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Die Ärzte mit dem Album der Woche Lassen Sie die durch, die machen Lärm!

Haltung muss nicht hüftsteif sein: Kurz vor der Bundestagswahl veröffentlicht die Berliner Punkrockband Die Ärzte die lautstarke Polit-Platte »Dunkel« – unser Album der Woche. Und: Neues von Natalie Imbruglia.
aus DER SPIEGEL 39/2021

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Album der Woche:

Die Ärzte – »Dunkel«

Man kann sich darüber streiten, ob es schlicht genial oder einfach stumpf ist, aus dem phonetischen Gleichklang zwischen dem englischen »Noise« und dem deutschen »Neues« das Allerletzte herauszuholen. Aber wenn im Jahr 2021 noch jemand mit so simplen Wortspielen durchkommt, dann Die Ärzte. »Es wird Zeit für etwas Neues«, so kündigte die Berliner Punkrockband mit der Single »Noise« ihr neues Album an. Laute Gitarren und ein stürmischer Sponti-Gestus durchwehen das Lied, die vielleicht urgewaltigste aller Rock-’n’-Roll-Botschaften ist klar: Wenn die gesellschaftliche Nacht am tiefsten, muss der Lärm gegen die Verhältnisse – der Noise – am größten sein.

Nicht ohne Grund erscheint das neue Ärzte-Album, programmatisch »Dunkel« betitelt, noch kurz vor einer Bundestagswahl, die auch eine Richtungsentscheidung für das Land ist. Sänger Farin Urlaub bekannte sich nach der Flutkatastrophe im Juli unmissverständlich zu den Grünen, die politisch durchwirkten Songs des Albums sollen nun offenbar die noch Unentschiedenen und Politikverdrossenen auf den letzten Metern aufrütteln. »Ich würde mir tatsächlich wünschen – ich weiß, ein größenwahnsinniger Wunsch –, dass deswegen noch mal drei Leute mehr wählen gehen, dann hab ich alles erreicht«, sagte Urlaub, 57, diese Woche in einem Interview.

Ganz so größenwahnsinnig dürfte das gar nicht sein, denn die Band polarisiert schon lange nicht mehr. Sie gehört zum Pop-Konsens einer liberalen Boomer-Generation, die sich noch gern an die wilden Jahre der Indizierung von provokanten Ärzte-Songs wie »Geschwisterliebe« oder »Claudia hat ’nen Schäferhund« in den Achtzigerjahren erinnert, aber spätestens seit der Anti-Nazi-Hymne »Schrei nach Liebe« (1993) weiß, dass Die Ärzte nicht an allen Grundpfeilern der Gesellschaft rütteln, sondern vor allem an denen, die ganz rechts stehen. Die zu erwartende Frage, »Ist das noch Punkrock?«, beantwortete die Band 2012 im gleichnamigen Lied gleich selbst, wie üblich unangreifbar durchironisiert: »Ich glaube nicht«. Dem kommerziellen Erfolg der Ärzte tat das keinen Abbruch, im Gegenteil.

Zur Veröffentlichung seines vorigen Albums »Hell« vor nicht mal einem Jahr trat das Trio – neben Urlaub besteht es aus Schlagzeuger Bela B, 58, und Bassist Rodrigo González, 53 – in feinen Anzügen vor den »Tagesthemen« auf, spielte den Eingangs-Jingle der Sendung und wies eindringlich auf die prekäre Lage von Kulturschaffenden in der Coronakrise hin. Und nun also der staatstragende Wahlaufruf in Form eines Rock-Albums. Muss so viel Haltung nicht zwangsläufig zu musikalischer Hüftsteifheit führen?

Aus: DER SPIEGEL 39/2021

Die Stillstand-Republik

Deutschland hat sich durch einen uninspirierten Wahlkampf geschleppt, es wurde zu wenig darüber gesprochen, was die Schulen, die Verwaltung und die Wirtschaft zukunftsfähig macht. Dabei gibt es überall im Land Menschen, die zeigen, dass eine Aufholjagd nicht nur nötig, sondern auch möglich ist.

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Ein paar unnötig verkrampfte Pamphlete gibt es unter den 19 neuen Songs, darunter der Appell gegen das »Schweigen« und das desillusionierte Stück »Menschen«. Doch selbst in der kreativen Spätphase der Ärzte sitzen die meisten Gitarrenriffs und rhetorischen Pointen noch überraschend locker. Der Sound ist härter und metallischer als zuletzt, zitiert werden Hardcore-Punk-Vorbilder wie Hüsker Dü, Hardrock und Ska, einmal auch die saturierten Dire Straits, als Scherz natürlich. »Unser Soundtrack für die Bundesrepublik: Karnickelfickmusik«, so nennen sie das im ersten Stück.

An Albernheiten, auch ein Markenzeichen dieser Band, wird ansonsten jedoch gespart. Der Ton ist düster, bei aller ungebrochenen Lust am Wortwitz: »Kapitalismus oder Diktatur? Kannibalismus oder Entziehungskur? Nihilismus oder Scheißfrisur? Sendeschluss oder Selbstzensur?«, reimt Urlaub. Und: »Wenn das meine Wahl ist, bin ich gegen alles«.

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Vor Ignoranz und Lethargie gerettet werden muss die Demokratie, wie es im letzten Stück, das im Liedermacherstil beginnt, heißt: »Immer nur zu meckern auf das blöde Scheißsystem, das ist schön bequem«. Im Spektrum politischer Deutschpopmusik ist das eine sichere Nummer: noch weit genug entfernt von den salbenden Hymnen Herbert Grönemeyers, aber auch distanziert von der radikalen Schärfe eines Rappers wie Danger Dan .

Bemerkenswert viele Songs dieser drei gut gealterten weißen Männer vertiefen sich auf »Dunkel« zudem in die Abgründe toxischer Männlichkeit. In entlarvender Rollenprosa geht es um Typen, die Fehler machen, sich aber trotzdem für die Krone der Schöpfung halten, um die verletzende Gewalt von Worten, aber auch Taten, um die Stille nach dem Fausthieb. In »Nachmittag« wird der männliche Protagonist von seiner Freundin erschossen, sein lakonisches Fazit: »Liebe ist – kompliziert«.

Manches auf dieser Platte wirkt wie ein letztes lautstarkes Aufbäumen, anderes erstaunlich milde. Sie haben alles gesagt, alles versucht, jeden Kniff, jede Drehung, jeden Gag probiert. Jetzt müssen es vielleicht bald andere richten, so wie die feministische Rapperin Ebow, die im Song »Kerngeschäft« zum seltenen Gast in einem Ärzte-Lied wird – eine Art musikalische Staffelholzübergabe, wenn man politischen Hip-Hop als Punkrock der neuen Zeit betrachtet.

Aber die Band hat in ihrer nun bald 40-jährigen Karriere schon oft Abschied genommen und kam dann doch wieder zurück. Bis sie sich wirklich von der deutschen Pop-Bühne entfernen, gilt: Lassen Sie sie durch, sie sind Ärzte! (7.5)

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Kurz abgehört:

Native Soul – »Teenage Dreams«

Wer in diesem spannungsreichen, technoiden Deep-House-Sound nach Hooks oder erlösenden Breaks sucht, verfängt sich in einem bezwingenden Midtempo-Groove aus analogen Schlagzeug-Beats, endlos zischender Hi-Hat, Shaker-Rhythmen und sparsamen Sample- oder Synthesizer-Akzenten. Amapiano heißt diese aus den dort populären, mit Afro-Folk und -Jazz gewürzten Genres Kwaito und DiBacardi hervorgegangene neue Spielart südafrikanischer Dance-Musik aus den weitläufigen Townships der Gauteng-Provinz rund um Pretoria und Johannesburg. Kgothatso Tshabalala, 19, und Zakhele Mhlanga alias DJ Zakes, 18, sind mit ihren nahezu rein instrumentalen Tracks die jungen Stars der Szene, »Teenage Dreams« ist ihr unauffälliges, aber dennoch spektakuläres Debüt-Album, wobei Stücke wie »The Journey« mit ihrer dystopischen Anmutung eher an den urbanen Albtraum eines John-Carpenter-Films erinnern. Sowas hört der »Mandalorian« auf dem Walkman. (9.0)

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Natalie Imbruglia – »Firebird«

Das ewige Schicksal von One-Hit-Wondern: Was sie nach ihrem Welthit machen, kriegt kaum jemand mit. Auch Natalie Imbruglia, inzwischen 46-jährige Pop-Sängerin aus Australien, brachte nach »Torn« noch ein paar Alben heraus, zuletzt 2015 eins mit Coverversionen von Männer-Songs. Für »Firebird«, das nur in einigen verstörenden Soul- und Achtzigerjahre-Nuancen anders klingt als ihr Debüt von 1997 (nur ohne neuen Instant-Hit), dürfte für etwas mehr Aufsehen sorgen. Der beherzt nach Selbstermächtigung greifende Power-Sound von Imbruglia und Zeitgenossinnen aus der Jahrtausendwende wird gerade von jungen Pop-Künstlerinnen wie Lorde  neu entdeckt und gefeiert. Man bleibt zerrissen zwischen Neugier und Nostalgie. (5.0)

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Caleb Landry Jones – »Gadzooks Vol. 1«

Wenn Ihnen dieser Name bekannt vorkommt, dann vermutlich deshalb, weil er gerade beim Filmfestival in Cannes den Darstellerpreis für seine Rolle als junger Borderliner in dem australischen Film »Nitra« gewonnen hat. Zuvor war der Texaner unter anderem als Banshee in »X-Men: First Class« zu sehen und in »Three Billboards Outside Ebbing, Missouri«. Jones ist aber auch Musiker und gelangte durch eine Empfehlung von Jim Jarmusch zum Brooklyner Avantgarde-Label Sacred Bones. Alles ziemlich cool (anders als Johnny Depps Pop-Ausflüge einst). Zum Glück auch seine Musik, die auf seinem zweiten Album hinreißend verspult zwischen John Lennons Solo-Werk, Sixties-Psychedelik und fuzzy Bowie herumtorkelt - und sich dabei auch traut, mit glamourösem Noise anzuecken. Charmante Konkurrenz für Ty Segall. (7.7)

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Abgehört im Radio

Mittwochs um Mitternacht (0.00 Uhr) gibt es beim Hamburger Webradio ByteFM  ein »Abgehört«-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte. Seit 1. Januar 2022 sendet ByteFM in Hamburg auch auf UKW (91,7 und 104,0 MHz).

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Wertung: Von »0« (absolutes Desaster) bis »10« (absoluter Klassiker)

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