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Dave Gahan: 30 Jahre im Geschäft

Foto: Anton Corbijn

Depeche-Mode-Sänger Dave Gahan "Die Ärzte nannten mich verrückt"

Krebs besiegt, Label gewechselt, neues Großwerk veröffentlicht: Dave Gahan hat gute Gründe gut drauf zu sein. Im Interview erzählt der Depeche-Mode-Sänger daher entspannt, warum er so bekloppt war, seine Tumortherapie nebenbei auf Tour zu machen - und verrät seinen Traum fürs Rentenalter.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Gahan, die Frage ist weniger trivial, als sie klingen mag: Wie geht's?

Gahan: Gut! Erstaunlich gut! Nichts gegen Sie persönlich, aber kein Musiker beantwortet gern Fragen zu dem, was er Kreatives geschaffen hat. Man hofft ja, es spricht für sich selbst. Aber irgendetwas gibt es wohl immer zu fragen.

SPIEGEL ONLINE: Worauf ich hinauswollte: Als Sie 2009 das letzte Mal auf Tour waren, gab es große Sorgen um Ihre Gesundheit - bei Ihnen wurde ein bösartiger Blasentumor entdeckt. Mussten Sie vor dieser Tour spezielle Checks machen lassen?

Gahan: Meine Tochter sagt immer zu mir: David, darum wirst du dich jetzt den Rest deines Lebens kümmern müssen. Also: Ja, ich gehe regelmäßig ins Krankenhaus, werde alle paar Monate durchgecheckt. Ich bin nicht der erste und werde nicht der letzte sein, der sich mit dem Thema Krebs auseinandersetzen muss. Glücklicherweise bin ich noch da. Und ich habe vor, den Rest meines Lebens so gut wie möglich zu leben.

SPIEGEL ONLINE: Haben Ihnen die Ärzte eigentlich damals davon abgeraten, die Tournee fortzusetzen?

Gahan: Ja, zu hundert Prozent. Die Ärzte nannten mich verrückt: Sie brauchen die Zeit, um gesund zu werden! Und für Ihre Behandlungen! Die Leute nehmen sich in der Regel ein Jahr! Ich sagte: Okay, ihr habt sechs Wochen. Manchmal ist meine Verweigerungshaltung ganz nützlich. Ich machte einen Plan mit meinen Ärzten und ging dann im Laufe der Tour in verschiedene Krankenhäuser. Das war schwer. Nicht sehr lustig, in die Klinik zu müssen, wenn die anderen aus der Band Pause machen.

SPIEGEL ONLINE: Und nun stehen ab Mai 38 Konzerte allein in Europa an. Was muten Sie sich denn da bitte zu?

Gahan: Meine Familie macht sich ein bisschen Sorgen, glaube ich. Aber ich bin in Form, ich habe auf mich achtgegeben. Wird schon alles in Ordnung sein. Meine Grundhaltung ist sehr positiv gerade - ungewöhnlich für mich!

SPIEGEL ONLINE: Das US-Onlinemagazin Stereogum hat Depeche Mode gerade die "Rolling Stones des New-Wave-Synthie-Pop" genannt. Stimmen Sie zu?

Gahan: Ach, nur weil wir so lange dabei sind. Aber verglichen mit den Stones sind wir ja Kinder. Trotzdem: Mick Jagger sieht immer noch toll aus, er klingt toll, der Rest der Band auch. Warum sollten sie aufhören? Wenn sie wieder touren wollen - Gott behüte sie! Ich hoffe allerdings, am Strand zu sitzen, den Wellen zuzuschauen und Mai Tai zu trinken, wenn ich so alt bin wie Mick.

"Heaven"-Clip von Depeche Mode auf tape.tv ansehen 

SPIEGEL ONLINE: Ist der Titel Ihres neuen Albums, "Delta Machine", programmatisch? "Delta" für den Blues (Das frühe Blues-Genre Delta-Blues etwa stammt aus dem Mississippi-Delta - d. Red.) und "Machine" für die Elektronik?

Gahan: Ja, wir vermählen die beiden Dinge, das ist über die Jahre das geworden, wofür Depeche Mode steht. Martin Gore und ich haben immer schon Blues- und Gospelmusik gehört. Und der "Machine"-Teil steht für das, wie wir diese Grundideen mit unserer eigenen Musikalität interpretieren. Die Songs fühlen sich frisch an.

SPIEGEL ONLINE: Hat diese Frische auch damit zu tun, dass Sie Ihr Stammlabel Mute nach über 30 Jahren verlassen haben und bei einer neuen Plattenfirma sind?

Gahan: Nicht wirklich. Wir machen die Musik und bezahlen die Produktion selbst, lange bevor wir sie irgendwem übergeben.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt also die neue Dringlichkeit im Sound?

Gahan: Weiß ich auch nicht genau. Auf jeden Fall waren Martin und ich diesmal beide sehr motiviert. Ich glaube, Martin hat noch nie so hart an einer Platte gearbeitet. Es war einfach eine Freude, ihn in seinem kleinen Laboratorium herumwerkeln zu sehen, zusammen mit Christoffer Berg, der mit Fever Ray und The Knife gearbeitet hat.

Die Studio-Version von "Heaven" auf tape.tv ansehen 

SPIEGEL ONLINE: Die Songs auf dem Album, die am meisten nach der klassischen "Music for the Masses"- und "Violator"-Phase klingen, sind aber lustigerweise Ihre Kompositionen. Dabei haben Sie damals noch gar keine Songs für Depeche Mode geschrieben. Zufall?

Gahan: Ja. Wenn ich Songs schreibe, denke ich nie an eine frühere Platte. Ich schreibe aus der Gegenwart heraus. Und die ist stark davon beeinflusst, mit wem ich gerade arbeite. Kurt Uenala, mit dem ich diesmal die Songs geschrieben habe, kenne ich, seit er meinen Gesang für mein zweites Soloalbum "Hourglass" aufgenommen hat. Irgendwann begannen wir, gemeinsam zu schreiben. Nach vier, fünf Liedern sagte ich zu ihm: Wenn du nichts dagegen hast, würde ich die gerne der Band vorspielen, das sind Depeche-Mode-Songs. Ich warnte Kurt allerdings: Pass auf, die werden sich noch gewaltig verändern im Studio.

SPIEGEL ONLINE: Sie bringen ja nun seit über 30 Jahren Musik heraus. Erst auf Vinyl, dann kamen CDs, MP3s, heute Streams. Wie hören Sie selbst Musik?

Gahan: Ich kaufe Vinyl. Natürlich höre ich auch MP3s, habe einen iPod, benutze iTunes und alles. Aber zu Hause? Lege ich am liebsten ein Album auf. Wir haben ein Zimmer, in dem steht nur eine schöne Stereoanlage, kein Fernseher oder so. Wenn man Musik von einer Schallplatte spielt, muss man sich konzentrieren: Aufstehen, die Nadel runternehmen, die Platte umdrehen - das hat was. Und ich sammle jetzt sogar die Platten wieder, die ich mal hatte und über die Jahre verlegt habe. Jazz-Sachen zum Beispiel von Coltrane oder Miles Davis, mal ein Zeppelin- oder Stones-Album, Kraftwerk oder Velvet Underground. Neulich habe ich mir die 180-Gramm-Versionen der Joy-Division-Alben gekauft, die klingen echt unglaublich.

Das Interview führte Felix Bayer
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