Deutsches Eurovisions-Debakel Wie der Westen sich verschworen hat

Wer beim Grand Prix eine Casting-Truppe mit fiesen Frisuren, miesem Make-up und einem öden Song ins Rennen schickt, muss sich nicht wundern, wenn er verliert. Doch das deutsche Debakel ist nur Symptom einer Krankheit der großen Westländer: Sie wollen gar nicht gewinnen.
Von Irving Wolther

Vor dem Song Contest ist nach dem Song Contest. "Die Bösen werden siegen", orakelte vor dem Wettbewerb ein Fan, der sich mit den Gesetzmäßigkeiten der Eurovision auszukennen glaubt. Mit den Bösen meinte er Russland. Der Sieg des Riesenreiches zwischen Ural und Gasprom sei ja bereits beschlossene Sache. Und wer sei verantwortlich für den Betrug? Die Europäische Union, aha. Sie nutze, so der Fan, den Song Contest, um die politischen Geschicke Europas zu steuern: der Sieg der Türken 2003 als Appetithäppchen vor einem möglichen EU-Beitritt, der Sieg der Ukraine 2004 zur Unterstützung der "Orange Revolution", der Sieg Finnlands 2006 als Trost für das kalte Wetter. Irritierte Blicke quittierte der Mann mit dem Hinweis, dass ja auch der Sieg Serbiens 2007 manipuliert worden sei: "Damit sie den Verlust des Kosovo besser verkraften."

"Wertet mit Ohr und Herz"

Nicht jeder Hobby-Verschwörungstheoretiker argumentiert so abstrus wie dieser Mann. Vergangenes Jahr hatte man die Schuldigen schlicht im Osten gesucht, vom Ostblock-Voting ist seitdem die Rede. Die Tatsache, dass nun dieses Jahr mehr westliche Länder dem Finale beiwohnen durften, war deswegen als Erfolg des neuen Halbfinalmodus gepriesen worden. Dass dabei drei der vier skandinavischen Staaten in einer gemeinsamen Vorrunde zu finden waren, hatte zwar ein gewisses Geschmäckle, befriedete aber die Grand-Prix-Verantwortlichen in den westlichen Ländern.

"Wertet mit Ohr und Herz, nicht mit dem Ausweis", hatte schließlich der französische Delegationsleiter Bruno Berberes im Vorfeld an die Migrantengruppen in Europa appelliert. Denn die stehen in Verdacht, für jeden noch so miesen Beitrag anzurufen, solange er nur aus dem Lande ihrer Ahnen stammt.

Tatsächlich wird das Minderheitenvotum für die ausrichtende European Broadcasting Union zum Problem. Denn wo die heimischen Zuschauer das Finale nicht verfolgen, weil sie im Halbfinale ausgeschieden sind, entscheiden die Anrufe der Migranten. Und die Chancen, dass sie die Musik ihrer Heimat auch ohne tumben Nationalismus gut finden, stehen nicht schlecht.

Doch die Ursachen für das schlechte Abschneiden der vier großen Geldgeber beim Grand Prix liegen nicht bei den Migranten. In Wirklichkeit will keines der vier Länder das Risiko eines Eurovisions-Siegs und damit einer kostspieligen Ausrichtung im Folgejahr eingehen. Nicht England, nicht Frankreich, nicht Spanien und schon gar nicht Deutschland. Nur wenige Stunden nach dem Finale in Belgrad sind die No Angels schon beim nächsten Grand Prix, allerdings in Monte Carlo, um dort beim Formel-1-Zirkus zu gastieren. Die Pressekonferenz des Eurovision-Gewinners ist für Sonntag um 12 Uhr in Belgrad anberaumt. Siegesabsichten sind einer solchen Terminplanung nicht zu entnehmen.

Volkstümlichkeit statt Eurovision?

Nach dem 23. Platz der No Angels steht der NDR in Sachen Song Contest nun unter Rechtfertigungsdruck gegenüber den übrigen ARD-Anstalten. Der dürfte auch deswegen enorm sein, weil am Samstag nur 6,38 Millionen Menschen zuschauen wollten; rund eine Million weniger als 2007. Wenn es nach einigen Verantwortlichen geht, soll der Sendeplatz für das teure Spektakel, das für Deutschland seit Jahren nur blamable Ergebnisse bringt, mit volkstümlichen Angeboten gefüllt werden, die weniger Aufwand verursachen und mehr Quote bringen. Damit wäre das letzte Musikformat der ARD, das ein jüngeres Publikum an die Bildschirme lockt, dem Untergang geweiht.

Bedauerlich, wenn ein mittelmäßiger Radiotitel einer einstmals bekannten Casting-Girlgroup den Eurovision Song Contest in Deutschland zu Fall brächte. Was als grandioses Comeback der vier No Angels geplant gewesen war, entpuppte sich auf der Bühne der Belgrader Arena als öde Windkanalstudie mit schlecht sitzenden Frisuren und grauenvollem Make-up. Dass aus dem Song choreografisch nicht mehr herauszuholen ist, hätte die Plattenfirma Universal wissen müssen. Hier hat man wohl jemanden ins offene Messer laufen lassen wollen.

Union der Frustrierten

Und was ist mit der ehemaligen Eurovision-Siegerin Charlotte Perrelli? Nun, wer die Schwedin am Bildschirm erlebt hat, wird bestätigen können, dass plastische und ästhetische Chirurgie zwei unterschiedliche Disziplinen sind. Die Sängerin wirkte beängstigend artifiziell – und für viele Zuschauer mögen die drei Minuten ihres Titels zu kurz gewesen sein, um sich von der Irritation ihres Anblicks zu erholen. Der Zuschauer investiert nun einmal keine Telefongebühren in Auftritte, die bei ihm blankes Entsetzen auslösen. Norwegen hat vorgemacht, wie ein unaufgeregter aber professioneller Auftritt die Herzen Ost- und Westeuropas erobern kann.

Aber vielleicht ist das Ganze tatsächlich nur ein abgekartetes Spiel der EU. Womöglich ist man einiger Mitglieder überdrüssig und spielt beim Eurovision Song Contest schon einmal die Möglichkeit eines Referendums für den Ausschluss von Großbritannien, Deutschland und Frankreich durch. Die könnten dann ja eine eigene Union der Frustrierten gründen.

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