Devendra Banhart in Hamburg Do the Bart, Man!

Von den Rocky Mountains bis nach Bolivien: Der Großkünstler Devendra Banhart schwebte bei seinem Hamburger Konzert auf Rauchschwaden durch Regionen und Genres - und präsentierte seinen pan-amerikanischen Pop-Entwurf in antiautoritärer Gelassenheit.

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Seifenblasen und Marihuanaschwaden - beides steigt an diesem Abend in ungefähr gleicher Häufigkeit zur Hallendecke der Hamburger Fabrik auf. Produziert werden die Blasen und Schwaden von den vielen jungen Frauen, die sich vor der Bühne drängeln. Nicht wenige von ihnen haben sich zu Ehren ihres Helden Devendra Banhart lustige Bärte ins Gesicht gemalt.

Eine angemessene Würdigung für einen Musiker, der früher immer selbst ein bisschen wie eine junge Frau mit künstlicher Gesichtsbehaarung aussah. Unter seinen mascara-umrandeten Augen und über seinen indischen Wickelkleidern wucherte bei Banhart, diesem wunderschönen Blumenkind, einst ja ein langer Bart. Gerade mal Anfang 20 war er, da avancierte der über banale geschlechtliche Zuordnungen erhabene Künstler bereits zur Neo-Hippie-Ikone.

Als androgyner Waldschrat war er das beliebteste Fotomodell der "New Weird Americana"-Truppe, einer lockeren Musikerallianz, bei der auf eigenwillige Weise alter US-Folk ins neue Jahrtausend geführt wurde. Banhart sah damals stets aus, als sei er gerade aus einer Rocky-Mountains-Hütte getreten, und seine Songs bot er zuweilen im meckernden Ton einer Bergziege dar. Aber natürlich war es so, dass der in alle Richtungen offene Musiker eigentlich eher zufällig auf seiner Marihuana-Wolke im bergigen Hippie-Areal hängengeblieben war. Wer genau hinhörte, der konnte schon früher erkennen, dass es Banhart mindestens ebenso sehr in karibische Gefilde zieht.

Für sein neues Album ist die Hippiebraut mit Bart nun weiter geschwebt. Von den Rockys an die mexikanische Grenze, von Trinidad ins bolivianische Hochland, von Caracas bis in die argentinische Pampa: "What Will We Be", das erste Werk für ein richtiges Majorlabel, ist eine Art pan-amerikanischer Pop-Entwurf geworden. Ein phänomenal lässiges Durcheinander aus Mountain Songs und Calypso, aus Bluegrass und Tropicalismo, aus Stoner-Rock und Latin-Jazz.

Wo ist das Wickelkleid?

Diese phänomenale Lässigkeit des Albums haben sich Banhart und seine vier Kollegen für Hamburg bewahrt. Die extrem eingängigen Songs perlen hier eher wie zufällig ins Programm, werden nicht als Pop-Highlights herausgehoben: "Angelika" etwa, der Rumba-Hit des Werks, beginnt als sanft gehauchter Folk, um dann in eine auf Spanisch intonierte Exotika-Nummer umzuschlagen.

Und so geht es an diesen Donnerstagabend die ganzen schönen unaufgeregten zweieinhalb Stunden lang: Im fünfstimmigen Gesang schweben die Musiker durch die Genres, bauen in ihre Darbietungen überraschende Schlenker ein, lassen die Dramaturgie vom Publikum bestimmen. Unten vor der Bühne haben sich nämlich kleine Chorgruppen zusammengefunden, die zum Teil die Liedführung übernehmen. Oben auf den höheren Rängen der Fabrik stimmt ein Trio aus dem Publikum in einem ruhigen Moment beseelt den Banhart-Klassiker "Lazy Butterfly" als Harmoniegesang an und nimmt den Meister so in die Verpflichtung, das seit Jahren ungeprobte Stück doch noch zur Aufführung zu bringen.

Devendra Banhart trägt zwar kein Wickelkleid mehr, aber italienische Slipper an den Füßen, den Bart hat er sich appetitlich gestutzt. Er möchte nicht mehr Hippie genannt werden - das wollen wir zukünftig respektieren. Im Auftritt seines Ensembles aber erfüllen sich trotzdem alte Gegenkultur-Träume, denn in antiautoritärer Gelassenheit lässt er seine Musiker das Repertoire mit eigenen Kompositionen auffüllen.

Zwischendurch gibt es immer wieder Rumbas. Diversität, Spontaneität und auch ein kleines bisschen Spiritualität bestimmen den Flug durch Genres und Sprachen; die Musiker agieren wie auf einer Wolke.

Irgendwann heißt es: Next Stop Trinidad. Calypso erklingt. Beim enthierarchisierten Gruppentreiben hätte man beinahe übersehen, dass da ganz anonym auch ein Superstar des Gitarrenrock mitmacht, der nebenbei Calypso-Fan ist: Fabrizio Moretti arbeitet sonst bei den Strokes, der Erfolgsband, deren Mitglieder inzwischen allesamt keine Lust mehr auf den Erfolg haben und deshalb zig Einzelprojekte gegründet haben. Moretti spielt unter anderem auch mit Banhart in der Formation Megapuss zusammen, für die sich alle Teilnehmer beim Musizieren nackig machen. In der Fabrik aber trägt Moretti Hemd und Pepitahut und singt "Next Time Around", einen Calypso-Hit seines tollen Nebenprojekts Little Joy.

So gesehen ist Devandra Banharts kleines pan-amerikanisches Orchester immer noch der Traum eines jeden Hippies. Ob mit gestutztem oder wucherndem, mit aufgemaltem oder angeklebtem Bart: Beim kollektiven Singen, so zeigt sich an diesem Abend in der von Rauschwaden durchzogenen Fabrik, darf jeder mitmachen. Platz ist auf der kleinsten Wolke.

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Seite 1
dr. love 06.12.2009
1. Banhart
Mr. Banhart versteht es nach wie vor zu fesseln, obwohl das Majorgefängnis ihn schon mit Fußfesseln bestückt hat. Er bleibt ein Stern. Leuchten müssen wir... http://www.jahrgangsgeraeusche.de/2009/12/05/devendra-banhart-what-will-we-be/
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