro hat seine nächste Platte fertig. "This Is How You Smile" ist mehr als eine Ehrenrunde zu Langes persönlicher Erfolgsgeschichte. Mit nochmals vereinfachtem Songwriting und dem Verzicht auf alle unnötigen Schnörkel stößt der 39-Jährige endgültig zum Kern seines Schaffens vor. Vier Minuten lang dreht sich in der Mitte des Albums ein Stück namens "Running" um sich selbst. Es besteht nur aus wenigen Klavierakkorden, gewichtslosem Schlagzeug und ein paar Stichworten, die Lange womöglich erst im Tonstudio zugeflogen sind. Und trotzdem: Ein schöneres Lied ist kaum vorstellbar.

Immer wieder geht es auf "This Is How You Smile" um familiäre Beziehungen als Sinnbild für Solidarität, um den Rückzug ins Private als Mittel der Selbstvergewisserung. Song für Song scheint sich Lange hineinzufühlen in seine neue Rolle als Repräsentant einer Minderheit ohne Lobby. "Brown won't go/ Brown just glows", singt er zum Auftakt des Albums noch eher behutsam, später mit ungewöhnlich geisterhafter Stimme: "We'll take our turn/ And we'll take our time/ Knowing that we'll be here long after you." Davor und danach erklingen Pop-, Folk- und Funksongs als kleine Momentaufnahmen, festgehalten für eine Ewigkeit, in der die Zartbesaiteten zuletzt lachen werden. Ein Mann packt die Welt in Watte. (8.4) Daniel Gerhardt

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Sigrid - "Sucker Punch"
(Vertigo Berlin/Universal, seit 8. März)

Die Zusammenhänge, in denen Popmusik stattfindet, stellt man als Hörer*in ja meistens selbst her. Insofern ist das, was Sigrid macht, clever. Sie wirft einem nämlich nicht nur ganz schöne Songs hin, sondern auch Situationen. "Sucker Punch" beginnt mit so einer Szene: Zwei Leute, beide in roten Kapuzenpullis, ein kurzer Kaffee im Flur. Komische Stimmung, weil: Emotionen. Im cleveren "Sight Of You" verbummelt die Fluggesellschaft einen Koffer.

Es folgen dann natürlich weitere Erklärungen, die mit Herzen zu tun haben, mit denen, die gerade gebrochen wurden, aber auch mit solchen, die freudvoll und liebeserfüllt pochen, aber prinzipiell gilt: Die Songs von Sigrid, die mit ihrer Single "Strangers" und deren Einsatz in einem Mobilfunk-Spot auch hierzulande bekannt wurde, besitzen ein Identifikationspotenzial, das das Übliche von Popmusik übersteigt. Sogar, wenn die Norwegerin davon singt, wie sie mit ihrer Begleitung nachts am Hafen tanzt, was ja an sich ja ein eher abgeschmacktes Bild ist, sieht man sie konkret vor sich: im Hintergrund die bunten Holzhäuser ihrer Heimatstadt Bergen, aus denen heraus den Kreuzfahrttouristen allerhand Tand verkauft wird. Vermutlich regnet es, es regnet eigentlich immer in der norwegischen Hafenstadt, und zwar auf reichlich unangenehme Art und Weise, nämlich von allen Seiten. Dieses Regenwetter ist eine der beliebtesten Erklärungen dafür, warum seit Jahrzehnten so viele Künstler aus Bergen erfolgreich sind. Man hat halt Zeit.

Bei Sigrid, die 2018 die renommierte "Sound Of"-Newcomer-Tippliste der BBC anführte, greift eine logischere: Bergen kann mittlerweile auf eine extrem effiziente und international gut vernetzte Popindustrie zurückgreifen. So sitzt mit MADE eine der wichtigsten Managementfirmen Skandinaviens in der Stadt, zuletzt führte sie die Sängerin Aurora zu durchaus beachtlichem Erfolg.

Das, was Sigrid macht, ist indes ein ganzes Stück interessanter, weil es nicht so leicht zu fassen ist. Die 22-Jährige bewegt sich mit einer für eine Debütantin verblüffenden Souveränität durch ihre Musik, gleitet mal stimmgewaltig über ein paar einzeln getupfte Klänge aus der Halbakustischen ("In Vain"), baut an anderer Stelle Festungen auf mit Streichern und EDM-angereichertem Pop ("Don't Feel Like Crying"), streift aber auch R&B und Indie-Pop.

Vor allem aber füllt sie all das auch jenseits des eingangs erwähnten Anekdotenmaterials mit Inhalt: Dem bereits 2017 als Debütsingle veröffentlichte "Don't Kill My Vibe", weithin als Hymne gegen sexistische Verhaltensmuster wahrgenommen, wird mit "Business Dinner" eine Art Appendix angefügt, in dem zu klackernden Beats sehr genau geschildert wird, was man sich so anhören muss als junge Künstlerin: "You just want me to sweeter, better, angel. You just want me to be pictures, numbers, figures." Man kann's nicht oft genug benennen. (8.1) Jochen Overbeck

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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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