Krawall-Band Deichkind "Abgewrackte Männer, die Kindergeburtstag feiern: geil"

"Hauptsache, nichts mit Menschen": Deutschlands beste Dada-Band schlägt auf dem neuen Album "Niveau Weshalb Warum" ein paar nachdenkliche Töne an. Panik! Wird Deichkind etwa erwachsen?

Jonas Lindström

Ein Interview von


Deichkind sind müde. Seit Stunden sitzen zwei MCs der Hamburger Erfolgsband, Philipp "Kryptik Joe" Grütering und Sebastian "Porky" Dürre, in einem Büroraum - hinter den Wänden eines Bunkers, der Graffiti in allen Farben der Photoshop-Palette präsentiert. Die Kommandozentrale der Band, die "Deichkind Enterprises" auf St. Pauli, steht für die Verschachtelung von Klamauk und Krawall. Die Wände sind innen weiß, die Rechner Macs, die Mitarbeiter hip. Kryptik Joe setzt sich auf einen Stuhl, Porky legt sich auf ein Sofa. Der Interview-Marathon zur sechsten Platte "Niveau Weshalb Warum" geht weiter. Aber Leistungssport ist ja Deichkind-Prinzip.

SPIEGEL ONLINE: Eure Konzerte sind geprägt von Radau und Rumgehüpfe - "Krawall und Remmidemmi" eben. Klappt das mit Ende 30, Anfang 40 noch gut?

Porky: Klar. Ich bin ja nicht alt. Peter Maffay ist alt.

Kryptik Joe: Guck dich doch mal an. Du bist ein alter Sack.

Porky: Die Fantastischen Vier sind alt.

Kryptik Joe: Wir auch.

Porky: Ich bin 37, das ist doch nicht alt! Und außerdem: Je älter wir sind, desto abstrakter ist das. Abgewrackte Männer, die Kindergeburtstag feiern: Das ist geil.

Kryptik Joe: Wie Rolf Zuckowski.

Porky: Außerdem ist unser Job nicht hart. Maurer, das ist ein harter Job. Oder Getränkemarkt-Fuzzi.

Kryptik Joe: Ja, das ist hart.

Porky: Ich nehme um 20 Uhr ein Mikrofon in die Hand, ein Bediensteter wartet dann schon mit acht Gatorade-Kisten auf mich. Ich mache ein bisschen Schakalaka, um halb 10 sitze ich entspannt im Bus und kriege noch mal Horsd'œuvre mit Lachs. Das ist doch kein harter Job.

SPIEGEL ONLINE: Aber es sieht hart aus, wenn man vor der Bühne steht.

Kryptik Joe: Die Härte ist woanders.

Porky: Im Lampenfieber.

Kryptik Joe: Die Härte findet im Kopf statt. Diese Zweifel.

SPIEGEL ONLINE: Habt ihr nach all dem Erfolg noch Zweifel?

Beide: Jaaa!

Porky: Zweifel halten einen am Leben. Wenn alles in festen Bahnen verläuft, ist der Traum nach einem halben Jahr verhungert. Das Schlimmste am Job ist dieses "Täglich grüßt das Murmeltier" auf Tour. Ab 17 Uhr kommt so ein unwohles Gefühl im Magen.

SPIEGEL ONLINE: Immer wieder?

Porky: Immer wieder.

Kryptik Joe: Man tut so, als ob man cool wäre, aber innerlich kocht man. Es gibt diese Frustphasen, in denen man denkt: "Ich kann das nicht." Wir kennen das. Ist ja jetzt das sechste Album, und man lernt, damit umzugehen. Inzwischen weiß ich: Wenn diese Depri-Phasen vorbei sind, blüht so ein kleines Pflänzchen auf. Dann kommt wieder ein Tag, an dem ich denke: "Ah, jetzt funktioniert einfach alles."

SPIEGEL ONLINE: In einem Song auf "Niveau Weshalb Warum" heißt es: "Hauptsache, tote Hose, Hauptsache, kein Getose. Hauptsache, nichts mit Menschen." Wird euch die Party manchmal zu viel?

Kryptik Joe: Absolut.

Porky: Nicht nur die Party, sondern die komplette Gesellschaft.

Kryptik Joe: Ich bin ein introvertierter, stiller Mensch. Deswegen spricht mir dieses "Hauptsache, nichts mit Menschen" tierisch aus dem Herzen. Es gab eine exzessive Phase in meinem Leben, in der wir fast nur in Techno-Kellern abgehangen haben. Heute brauche ich es auch mal, im Wald spazieren zu gehen.

Porky: Ich wohne sogar im Wald und bin der Typ Komplettaussteiger. Und ich ertrage die Gesellschaft nur breit. Wenn ich unter Leute gehe, sofort: Joint, Bier. Ich will mit der Gesellschaft nichts zu tun haben. Außer mit Fans und Leuten, die mit Deichkind zusammenhängen. Da fühle ich mich sicher. Aber wenn du die Nachrichten anmachst... Ich schalte einfach weg.

Kryptik Joe: Ja?

Porky: Ja, ich kann das nicht mehr hören. Ich will das nicht mehr hören. Ich versuche wirklich, im Kleinen die Welt um mich herum besser zu machen. Deshalb mache ich Musik. Aber privat möchte ich mit der Gesellschaft nichts mehr zu tun haben. Es sei denn, jemand gibt mir ein gutes Stück Hasch und eine Kiste Bier.

SPIEGEL ONLINE: Dabei habt ihr einmal gesagt: "Wir sind eine Band für alle." Ihr habt schon bei Demonstrationen der Antifa gespielt. Wenn ihr eine Band für alle seid, würdet ihr auch bei einer Pegida-Demo auftreten?

Kryptik Joe: Antifa und Pegida sind ja zwei radikale Seiten. Wir würden immer dazu tendieren, bei der Antifa zu spielen. Und ich persönlich würde never ever auf einer Pegida-Veranstaltung spielen. Diese Gefilde finde ich total fürchterlich.

Porky: Natürlich ist es das Letzte. Pegida ist vor allem so klein mit Hut. Das sind arme Säue. Was bringt die dazu, auf die Straße zu gehen?

Kryptik Joe: Warum leben die mit diesen Ängsten?

Porky: Und warum projizieren sie das jetzt auf den Islam? Ich glaube nicht daran, dass jemand als Nazi geboren wird oder als Pegida-Anhänger. Bei denen wurde eine falsche Software geladen, da muss mal ein aktuelles Windows drauf. Jemand, der keine gute Bildung hat und vielleicht abgeglitscht ist - warum soll man dem nicht noch eine zweite Chance geben? Ich würde einen Nazi gern unterhalten, wenn er mir zuhört.

SPIEGEL ONLINE: Wie passen euer Aufruf zum Exzess und die "Arbeit nervt"-Attitüde eigentlich zu Deutschland, einem der wirtschaftlich stabilsten Länder in der EU?

Kryptik Joe: Exzess ist wichtig. Das ist noch mal so ein...

Porky: Aufknacken.

Kryptik Joe: Ein Ausstieg aus dem, was auch wir normalerweise machen. Deichkind ist ja auch ein Unternehmen, das nach Erfolg strebt. Und der Exzess ist ein wichtiger Ausgleich: frei sein, sich gehen lassen.

Porky: Lieber ein wackliger Kneipentisch als eine feste Beziehung.

SPIEGEL ONLINE: Wisst ihr eigentlich, wie Angela Merkel euch findet?

Kryptik Joe: Ich vermute, Merkel sind wir zu nischig. Die kennt uns nicht. Aber Barbara Salesch kennt uns. Die ist ja merkelhaft.


Deichkind live: 8. April 2015: Lingen; 9. April 2015: Münster; 10. April 2015: Düsseldorf (ausverkauft); 11. April 2015: Dortmund; 13. April 2015: Saarbrücken; 14. April 2015: Hannover; 15. April 2015: Karlsruhe; 16. April 2015: Neu-Ulm; 18. April 2015: Frankfurt (ausverkauft); 19. April 2015: Freiburg; 20. April 2015: Zürich; 21. April 2015: Augsburg; 23. April 2015: Graz; 24. April 2015: Linz; 25. April 2015: Würzburg; 26. April 2015: München; 28. April 2015: Berlin; 29. April 2015: Flensburg; 30. April 2015: Aurich; 1. Mai 2015: Hamburg



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tombrok 30.01.2015
1.
Haha, da wiederholen sie, was DK anprangern- setzen, sechs.
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