Die Ärzte in Concert Party an der Todesmauer

Sie verwandeln eine Multifunktionshalle in einen Hexenkessel, machen Pogo zum Trendsport und bringen vom Rucksack-Girl bis zum Punk-Veteranen alle auf Trab: Die Ärzte in der Kölnarena - eine Pop-Offenbarung.

Aus Köln berichtet Eric Pfeil


Die Kölnarena ist ausverkauft, restlos. Und schon wenn man sich Deutschlands größter Multifunktionsarena langsam im zähen Trott tausender Anreisender nähert, merkt man, dass man es diesmal nicht mit irgendeinem normalen Konzert zu tun hat: Niemand scheint zufällig hier gelandet zu sein: als Anhängsel von Freunden oder weil er günstig an eine Karte gekommen ist. Alle sind erschienen, um Deutschlands phänomenalster Band zu huldigen: Einer Gruppe, die es mit einer einzigartigen Mischung aus Attitüde, Humor, Größenwahn und Dreistigkeit– ähnlich wie Helge Schneider – hierzulande in den coolen Kultur-Konsens geschafft hat.



Schon draußen vor der Halle herrscht Festplatzstimmung: Ärzte-Songs laufen, Tausende stehen in schwarzen Shirts mit dem Logo der Berliner Stimmungskanonen umher und führen Bier-Experimente durch. Auch drinnen in der Halle tobt schon eine halbe Stunde vor Konzertanfang ein Pulk aus Landpunkern, fröhlichen Goths, Rucksack-Mädchen mit bunten Haarsträhnen und Veteranen der zweiten und dritten Punk-Generation.

Zwischen Oktoberfest und 1.-Mai-Krawalle

Die Bühne ist mit einem riesigen schwarzen Vorhang mit dem dreifach getüpfelten "Ä" verhangen, davor klatschen und johlen sie sich in Hysterie. Es sieht aus, als hätte ein pfiffiger Event-Veranstalter das Oktoberfest und die 1.-Mai-Krawalle zusammengelegt.

Kurz nach acht wird es dunkel, Blitze zucken durchs Rund, ohrenbetäubender Jubel ertönt: Die Ärzte beginnen ihr Konzert mit "Himmelblau" vom neuen Album "Jazz ist anders". Die ersten zwei Strophen spielen sie noch hinter dem Vorhang, erst zum Refrain fällt er schließlich hinunter und gibt den Blick auf die schwarzgekleideten Musiker frei.


Was nun seinen Lauf nimmt, hat mit nichts etwas zu tun, was in dieser Größenordnung üblicherweise als Konzert verkauft wird. Drei Stunden lang halten Bela B, Farin Urlaub und Rodrigo González mit ihrem scheppernden Schlager-Punk und einem Humor zwischen Publikumsbeschimpfung, Selbstironie und Zwangs-Vulgarismus die Halle auf eine Art und Weise in Schach, wie es U2, Robbie Williams und karnevalistische Riesenraves wie "Die lachende Kölnarena" gemeinsam nicht hinbekämen.

"Wir spielen schlechter als andere Bands, dafür aber länger", kokettiert Farin Urlaub am Anfang. Er hat Recht: Vieles klingt – und sieht aus - wie die Band-Probe einer angetrunkenen Berliner Hinterhofcombo, nur mit dem Unterschied, dass jede Schrammelband der Hauptstadt technisch versierter klingt als Die Ärzte. Manchmal, etwa beim "Schunder-Song" hört es sich an, als würden sich die Drei beim Spielen mehrfach selbst überholen.

Rauer an der Todesmauer

Doch niemand außer ihnen besitzt hierzulande diesen krawalligen Charme, der bis in den hintersten Hallenwinkel wirkt. In ihren besten Momenten zeigen Die Ärzte virtuos, dass Pennälertum eine verantwortungsvolle Lebensaufgabe sein kann – ganz im Gegensatz zur Berufsjugendlichkeit anderer Kollegen.

Geradezu grandios sind Die Ärzte, wenn dieses Pennälertum aufgebrochen wird: "Das nächste Stück ist älter als die meisten von euch – behandelt es mit Respekt", bittet Bela B. etwa vor der irrwitzigen Cowpunk-Nummer "El Cattivo". Immer wieder formiert sich der vor der Bühne tobende Pulk – teils angestachelt durch die Band – zur "Wall of Death", jener Pogo-Abart, bei der zwei Publikumsgruppen aus größerer Distanz wie Kriegsstämme ineinander rasen: Großraum-Punk für die ewige Pubertät.

Nicht ganz so toll sind Die Ärzte, wenn sie in einigen neuen Songs zu sehr die Aura lässiger Jugendzentrums-Leiter verströmen, die ihre Schutzbefohlenen mit Carpe-diem-Weisheiten hinter dem Ofen der ewigen Abgrenzungssehnsucht hervorzulocken versuchen. Doch diese Momente sind heute mehr als rar gesät, es regiert der grobe Unfug.

Die aktuelle Single "Junge" macht sogar alle Altersfragen obsolet: Gerade fragt man sich noch, ob der Text ("Und wie du wieder aussiehst/Löcher in der Hose/und schrecklich dieser Lärm") tatsächlich heutigen Eltern-Frust abbildet oder ob derlei Spießer-Karikaturen nicht eher der Jugend der Musiker entstammen, da sieht man neben sich schon einen höchstens 17-Jährigen mit entrücktem Gesicht mitsingen und die Faust gen Himmel recken.

Knapp drei Stunden stehen Die Ärzte auf der Bühne der Kölnarena. Am Schluss spielen sie noch von spontaner Wortkasperei zerpflückte Versionen alter Hits wie "Teenagerliebe", "Zu spät" und "Elke". Und immer wieder wird zur "Wall of Death" gebeten. "Kommt Ihr wieder?", fragt Farin Urlaub zum Schluss. "Ich meine, wenn wir hier spielen?". Vermutlich wird jeder einzelne wiederkommen.



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