Deutsch-kenianischer Musikmix Toasten, kiffen, 50 Cent nachmachen

Was passiert, wenn deutsche Elektro-Tüftler mit kenianischen Rappern drei Wochen unter einem Dach leben? In Nairobi wagte eine Musiker-WG dieses Experiment. Disziplin traf dabei auf Laisser-faire, coole Checker bestaunten tanzende Kinder - und wenn die Drogen ausgingen, war das auch ganz gut.

Jerry Riley

Von , Nairobi


Plötzlich ist der Strom weg. Es ist später Vormittag, nichts geht mehr im improvisierten Studio. "Wir brauchen einen Generator, sonst können wir nicht arbeiten", stöhnt Hannes Teichmann.

Studioarbeit in der kenianischen Hauptstadt Nairobi - da herrscht zwischendurch schon mal Stillstand, nicht nur einmal am Tag. Aber dann steht das Essen auf dem Tisch, es kehrt wieder Frieden ein im Haus, und am Nachmittag ist auch der Generator organisiert.

Es stellt eine Begegnung der besonderen Art dar, die Premiere, die dieser Tage in Nairobi stattfand: Deutsche Elektro-Musiker trafen kenianische HipHop-Künstler. Aus Deutschland sind die Gebrüder Teichmann gekommen, Modeselektor aus Berlin und Jahcoozi mit der kosmopolitischen Sasha Perera. Aus Kenia sind unter anderem Mr. Abbas, die HipHopperin Nazizi, die Elektropop-Truppe Just a Band und Ukoo Flani dabei, ein Kollektiv, das eine Art HipHop-Akademie in Mombasa betreibt. Sie lassen sich auf ein Experiment ein: die Begegnung zweier gänzlich verschiedener musikalischer Kulturen, die vorher nichts miteinander zu tun hatten.

Zusammengebracht hat die zwei Welten Johannes Hossfeld, der Leiter des Goethe-Instituts in Nairobi. Er und seine Leute haben für das Projekt mit dem verwirrenden Titel BLNRB (Berlin/Nairobi) den Kontakt zu den Kenianern gesucht, die Deutschen in den Süden gelotst und ein Haus angemietet, das drei Wochen lang Studio, Schlafstätte, Kantine und Treffpunkt gleichermaßen ist.

Kenianer und Deutsche sollen sich annähern, voneinander lernen und gemeinsam produzieren. Zwei Zimmer werden in provisorische Studios umgewandelt, und kaum sind der Schaumstoff verklebt, die Technik verkabelt und die Plätze verteilt, geht es auch schon los. Gernot feilt an seinem Laptop an einer rhythmischen Rohskizze, nebenan stimmt die Radi Cultural Group ihre Trommeln, und Mr. Abbas und die Sänger von Ukoo Flani wärmen ihre Stimmen auf.

"Toasten wie die Hölle"

Die Deutschen sind schon viel herumgekommen, die Gebrüder Teichmann hatten Auftritte in Indien und auf den Philippinen, Modeselektor in Sibirien und Sarajewo, doch Afrika ist etwas Neues. "Es gibt keine Bezugspunkte und keinen gemeinsamen Nenner", sagt Andi Teichmann, und die Skepsis ist so groß wie die Neugier. Dennoch ist Gernot Bronsert von Modeselektor, der sich selbst "ein Technokind der ersten Stunde nennt", zunächst einmal schwer beeindruckt: "Da sind 20 MCs, und die können alle toasten wie die Hölle."

In Deutschland gilt er zusammen mit Sebastian Szary als einer der Protagonisten des Dubstep, Dancehall und HipHop, aber schon die erste Begegnung mit den Afrikanern hinterlässt auf Anhieb Wirkung: "Ich bin ganz angefixt", sagt er. "Du schaust hin, siehst das Talent und Rhythmusgefühl und weißt - die haben es drauf."

Die Afrikaner ihrerseits stöhnen über die Disziplin der Deutschen, die sich nicht mit halben Sachen zufriedengeben, zwei Stunden den immergleichen Loop singen lassen und Ewigkeiten an Rhythmus-Wiederholungen feilen können. Den Afrikanern ist der Act wichtig, den Deutschen - so finden sie - das Ergebnis. Aber die Afrikaner sind anpassungsfähig. Sie texten schnell auf die harten deutschen Rhythmen, auf Suaheli oder Sheng, der codierten Sprache der kenianischen Slum-Jugend. Was die Satzbrocken bedeuten, davon haben die deutschen Musiker nicht mehr als eine dunkle Ahnung.

Nach drei Tagen besteht die bunte Kooperative den ersten Testlauf im "Undecided", einem der bekannteren Clubs in Nairobis Stadtteil Westland. Fast 1500 HipHopper, Schwarze und Weiße, strömender Schweiß, sieben Acts bis morgens um sechs Uhr - die Musiker sind mit sich, ihrem Auftritt und dem Publikum zufrieden. Wobei insbesondere die Teichmänner, die bei einem ersten Auftritt in Nairobi im vergangenen Oktober noch ein eher ratloses Publikum zurückgelassen hatten, diesmal eine Menge zur Stimmung beitragen.

Auch ein zweiter Auftritt im Innenhof einer Kirche im Slum von Kibera wird zum Ereignis. Ganz ohne irgendeine Form der Öffentlichkeitsarbeit füllt sich der Hof, Kinder besteigen die Bühne, rappen munter drauf los - zur Begeisterung der Deutschen und des Publikums.

Und doch bleibt der Graben, den es zu überbrücken gilt, eine ständige Herausforderung. "Da gibt es Leute, die haben ihre Stimme noch nie auf Band gehört", sagt Hannes Teichmann. Und Bruder Andi wundert sich: "Die rappen immer und wollen wie 50 Cent klingen, dabei können die viel mehr."

Zu viel Gras, gebrochene Tabus

Die deutschen Musiker staunen über das andere Lebensgefühl und die Potentiale der Kenianer, die sich wiederum an den harten fremden Rhythmen, dem Hang zur Präzision und dem Ehrgeiz der Gäste reiben. Die Europäer wollen ausprobieren, experimentieren, perfektionieren. Die Kenianer, viele von ihnen aus ärmeren Verhältnissen stammend, driften eher durch den Tag, durchs Leben, durch die Musik. Stundenlang an den immergleichen Rhythmen zu feilen, ist ihnen fremd und anstrengend zugleich. Einer ihrer Talentiertesten und Besten, Lavosti, der Ukoo-Flani-Sänger, kapituliert und steigt aus. Die Afrikaner rauchen viel, für den Geschmack ihrer deutschen Freunde bisweilen zu viel. "Manche von ihnen sind dauerbekifft", befindet Hannes Teichmann. Er verspürt eine klammheimliche Freude, "wenn ihnen über Nacht das Gras ausgeht. Dann kannst du nämlich morgens prima mit ihnen arbeiten".

Es ist ein Kommen und Gehen im Haus. Manche scheiden aus, andere stoßen hinzu. Wie der israelische Soundkünstler Ben Houge. Oder der blinde Gitarrist Michel Ongaro. Auf einmal weicht der zuvor eher ruppige Umgangston einer geradezu fürsorglichen Rücksicht. Seine jazzähnlichen Gitarrenleitern, vor denen die Deutschen zwei Wochen zuvor noch Reißaus genommen hätten, hallen nun bei allen nach. "Das hätten wir uns nicht vorstellen können", sagt Hannes Teichmann. "Er hat gespielt, es erinnerte fast schon an Café del Mar - da sind richtig Tabus für uns eingebrochen."

Das hatten sie nicht erwartet: Die Deutschen, von ihrer Szene getrimmt, als Musiker, DJ oder MC möglichst individuell zu produzieren, lassen sich auf eine Musik ein, die in Berlin als "uncool" durchfallen würde. Weltmusik ist verpönt, oft als Musik deutscher Gutmenschen verachtet; eines Publikums, das sein Herz für die weite Welt entdeckt, aber wenig Ahnung hat. "Weltmusik ist ja nicht so unser Ding", sagt Hannes Teichmann. Und Bruder Andi bekennt: "In Deutschland definiert man sich darüber, was man scheiße findet."

Die Kenianer ihrerseits sind verblüfft, dass die Deutschen viel mehr an ihrer musikalischen Tradition interessiert sind als an den von ihnen geliebten Imitationen amerikanischer Rap-Idole. Offenheit und Neugier sind also gefragt - und offenbar auch ausreichend vorhanden. "Das ist es, was wir erreichen wollten", sagt Initiator Hossfeld. "Dass Grenzen aufgebrochen werden und eine Musik entsteht, die weit über das hinausgeht, was beide Szenen sonst so machen."

"Bei uns ist ganz viel passiert", sagt jedenfalls Hannes Teichmann vor dem Aufbruch nach Berlin und nennt den Trip eine "enorme Bereicherung". Nun arbeiten die Brüder daran, die unterschiedlichen Werkstücke auf den Markt zu bringen: Bis Mitte Juni soll eine Maxi-CD vorliegen, ein komplettes Album dann Ende des Jahres. Es wird weniger experimentell und deutlich poppiger ausfallen als - zumindest von den Deutschen - ursprünglich erwartet. Im Dezember wird das Projekt in Deutschland vorgestellt - zur Eröffnung des "Worldtronics"-Festivals im Berliner "Haus der Kulturen der Welt".


Eine musikalische Kostprobe gibt es auf der Facebook-Seite des Projekts.

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Seite 1
saadiyah 04.05.2010
1. sehr ärgerlich ...
...wie hier berichtet wird. Ein so tolles Projekt und ein so schrecklicher Artikel. Herr Knaup, hätten Sie nicht noch ein paar Klischées bedienen können? Angefangen damit, dass die Kenianer "die Afrikaner" sind, die natürlich kopflos und verkifft durch ihr Leben trommeln. Wie gut, dass ihnen die deutschen Musiker mal Disziplin beigebracht haben. Der ganze Artikel strotzt nur so vor Ignoranz bezüglich der kenianischen Musikszene. Natürlich machen "die Afrikaner" auch nur "Weltmusik" - andere Konzepte scheinen unmöglich. Und wenn mal jemand Hip Hop macht, dann wollen natürlich alle nach amerikanischen Gangsterrappern klingen. Nur um mal 2 Beispiele aus den beiteiligten MusikerInnen herauszunehmen: das Kollektiv Ukoo Flani Mau Mau ist eine Institution im kenianischen Rap, die seit Jahrzehnten hervorragende Musik mit exzellenten politschen und gesellschaftskritischen Texten machen (für diesen Genuss müsste man allerdings Kiswahili verstehen). Just A Band sind das große Ding in Kenia im Moment (ein bisschen Recherche hätte auch hier geholfen) - nicht nur weil sie eine ganz eigene Mischung aus Elektro, Funk und Pop machen, sondern auch, weil sie mit originellen Videos und viralem Marketing (Ja, in Kenia gibt es Internet!) in Eigenregie für einen Riesen-Hype sorgen (Stichwort Makmende). Gerade in Kenia vollzieht seit ein paar Jahren -nicht nur in der Musik- eine spannende und faszinierende "kulturelle Renaissance", dank all der engagierten und guten KünstlerInnen und Kulturschaffenden. Schade, dass es diese tollen Beispiele nicht vorurteils- und klischeefrei in die deutschen Medien schaffen und damit auch ein antiquiertes "Afrikabild" ändern könnten.
Jambo 06.05.2010
2. Nicht Birnen mit Äpfeln vergleichen
Zitat von saadiyah...wie hier berichtet wird. Ein so tolles Projekt und ein so schrecklicher Artikel. Herr Knaup, hätten Sie nicht noch ein paar Klischées bedienen können? Angefangen damit, dass die Kenianer "die Afrikaner" sind, die natürlich kopflos und verkifft durch ihr Leben trommeln. Wie gut, dass ihnen die deutschen Musiker mal Disziplin beigebracht haben. Der ganze Artikel strotzt nur so vor Ignoranz bezüglich der kenianischen Musikszene. Natürlich machen "die Afrikaner" auch nur "Weltmusik" - andere Konzepte scheinen unmöglich. Und wenn mal jemand Hip Hop macht, dann wollen natürlich alle nach amerikanischen Gangsterrappern klingen. Nur um mal 2 Beispiele aus den beiteiligten MusikerInnen herauszunehmen: das Kollektiv Ukoo Flani Mau Mau ist eine Institution im kenianischen Rap, die seit Jahrzehnten hervorragende Musik mit exzellenten politschen und gesellschaftskritischen Texten machen (für diesen Genuss müsste man allerdings Kiswahili verstehen). Just A Band sind das große Ding in Kenia im Moment (ein bisschen Recherche hätte auch hier geholfen) - nicht nur weil sie eine ganz eigene Mischung aus Elektro, Funk und Pop machen, sondern auch, weil sie mit originellen Videos und viralem Marketing (Ja, in Kenia gibt es Internet!) in Eigenregie für einen Riesen-Hype sorgen (Stichwort Makmende). Gerade in Kenia vollzieht seit ein paar Jahren -nicht nur in der Musik- eine spannende und faszinierende "kulturelle Renaissance", dank all der engagierten und guten KünstlerInnen und Kulturschaffenden. Schade, dass es diese tollen Beispiele nicht vorurteils- und klischeefrei in die deutschen Medien schaffen und damit auch ein antiquiertes "Afrikabild" ändern könnten.
Einspruch euer Ehren! Dieser Beitrag ist dies keinefalls. Es ist halt nur ein Tatsachenbericht. Tatsache ist, dass hier sehr viele Menschen ohne Gras nicht leben (können). Besonders gen Wochenende ist es auffallend. Die Mentalität ist nun mal eine ganz andere als die europäische - besonders als die deutsche. Musik und Lebenseinstellung sind 2 verschiedene paar Schuhe, die in diesem Beitrag hervorragend getrennt werden.
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