David Bowie und die Pop-Kritik Versöhnt mit dem Alien

Seine Arbeit sei immer dann am besten, wenn er sie "selbstsüchtig angehe", sagte Bowie selbst. Gefeiert wurde er für seine künstlerische Radikalität erst am Ende seiner Karriere - aus Nostalgie.

Wäre David Bowie noch ein letztes Mal auf Tournee gegangen, die Tickets wären binnen Minuten ausverkauft gewesen - auch wenn sie 1000 Euro pro Stück gekostet hätten.

Warmherziger als Bowie ist wohl noch kein wiederkehrender Popkünstler begrüßt worden, als er 2013, nach langer Abwesenheit, mit einer großen hagiografischen Ausstellung und dem wehmütig rückblickenden Album "The Next Day" sein Comeback feierte. Die Feuilletons brachten gutwillige, wenn nicht frei heraus jubelnde Besprechungen und retrospektive Texte über Bowies nun zunehmend verklärte Berliner Zeit.

Die kritischen Stimmen über die musikalische Qualität der Platte waren wenige (zum Beispiel bei "PopMatters": "Put quite simply 'The Next Day' is dull"), und sie waren in den Wattemantel des Respekts vor einer mehr als 40 Jahre währenden Popkarriere gehüllt. Das war eine ganz neue Erfahrung für den Avantgardisten, das ewige Alien Bowie, dessen zahlreiche Image- und Sound-Neuerfindungen zu ihrer Zeit immer wieder als fremdartig, abseitig oder auch lächerlich empfunden wurden.

Popkritik ist eine volatile, sehr subjektive und vom jeweiligen Zeitgeist abhängige Sache, das liegt in der Natur ihres Sujets. Entsprechend schwer hätte es gerade David Bowie gehabt, von den späten Sechzigern bis zu seinen frühen 2000er-Platten "Heathen" und "Reality", es den Kritikern recht zu machen, wenn er es denn darauf angelegt hätte.

Doch Bowie, so sagt es sein jahrzehntelanger Vertrauter und Produzent Tony Visconti, habe immer nur das gemacht, was er wollte. Bowie selbst sagte 2003 in einem seiner letzten Interviews, im "Word"-Magazin: "Alle meine größten Fehler passierten, als ich versuchte, mich selbst zu hinterfragen oder dem Publikum zu gefallen." Seine Arbeit sei "immer dann stärker, wenn ich sie sehr selbstsüchtig angehe".

Bowie bewies, dass Egozentrik, Kunstanspruch und Entertainment sich nicht zwingend ausschließen oder gegenseitig verhindern müssen. Popkünstler, die dieses Hybrid aus Pop-Art und -Unterhaltung perfektioniert haben und sich ständig neu erfinden, werden heute ganz selbstverständlich als Superstars gefeiert, von Madonna bis Lady Gaga. Allerdings sind und waren Bowies Epigonen kaum jemals mutig genug, Kommerzialität immer wieder so komplett zu missachten wie er - zumindest bisher nicht. "Blackstar", das am vergangenen Freitag veröffentlichte, musikalisch recht eigenwillige und experimentelle Abschiedsalbum des schwer kranken Bowie, wäre vermutlich in früheren Zeiten nicht so allumfassend bejubelt worden, als Bowie noch nicht den Bonus des Altmeisters genossen hat, sondern lieber mal wieder einen guten Song zum Mitsummen schreiben sollte.

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David Bowie: Sein Leben in Bildern

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"Ekelhaft schön"

Noch 1974, als Bowie sich nach einem gescheiterten Anlauf als Folkie in Form des Space-Rockers Ziggy Stardust zum Superstar gemausert hatte, schrieb der SPIEGEL in einem kulturpessimistischen, heute wieder sehr aktuell klingenden Artikel über den Niedergang der Musikindustrie: "Mit immer grelleren Maskeraden (…), im Transvestiten-Look wie David Bowie (…) handeln sich die Newcomer von heute eine flüchtige Publicity ein und übertünchen ihre geringe Ausdruckskraft".

Schon im Jahr zuvor analysierte der SPIEGEL den nun als bahnbrechend und Dogmen niederreißenden androgynen Appeal von Bowies Glamrock-Inkarnationen unter der Überschrift "Ekelhaft schön" und kam zu dem Schluss: "Kaum einmal erklingt etwas Originales; aber die elektronisch aufgeschäumte Beethoven-Intrada der Bowie-Konzerte, der brutale Primitiv-Rock von Slade, die makabere Nachtmusik von Lou Reed (…) sind zur Überrumpelung der Zuhörer perfide perfekt kalkuliert."

Heute sind die von Warhol und McLuhan inspirierten Popansätze Bowies - seine Brechung des Rocker-Gestus durch bildungsbürgerliche Dandy-Attribute, sein Todesstoß ins Herz des leer laufenden Rock'n'Rolls mit der Überhöhung der Dekadenz - Kanon eines postmodern orientierten Diskurses über Musik. Es gehört zu den banalen, aber deswegen nicht minder wahrhaftigen Dilemmata des Popavantgardisten, zu seiner Zeit nicht ernst genommen zu werden.

Über "Low", das zentrale Stück der heute sakrosankten Berlin-Trilogie, mit der sich Bowie vom Rockstar-Gestus befreite, schrieb 1977 der "Rolling Stone": "Es fehlt Bowie an selbstsicherem Humor, um seine Avantgarde-Ambitionen durchzuziehen", der Star sei ein "Amateur" und sein vermeintlich gewagter Stilmix verfüge über die "Subtilität eines reifen Blauschimmelkäses". Mit Ausnahme von "Heroes" wurde kein einziges der einflussreichen Siebzigerjahre-Alben Bowies so einhellig bejubelt wie nun sein Alterswerk.

Der Mann, der sich nie gemein machte

In welcher aufregend bunten oder abstoßend monochromen Haut sich das "Chamäleon" Bowie auch zeigen mochte: Es gab immer etwas zu kritteln, zu hämen oder, aus Unverständnis und Fremdheitsempfinden heraus, zu fürchten. Das galt selbst in den frühen Achtzigern, als Bowie die "grellen Maskeraden" zugunsten von purer Popmusik fallen ließ und damit endlich den US-Markt eroberte. Das galt auch Ende der Achtziger, als er der Poplangeweile durch die klirrende Band Tin Machine entfliehen wollte. Und es zog sich hin bis zum Drum'n'Bass-Experiment "Earthling", als ihm kurioserweise vorgeworfen wurde, nur auf den Trend aufzuspringen, statt ihn selbst gesetzt zu haben.

2004 zwang ihn ein leichter Herzinfarkt zur Schaffenspause. Eine Notlage, die er in den wohl größten Triumph seiner Karriere verwandelte. Schon Mitte der Sechziger, als von einer großen Popkarriere noch keine Rede sein konnte, soll Bowie zu einem Freund gesagt haben: "Wenn ich richtig berühmt bin, rede ich mit niemandem mehr, noch nicht einmal mehr meiner Band."

Und genau das vollzog Bowie: Indem er keine Interviews gab, sphinxartig nur noch über sein Sprachrohr Visconti kommunizierte und nur ab und zu in New York auf Vernissagen herumhuschte, wurde er zum Geist einer in der nostalgischen Rückschau immer toller und bedeutender werdenden Vergangenheit. Entzug als vielleicht größte aller Provokationen, die die von Eitelkeit geleitete Popkultur zu bieten hat. Ausgerechnet im Verschwinden, das er nun mit "Blackstar" musikalisch manifestiert hat, wurde sein Mythos größer als zu Zeiten, in denen er als Fantasy-Rockstarfigur dominant und herausfordernd auf der Bühne stand.

Diese Ironie wird Bowie, dem Nihilisten, der alle dialektischen Windungen des Popdiskurses schon früh durchschaut hat, gefallen haben. Sein Tod, sagt Tony Visconti, sei nicht anders als sein Leben gewesen, "ein Kunstwerk".

David Bowie blieb das Alien, der Mann, der sich nie gemein machte, nicht mit Stilen, nicht mit Kritikern, noch nicht einmal mit sich selbst.

Video: David Bowie ist tot