Zum Tod von Silver-Jews-Sänger David Berman Der Bariton, dem wir überallhin folgten

Als alle Krach machten, entdeckte er die Melancholie: Der Pavement-Weggefährte und Silver-Jews-Sänger David Berman sang über Einsamkeit und Abenteuer wie kein Zweiter. Jetzt ist er mit 52 Jahren gestorben.

David Berman (1967 - 2019)
Gary Wolstenholme/ Getty Images

David Berman (1967 - 2019)

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Mitte der Neunziger ging ich mit David Berman mal in eine kleine beliebte Hamburger Bar, wo sonst nur sehr lauter, rumpeliger Indierock gespielt wurde. An diesem Abend aber versuchten dort gerade ein paar in der Stadt heimische Musiker auf der Bierkistenbühne Country zu spielen, mir war das vor dem amerikanischen Gast ein bisschen peinlich. Doch Berman - wie mir schien ein außergewöhnlich freundlicher, wissbegieriger, empathischer Mensch - wollte unbedingt bleiben.

Vielleicht, weil er gern trank. Auf jeden Fall aber auch, weil er sich sehr gut in diese Hamburger Musikerseelen reinversetzen konnte, die mit ihrem Country vor den Indierock-Säufern irgendwie auf verlorenem Posten standen.

Eine Position, die Berman gut kannte. Als er Ende der Achtzigerjahre in Hoboken bei New York seine Band Silver Jews gründete, deren einziges konstantes Mitglied er über 20 Jahre bleiben sollte, wurde um ihn herum vor allem sehr lärmige Musik produziert. Zu seinen Freunden aus Studienzeiten gehörten damals die Melodie-Schretterer von Pavement, die später berühmt wurden, aber in den frühen Tagen eben erst mal seine Backingband stellten.

Klassiker von eigener Größe

Während seine Kumpels in ihren anderen Projekten Songstrukturen auf den Kopf stellten und im Krach die Befreiung suchten, fand Berman in countryesker Melancholie die perfekte Stimmungslage für seine schillernde, bewegliche, stets in der Schwebe gehaltene Poesie. Sechs Silver-Jews-Alben entstanden so zwischen 1994 und 2008. Dass der zu Selbstzweifeln und Selbstdestruktion neigende Berman so lange am Ball blieb, ist auch dem Chicagoer Label Drag City zu verdanken, wo geniale Sonderlinge wie Joanna Newsom, Jennifer Herrema oder Bill Callahan über die letzten Jahrzehnte zu Klassikern von eigener Größe heranreifen konnten.

So ein Klassiker von eigener Größe ist auch Berman längst. Seine Fähigkeiten als Kunstschaffender beschrieb er mal mit entwaffnender Ehrlichkeit in den folgenden Worten: "Ich konnte nicht so hart rocken wie die anderen und ich konnte die Leute auch nicht mit musikalischer Meisterschaft überwältigen. Also musste ich umso härter an den Lyrics arbeiten."

Der Songwriter, der später auch Bücher mit Prosa veröffentlichte, besaß einen einzigartigen Bariton, mit dem er heiter-verzagt durch seine Texte schlenderte. Er konnte mit ihm perfekt die Fluchtbewegungen seiner Lyrics nachahmen; sie handelten von den Lichtern über fernen Städten, den Erkenntnissen auf neuen Kontinenten, den Abenteuern in fremden Bars. Unter allem klang allerdings ein düsterer Humor und eine noch düsterere Ahnung mit, dass man trotz all dieser Reisen dann vielleicht doch nirgendwo ankommt. Egal, er war der Bariton, dem wir überallhin folgten.

Drogensucht und Suizidversuch

Aus seiner Verzweiflung machte Berman keinen Hehl; er sprach zumindest in späteren Jahren offen über die Drogensucht, die ihn viele Jahre im Griff hatte, und einen Suizidversuch, der nur knapp scheiterte. Zu der psychischen Fragilität kam bei ihm fatalerweise das schwierige Verhältnis zu seinem Vater hinzu, einem einflussreichen, rechten Lobbyisten für die Tabak-, Waffen- und Ölindustrie, über den er ebenfalls öffentlich sprach. "Mein Vater ist ein abscheulicher Mensch", sagte er 2009 in einem Interview.

Damals hatte er gerade die Musik an den Nagel gehängt. In diesem Jahr brachte Berman schließlich unter dem Bandnamen Purple Mountains ein neues Album heraus. Diese Woche sollte eine US-Tour starten. In aktuellen Interviews machte Berman im Berman-Stil Witze, dass er wirklich nicht wisse, wer da noch kommen solle.

Einer der schönsten Songs von den Silver Jews ist "Random Rules" aus dem Jahr 1998. Berman singt darin mit seinem rat- und rastlosen Bariton: "I asked the painter why the roads are colored black / He said, 'Steve, it's because people leave and no highway will bring them back'."

Wie seine Plattenfirma Drag City, über deren Büro er die letzten Jahre gelebt hatte, bekannt gab, ist David Craig Berman am Mittwoch gestorben. Über die Ursachen seines Todes wurde keine Angaben gemacht. Er wurde nur 52 Jahre alt.



insgesamt 2 Beiträge
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vickyo 08.08.2019
1. In
27 years i drunk 50000 beers. zeilen aus einen wunderbaren Song vom Album starlite Walker den ich mein Leben lang im Ohr habe. er hat unglaublich tröstende Lieder geschrieben ähnlich eliot smith. die Nachricht macht mich sehr traurig
wednesdays-song 08.08.2019
2. suffering jukebox
Die Jukeboxen werden nun noch viel, viel mehr leiden. Mich macht diese Nachricht sehr, sehr traurig. Seit fast 20 Jahren begleitet und begeistert mich die Musik, lookout mountain, lookout sea zähle ich zu den besten Alben der Musikgeschichte. Unfassbar tolle Texte, eine Wahnsinnsstimme und die perfekte Symbiose aus Resignation, Schmerz, Melancholie und einem kleinen Hoffnungsschimmer. Ein schlimmer Tag für die Musikwelt
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