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Neues Depeche-Mode-Album: Monsters of Brummfurz

Foto: Anton Corbijn

Neues Depeche-Mode-Album Der Phantomschmerz

Es geht los mit brummenden Beats - und dann noch besser weiter. Erstaunlich viele Ideen haben Depeche Mode auf ihrem neuen Album "Delta Machine". Dave Gahan gibt freudig den Seelenstreichler und Sexgierigen, Martin Gore pflegt sein inneres Kind. Etwas aber fehlt: die großen Melodien früherer Songs.

Viele Fans nähmen es Depeche Mode vermutlich gar nicht übel, wenn die Band die Produktion eines neuen Albums nur als lästige Pflichtaufgabe ansähe: Leider notwendig, man braucht halt einen Anlass für eine Giga-Welttournee. 2,7 Millionen Zuschauer sahen sie bei der letzten in den Jahren 2009 und 2010, die bescheiden "Tour of the Universe" betitelt war. Der Profit war groß damals, doch das Album "Sound of the Universe" enttäuschte eher.

Dieses Mal begannen Depeche Mode ihre neueste Kampagne mit der Bekanntgabe eines Tourneeplans, der sich in seinem Europa-Teil liest wie ein Uefa-Stadionführer für die Champions League: San Siro, Stade de France, Olympiastadion Berlin, dazwischen ein paar exotisch anmutende Ziele wie Sofia oder Minsk eingestreut. Ach so, und eine neue Single gab's auch: "Heaven" ist ein sehr schönes Stück Musik, eine Ballade, getragen von einer Portishead-artigen Klaviermelodie. Wie ein Paukenschlag, wie der Vorbote von etwas Großem, wie eine echte Single eben: So wirkte "Heaven" nicht. Business as usual also?

Ja und nein.

Einerseits blieben Depeche Mode für ihr 13. Studioalbum "Delta Machine" dem Produzenten ihrer vorigen beiden Alben, Ben Hillier, treu. Wieder wurde in Santa Barbara und New York aufgenommen. Und auch Sänger Dave Gahan durfte wieder drei Kompositionen beisteuern, der fragilen bandinternen Statik wegen. Doch "Delta Machine" ist auch ein Neuanfang, schon allein, weil es nach fast 32 Jahren das erste Album ist, das nicht bei der Heimatplattenfirma Mute erscheint, sondern bei Columbia, einer Abteilung des Musikkonzerns Sony Music.

"Heaven"-Clip von Depeche Mode auf tape.tv ansehen 

Wie schon bei David Bowie hat Sony das interessierte Publikum damit überrascht, dass schon ein paar Tage vor dem Veröffentlichungstermin (in Deutschland erscheint "Delta Machine" am Freitag, dem 22. März) das Album als Stream zu hören ist. Deutscher Partner dafür ist MyVideo.de . Wen die Werbespots vor den einzelnen Stücken nerven, der kann das Werk auch in Gänze bei iTunes anhören - allerdings nur in der US-Version, für die man sich zunächst in der deutschen abmelden muss.

Und was hört man dann? Ja, das klingt tatsächlich ein wenig nach Neuanfang - oder zumindest nach mehr Dringlichkeit. Wie als Symbol eröffnet "Welcome To My World" das Album mit einer Art elektronischem Brummfurz, die Beats sind ausgesprochen trocken. Martin Gore hat von seinem Nebenprojekt VCMG mit Vince Clarke, seinem Vorgänger als Depeche-Mode-Hauptsongwriter, offenbar die Lust an minimalistischen, scharfen, gefilterten Synthie-Sounds mitgenommen. Das fällt besonders beim tastenden "My Little Universe" und dem Glam-Shuffle "Soft Touch / Raw Nerve" auf.

Die Studio-Version von "Heaven" auf tape.tv ansehen 

Nun war das wahrhaft Besondere an Depeche Mode ja immer, dass sie Klänge, die für den Pop-Mainstream eigentlich zu extrem waren, mit einem dunkel funkelnden, melodischen Pathos umhüllten, das alle Extravaganz allgemeinverträglich machte. Und dieser Tradition erinnern sie sich nun wieder, wenn auch nie so vordergründig wie einst in den Achtzigern auf "Construction Time Again".

Als Kontrast zu elektronischen Klängen gibt es allerdings auch den Bezug auf traditionelle, amerikanische Musikstile wie Gospel, Blues und Soul - inzwischen Standardbestandteile der Depeche-Mode-Soundmixtur, die aber in dem repetitiven "Slow" und dem von einem Slidegitarren-Loop getragenen "Goodbye" so offensiv zu hören sind wie seit "Songs of Faith and Devotion" aus den Neunzigern nicht mehr.

Dave Gahan freut's, er darf massig viel Soul in seine Stimme legen, er darf sich in die Pose des Manipulators, des Herzensbrechers, des Sexgierigen werfen. Was halt so in Martin Gores Songwriting-Kladde steht. Für das besonders selbstentäußernde "The Child Inside" (das innere Kind erwacht, ertrinkt, stirbt - harter Metaphernstoff, alle Achtung) gibt Gore gleich selbst das singende Kind.

Auf der Soundebene ist dem Trio also viel eingefallen. Die zum Himmel strebenden Melodien, die die pophistorischen Sternstunden der Band Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre prägten, fehlen dagegen weitgehend. Ein Mangel, der nun schon seit ein paar Alben schmerzt - wahrscheinlich wird das nix mehr mit den großen Würfen. Kurios, dass ausgerechnet Dave Gahan mit seinen drei Kompositionen am ehesten an diese Phase anknüpft; so bei "Broken", dessen Gesangslinie stark an "Behind The Wheel" aus dem Jahr 1987 erinnert.

Dennoch: Depeche Mode wollen wieder, der Wille zum großen Moment, meist im Wechsel zum Refrain, ist fast allen Songs auf "Delta Machine" anzumerken. Und, klar: Natürlich werden diese Momente in den Fußballstadien die gewaltigsten sein, auch wenn sie vielleicht nicht mehr richtig gewaltig sind.