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David Garrett: Wenn Teenager träumen

Foto: DPA/ Alvaro Yanez/ Deutsche Grammophon

Pop-Geiger David Garrett Der Typ hat ja doch Erziehung

Coldplay? Queen? David Garrett vergeigt alles, ob Pop zu Klassik oder umgekehrt. Dabei war er mal ein sauberes Kerlchen. Das zeigt die frühe Talentprobe "14", für die sich der Teenie an die Großen der Geigenkunst wagte - werktreu, aber mit Liebe zum Kitsch. Hier als Album zu hören. Exklusiv.

Ein Album für Fans. Und zwar eines, das Fans auf jeden Fall hören sollten. Ob sie wollen oder nicht. Denn was der heute arenenfüllende Geiger David Garrett auf seiner dezent "14" betitelten CD (Deutsche Grammophon) in eben diesem Lebensalter anbot, hat mit dem aktuellen Erfolgsrepertoire und den Auftritten des Popstars Garrett wenig zu tun. Auf "14" geht es um Komponisten wie Kreisler, Tartini, Wieniawski und Elgar, nicht um Queen, Metallica oder Coldplay.

Für die Aufnahmen pirschte sich 1995 ein schüchtern wirkender Jungkönner an frühe Weihen des Virtuosenlebens heran, ermutigt von Förderern und Lehrern wie Yehudi Menuhin, Ida Haendel und Itzhak Perlman, ausgestattet mit einer soliden Technik, ergänzt von unbekümmertem Mut und gleichzeitig Demut vor der Tradition.

Das berührt den Hörer bei aller jugendlichen Schlichtheit: David Garrett mit 14 Jahren klingt wie ein konzentrierter, ernsthafter Talentbolzen, der hier ehrgeizig und uneitel ein paar hochgradig schwierige Stücke durchpflügt und dabei seine Grenzen erforscht. Ein Teenager träumte mit wachen Sinnen - und dank seiner achtbaren musikalischen Mittel fällt ihm auch einiges dabei zu.

An die Grenzen mit Tartini und Kreisler

Es wäre unfair, diese Talentproben mit geläufigen Höchstleistungen von aktuellen Kolleginnen und Kollegen zu vergleichen. Denn schon allein wer etwa Giuseppe Tartinis (1692-1770) berühmte "Teufelstriller-Sonate" in der Bearbeitung von Fritz Kreisler - wie hier Garrett - tadellos bewältigt, hat sich Applaus verdient. Vor allem das Finale, das zwischen Melancholie und hysterischen Exzessen oszilliert, verlangt neben penibler Intonation auch Sprungbereitschaft und Risikofreude, die einer solchen Komposition erst ihren Sinn geben.

Das Album auf tape.tv anhören 

Viel ist in Garretts Spiel angelegt - nur das Quäntchen triumphierende Frechheit, die zähnefletschende Freude an der eigenen Virtuosität, hört man noch nicht. Dafür sieht man ihm dann auch abgenudelte Kirchen-Gassenhauer wie Schuberts "Ave Maria" nach, das er mit naivem Charme serviert - jede Sonntagsgemeinde wäre entzückt. Und die altbekannte "Humoreske" von Anton Dvorak hätten er und sein Pianist Alexander Markovich auch damals nicht gar so betulich zu sämiger Salon-Sauce verkochen müssen. Da fehlen ein paar Pfefferkörner.

Natürlich muss so eine Schmankerl-Torte auch ein Stück Paganini schmücken, und die "La campanella"-Bearbeitung op. 7 bringt genügend Hit-Appeal mit, um auch Klassikmuffel abzuholen. Garrett streicht selbstbewusst durch die Artistik der Griffe und Läufe. Zwar wird in dieser Version nicht klar, weshalb dem Saiten-Satan Paganini wegen solcher Musik die Damen willig zu Füßen lagen, doch eine Ahnung vom verführerischen Geigenzauber gelingt auch dem jungen Garrett - aber eher mit der epischen "Fantaisie brillante" von Henryk Wieniawski (1835-1880).

Hier spannen der Geiger und sein jetzt fast zu laut auftrumpfender Pianopartner einen sauber geführten Spannungsbogen, hier entdecken sie die Möglichkeiten der samtigen Übergänge und wirken bei allen Tongebungsnuancen souverän. Man arbeitete intensiv - auch Garretts Schnaufen haben die Mikrofone stellenweise mit aufgenommen. Der Brummer Glenn Gould grüßt von ferne.

Auch Max Bruchs "Kol Nidrei" op. 47 (ursprünglich für Cello geschrieben, ausgehend vom Bußgesang des Jom-Kippur-Festes) erweist sich als fruchtbares Terrain für den demütigen Garrett: In dieser meditativen Ernsthaftigkeit fühlte er sich als Jugendlicher hörbar heimischer als beim Tartini-Teufel oder beim Hexenmeister Paganini. So ist das Album mehr Dokument als Statement. Feine Delikatessen aus der Sterneküche stehen etwas unbeholfen neben den Klöpsen aus der Wunschkonzert-Kantine. Als Appetithappen für ein neugieriges Publikum funktionieren alle Tracks. Und mit diesem frommen Traum - junge Menschen zur Klassik zu bringen - ist David Garrett nach eigenen Worten ja angetreten.

Erstaunlich, mit 14 war der Typ schon ziemlich gut drauf.