Chaillys Brahms-Zyklus Spukt es im Gewandhaus?

Für Riccardo Chailly und sein Gewandhausorchester läuft es derzeit blendend. Nach einem bejubelten Beethoven-Zyklus legen sie nun mit Brahms nach. Dem großen Spröden aus dem Norden ist die Leipziger Frischzellenkur sehr gut bekommen.

Gert Mothes

Mit allen guten Geistern großer Komponisten scheint Chefdirigent Riccardo Chailly derzeit in Verbindung zu stehen. Sein brandneuer CD-Zyklus mit den Sinfonien von Johannes Brahms klingt, als hätte der große Spröde aus dem Norden höchstpersönlich durch die nüchternen Hallen des Leipziger Gewandhauses gespukt und sowohl die Musiker als auch den Dirigenten inspiriert. Da packte das sächsische Top-Team die Gelegenheit gleich beim Schopf und spielte nicht nur das übliche vierteilige Sinfonien-Programm ein, sondern fügte eine dritte CD mit den Ouvertüren, den Haydn-Variationen sowie ein paar Raritäten und Bearbeitungen hinzu. Offenbar möchte Riccardo Chailly seine Kompetenz in Sachen Klassik bis Spätromantik unmissverständlich darstellen. Eventuell hat er ja auch noch weitere Ambitionen über Leipzig hinaus, obwohl er seinen dortigen Vertrag gerade bis 2020 verlängert hat.

Schon den Beethoven-Sinfonien (erschienen im November 2011) verpassten Chailly und das Gewandhausorchester frischen Wirbel. Normalerweise erzeugt noch ein Beethoven-Zyklus eher gepflegte Langeweile und bestenfalls höflichen Beifall. Anders bei Chailly: Seine penible Klarheit, die durchsichtige Klangschichtung und die flotten, doch nie gehetzt wirkenden Tempi boten einen frischen Blick auf das vermeintlich Altbekannte. Diesen Elan hat sich der Leipziger Maestro mit unüberhörbar italienischem Erbe auch für "seinen" Brahms bewahrt - Chailly bringt das brummige Hamburger Genie pathosfrei auf Trab. Dem wuchtigen Brahms bekommt das bestens.

Flotte Tempi für nordische Klarheit

Herbert von Karajan nimmt in seiner Digital-Einspielung von Brahms' Erster aus dem Jahre 1987 den letzten Satz so, dass man hört: Hier geht es um erdenschwere letzte Dinge, Tiefe, Bedeutung. In ihrer Autorität und Entschlossenheit, ein endgültiges Brahms-Monument zu bauen, kommt die Karajan-Aufnahme ihrem hörbar angestrebten Ideal sehr nahe.

Mit diesem statuarischen Karajan-Sound hat Riccardo Chaillys Brahms wenig zu tun, obwohl er wie sein großer Kollege auf logischen Fluss und makellose Form hohen Wert legt. Chailly bringt buchstäblich jede Note, jede Phrase, jeden Spannungsbogen klar zum Klingen, entdeckt eigene Akzente. Und wenn Chailly und seine Gewandhaus-Musiker im Finale der zweiten Sinfonie auf das von Blechbläsern beglänzte Finale zusteuern, raubt es dem Hörer bis zum abschließenden Tutti-Schlag schier den Atem. Spannung, keine Hektik, so erhöht Chailly den Pulsschlag. Und es gelingt ihm auch bei den stillen, meditativen Parts.

Atemberaubendes Finale

Bei Chaillys Einspielung der vierten Sinfonie muss man als Vergleich schon die großartigen Aufnahmen von Carlos Kleiber (1980) oder Georg Solti (1990) heranziehen, deren Balance aus Schwung und Gemessenheit bisher kaum übertroffen wurden. Doch Chailly behauptet auch auf diesen Gipfeln seine Klasse und bleibt unterscheidbar: Der Beethoven-Effekt wirkt weiter.

Auf der dritten CD erklingen auch die griffigen Haydn-Variationen, die unter den Händen Chaillys nicht allzu heilig daherkommen, obwohl der norddeutsche Brahms einen innigen Choral bearbeitete. Chailly setzt auch hier auf analytische Tongebung, klare Zeichnung und lebendiges Tempo, was die froh-feierlichen Anmutung eher verstärkt. Ähnlich geht er bei den Ouvertüren vor, wobei die "Tragische" mit federnder Eleganz überzeugt. Die seidigen Streicher sorgen für eine biegsam-geschmeidige Struktur und erzeugen Dramatik, die an einen spannenden Film erinnert: Brahms als Soundtrack für melancholische Innenwelten. Plakativ, aber sehr lustvoll und in dieser Zuspitzung in reizüberfluteten Zeiten geradezu aktuell.

Überraschungen mit Raritäten

Sammler dürfen sich ebenso freuen: Die Einbeziehung von raren Orchesterbearbeitungen von Klavier-Intermezzi (aus op. 116 und 117) durch Paul Klengel sowie die Liebeslieder-Walzer-Bearbeitungen durch Brahms selbst sowie weiterer Repertoire-Nettigkeiten macht dieses üppige Brahms-Paket noch interessanter.

Auch im Solistenkonzert kann Riccardo Chailly diese positiven Werte umsetzen: Gemeinsam mit dem jungen Geigenstar Leonidas Kavakos nahm er gleich noch das Brahms-Violinkonzert auf. Der entschlossene, kantige Ton vom intellektuellen Kavakos passt blendend zum flott rauschenden Chailly-Brahms. Man darf gespannt sein, was sich Riccardo Chailly als Nächstes vornimmt.



Brahms: The Symphonies. Leipziger Gewandhausorchester, Leitung: Riccardo Chailly. Drei CDs, Decca; 29,99 Euro.

Brahms: Violin Concerto. Mit Leonidas Kavakos, Violine; Leipziger Gewandhausorchester, Leitung: Riccardo Chailly, u.a. Decca; 16,99 Euro.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
fpwinter 16.11.2013
1. Riccardo Chailly
ist offensichtlich nicht mehr zu brahmsen. *hehehe* Das den Haydn-Variationen zugrunde gelegte Choralthema als "innig" zu bezeichnen, ist allerdings, nun ja, gewagt... Dem Rezensenten sei schließlich empfohlen, vielleicht doch noch einmal auch die Brahms-Einspielungen von Rudolf Kempe, John Barbirolli und den London Classical Players unter Norrington zu lauschen...
vhn 16.11.2013
2. Sächsisches Top-Team
Das sächsische Top-Orchester spielt wohl nach wie vor in Dresden ;-)
toni11 16.11.2013
3. junger geigenstar??!
mit verlaub: kavakos ist jahrgang 1967.
sysop 16.11.2013
4. # 1
Der Hinweis auf Kempe ist schön, denn den habe ich 1969 in München mit eben jenem Stück erleben dürfen und in sogar kennengelernt. Ein außergewöhnlicher Musiker. Und die Philharmoniker an der Isar haben ihn geliebt. W. Theurich
humburger 16.11.2013
5. Rudolf Kempe
Zitat von sysopDer Hinweis auf Kempe ist schön, denn den habe ich 1969 in München mit eben jenem Stück erleben dürfen und in sogar kennengelernt. Ein außergewöhnlicher Musiker. Und die Philharmoniker an der Isar haben ihn geliebt. W. Theurich
Kempes Silvesterkonzert 72 mit der Sächsischen Staatskapelle. Wow! Allen Dirigenten sowie Berlinern und Wienern zur Nachahmung empfohlen. Grandios! Vorige Woche in Düsseldorf Andris Nelsons am Pult. Das wird einer und der ist erst 34.
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