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01. April 2007, 16:31 Uhr

Die Fantastischen Vier

"HipHop ist eine alte, spießige Bewegung"

Mit dem Hit "Die da" wurden die Fantastischen Vier berühmt. Seither sind sie das, was man Popstars nennt. Was ist das überhaupt? Wie lebt es sich als deutscher Popmusiker? "FAS"-Redakteurin Johanna Adorján hat zwei von ihnen gefragt.

Frage: Die meisten wissen, dass Sie aus Stuttgart kommen und deutschen Rap groß gemacht haben – ich würde gerne mit Ihnen darüber reden, wie es ist, in Deutschland ein Popstar zu sein.

Michi Beck: Den Begriff Popstar finde ich immer ein bisschen komisch. Wenn ich im Ausland jemanden kennenlerne, sage ich: "I’m a relatively well-known musician in Germany."

Fanta-Vier-Sänger Smudo, Beck: "Ist man vielleicht wirklich mal zu alt für irgendwas?"
DDP

Fanta-Vier-Sänger Smudo, Beck: "Ist man vielleicht wirklich mal zu alt für irgendwas?"

Smudo: Musiker und Autor. So bin ich beim Finanzamt gemeldet.

Frage: Wie hatten Sie sich das vorgestellt, als Sie angefangen haben, mit Anfang zwanzig – dachten Sie da, wenn Sie einmal einen Nummer-1-Hit haben, dann haben Sie ausgesorgt?

Smudo: Genauso war das. Als wir bei der Plattenfirma unseren Vertrag unterschrieben haben, ging mein Blick im Flur über die Fotos von diesen ganzen bekannten Gesichtern mit ihren goldenen oder platinierten Schallplatten, und ich dachte mir, boah, wenn wir auch mal so eine haben, dann müssen wir nie mehr arbeiten.

Frage: Das ist fast zwanzig Jahre her – Sie arbeiten immer noch. Nächste Woche erscheint ein neues Album.

Smudo: Heute ist das sowieso anders bei den Einbrüchen in der Musikindustrie. Aber damals bedeutete eine Platinplatte noch 500.000 verkaufte Stück. Da blieb nach allen Abzügen vielleicht pro Platte 1,50 Euro für die Band, dann noch die Steuer, und dann bei uns durch fünf, der Manager kriegt ja auch noch was.

Frage: Deutschland ist der drittgrößte Musikmarkt der Welt. Da müsste man als erfolgreicher Popmusiker gut leben können.

Smudo: Klar, wenn ich bescheiden leben würde, nur mit Kümmelbrot und Wasser, hätte vielleicht eine goldene Schallplatte sogar gereicht. Jetzt ist aber mein Lebensstil auch größer geworden, hübsche Wohnung, gutes Auto, mal ’ne schöne Urlaubsreise, da ist das Geld schnell ausgegeben.

Frage: Sie hatten mal eine eigene Plattenfirma, "Four Music", 1996 gegründet, inzwischen verkauft. War das als Altersvorsorge gedacht?

Smudo: Auch – man ist ja nicht ewig Popstar. Wir machen ja jetzt eine Platte in einem Alter, von dem ich vor zehn Jahren dachte, da sitze ich schon in Nizza und steche Salat. Das war eine Mischung aus Zukunft sichern und Spaß an guter Musik, Sinnstiftung, man will ja auch was Gutes machen. Aber die Krise der Musikindustrie ging auch an uns nicht vorbei, und zuletzt mussten wir uns von unserem Label trennen, wir haben es verkauft, um wenigstens ein paar Arbeitsplätze sichern zu können. Also weit weg von Altersversicherung.

Frage: Alle Mitglieder der Fantastischen Vier werden dieses oder nächstes Jahr 40 ...

Michi Beck: In Stuttgart nennt man das das Schwabenalter. Ich glaube, das heißt: Jetzt kannst du dich als Schwabe erst Mann nennen.

Frage: HipHop hat mal als Jugendbewegung angefangen.

Michi Beck: Ja, und jetzt ist es eine alte, spießige, etablierte Bewegung, wenn man so möchte. Aber die Überalterung der Gesellschaft kommt unserem Beruf zugute, würde ich sagen. Das ist schon anders als noch bei unseren Eltern – früher wurden Leute, die mit 25 noch ausgingen, in der Disco Opa genannt, heute sind die Clubs voll mit über 30-Jährigen, jedenfalls in Berlin. Ich glaube, das liegt daran, dass nach Rave und HipHop, den letzten musikalischen Richtungen, die irgendwie neu waren, nichts mehr nachkam. Also hat die Generation, die damit groß wurde, so ein bisschen Extra-Time gekriegt. Extended Play.

Smudo: Nach HipHop und Techno kam ja kein neues Lebensgefühl mehr, das mit Musik oder Ausgehen verbunden war. Jetzt ist ja Rock-Remake und Computer-Zeitalter.

Frage: Wie nennen Sie die Musik, die Sie heute machen? Es ist rhythmisch gesprochener Text auf verschiedenen Tonhöhen, es gibt Strophen und Refrain.

Michi Beck: Irgendjemand hat das neulich als Future-Pop mit HipHop-Wurzeln bezeichnet, das fand ich ganz treffend. Es ist eine Art Popmusik. Eine Art Alternative Rap. Wir können nicht singen, aber es ist schon ein bisschen sing-along.

Smudo: Ich sag’ Rapmusik dazu, das ist es nach wie vor. Es wird gerappt und nicht gesungen.

Frage: Hören Sie noch HipHop?

Smudo: Geht so, ich höre im Allgemeinen wenig aktuelle Musik. Ich identifiziere mich nicht mehr so damit, und die meisten Sachen, auch international, finde ich ziemlich langweilig. Themenarm, auch instrumentell stagniert es. Wenn ich heute 13 Jahre alt wäre und die Revolution wollte, würde ich doch nicht HipHop hören.

Lassen sich Fanta Vier wirklich Sushi aus Tokio einfliegen? Lesen Sie hier weiter

Frage: Haben Sie sich für die neue Platte zusammengesetzt und überlegt: was geht noch, wofür sind wir zu alt?

Smudo: Nicht bewusst. Das passiert genauso, wie eines Tages unmerklich der Blick im Regal doch zum Hemd und nicht zum T-Shirt tendiert. Irgendwann gefallen einem einfach andere Sachen.

Michi Beck: Beim Texteschreiben ist es noch mal ein größeres Thema. Da wird’s dann schon schwieriger. Manches, was wir schreiben, versteht ein 17-Jähriger vielleicht nicht so, wie wir es meinen, weil er es noch nicht erlebt hat. Egal, dann versteht er es eben anders, auch gut.

Frage: Haben Sie denn 17-jährige Fans?

Smudo: Ja. Die kommen immer dann, wenn eine Single einen Top-15-Erfolg hat. Als wir mit "Troy" einen Hit hatten, haben wir Briefe von 14-Jährigen gekriegt, die gar nicht wussten, dass wir vorher schon was gemacht hatten. Ich fand es am Anfang immer ein bisschen komisch, von Fans, die ein Autogramm wollen, gesiezt zu werden. Aber gut, von mir aus.

Frage: Was ist das größte Missverständnis Popmusiker betreffend?

Smudo: Ich lebe seit acht Jahren in meiner Wohnung in Hamburg und gehe immer in denselben Minimal zum Einkaufen, und immer wieder kommt es vor, dass mich irgendjemand anspricht, was denn ich hier mache. Ich denke dann immer, was stellst du dir denn vor? Dass ich mir zum Mittagessen Sushi aus Tokio einfliegen lasse?

Frage: Im amerikanischen MTV gibt es eine Sendung, in der Popstars ihren Reichtum zur Schau stellen. Da führen Missy Elliott oder Robbie Williams dann ein Kamerateam durch ihre Villa und zeigen ihren Pool, ihren Tennisplatz, ihren Fuhrpark. Warum gibt es das in Deutschland nicht?

Smudo: Zufälligerweise kommt morgen sogar ein Kamerateam in meine Wohnung, die haben mich angerufen, ich finde die Sendung ganz okay, und die ist auch finanziell sehr attraktiv. Ich kann denen nur eine ganz normale Popstaraltbauwohnung in Hamburg bieten – wir bauen ja hier keine Villen wie die Amis. Aber immerhin: Ich habe ein eigenes Flugzeug.

Frage: Na bitte.

Smudo: Es hat eine Summe gekostet, die ich mir echt gut überlegt habe – 135.000 Euro, was ziemlich günstig ist für so ein Flugzeug. Aber es ist ja auch eine Wertanlage.

Michi Beck: Ich hab’ mir jetzt in Berlin eine doppelstöckige Penthousewohnung gekauft, das ist mein Flugzeug. Ansonsten ist höchstens extravagant, dass ich mich jedes oder jedes zweite Wochenende noch in Clubs rumtreibe, um aufzulegen, aber das ist jetzt nicht so luxuriös.

Frage: Wie sieht ein Tag im Leben eines erfolgreichen deutschen Popmusikers aus?

Michi Beck: Ich arbeite ganz normal. Ich stehe um 9 Uhr morgens auf, ich gehe jeden Tag ins Studio, am Abend gehe ich nach Hause, vorher vielleicht noch essen und manchmal aus. Manchmal werde ich erkannt, oft auch nicht.

Frage: Keine Teenies vor dem Haus?

Michi Beck: Früher, zu "Die da"-Zeiten, da gab’s das schon. Aber heute? Ich war ganz überrascht – wir waren gerade in Zürich, da haben uns acht Fans am Flughafen empfangen. Das gab’s schon lange nicht.

Frage: Was für ein Auto fahren Sie?

Michi Beck: Einen Lexus Jeep, auch noch Hybrid, also ein ökologisch vorbildliches Auto. Trotzdem ist es regelmäßig zerkratzt. Aber ich glaub’, das ist nicht, weil ich Michi Beck bin, sondern weil ich in Berlin wohne.

Frage: Sind Sie mit der Musik Millionäre geworden?

Smudo: Ja.

Frage: DM oder Euro?

Smudo: Euro. Es ist sehr abstrakt, das zu erzählen, ich muss selber grinsen, weil ich hab’ das nicht auf dem Konto, eine Eins mit sechs Nullen, das ist verteilt in Anlagepapiere, in Immobilien. Ich habe zwei Girokonten, mit denen ich mein privates Leben finanziere, da sind ein paar tausend Euro drauf – und wenn ich was brauche, rufe ich meinen Vermögensverwalter an und sage, er soll mir was überweisen.

Michi Beck: Wir sind nicht zigfache Euromillionäre, das ist vielleicht wichtig zu wissen. Also, wenn man jetzt jemanden entführen und von mir eine Million Lösegeld fordern würde, hätte ich erhebliche Schwierigkeiten, die in kurzer Zeit aufzutreiben. So kann man sich das vielleicht vorstellen.

Smudo und Michi Beck erzählen von ihren Groupies

Frage: Um die Klischees mal durchzugehen: Wie ist das mit den Groupies?

Smudo: Entweder wir machen die falsche Musik, oder das Ganze wird vollkommen überbewertet. Also, diese ganzen tollen Geschichten, dass Frauen sich unsere Namen auf ihre ausladenden Brüste tätowieren, habe ich nie erlebt. Es kommt durchaus, wenn auch sehr selten, zu offenen Angeboten – die sind dann aber genauso unromantisch, wie das klingt.

Frage: Drogen? Verwüstete Hotelzimmer?

Michi Beck: Geht so, alles in Maßen. Also, Hotelzimmer verwüstet höchstens insofern, als vielleicht mal Rotwein aus Versehen über den Teppich gelaufen ist. Alles andere nicht so ultra exzessiv.

Frage: Sie beide haben letztes Jahr geheiratet, bei Smudo ist das erste Kind unterwegs, Ihr Bandkollege Thomas D. hat eine vierjährige Tochter, And.Ypsilon ist schon das erste Mal geschieden – klingt alles sehr bürgerlich.

Michi Beck: Ich frage mich gerade: Ist man vielleicht wirklich mal zu alt für irgendwas? Klar hab’ ich mit 24 gedacht, dass ich mit Ende dreißig nicht mehr auf der Bühne stehe. Jetzt sehe ich das anders, natürlich. Es ist schon ein Thema, sich für sein Alter nicht peinlich zu benehmen. Turnschuhe zum Beispiel – für ganz fette Basketballstiefel bin ich jetzt zu alt, finde ich. Ich trage ja gerade auch Basketballschuhe, aber die sind etwas schmaler. Als Musiker ist es kein Problem, in Würde älter zu werden – als Popstar muss man das halt für sich ausloten.

Smudo: Mein Interesse für Popmusik hat zum Beispiel radikal nachgelassen, und das hat sicher mit dem Alter zu tun. Es ist für mich nicht mehr identitätsstiftend: Ich will nicht mehr der coole HipHopper sein – ich bin jemand, den finde ich ganz gut und den muss ich nicht erst erzeugen. Ich gehe überhaupt nicht mehr in Discotheken, ich finde auch Festivals langweilig, ich gehe ganz selten auf Konzerte, und wenn, dann stehe ich da wie ein A&R-Manager und denke, aha, was spielt die Band für Hits, was haben die für ein Publikum ...

Frage: Muss man aufpassen, dass das nicht in Gleichgültigkeit umschlägt?

Smudo: Wir sind schon ehrgeizig, wir wollen gute Qualität liefern, aber man kann auch ein gutes Konzert machen, ohne vorher vor lauter Aufregung zu kotzen. Früher hatte ich richtig schlimm Lampenfieber, das ist weggegangen mit den Jahren.

Frage: Was war der glamouröseste Moment in Ihrer Karriere?

Michi Beck: Es gab immer wieder Momente. Meistens haben die sich dabei nicht so glamourös angefühlt, aber im Nachhinein sind sie es. Als wir in New York auf der Musikmesse zusammen mit Oasis als European Newcomer nominiert waren. Als wir uns mit Take That und Robbie eine Garderobe geteilt und erste Abstürze miterlebt haben. Oder die fetten Auftritte in großen Hallen. Zweimal hintereinander Schleyerhalle, zweimal dreizehntausend Leute. Das ist schon großes Showbusiness irgendwie.

Frage: Wenn einem dreizehntausend Leute zujubeln, fühlt man sich dann erhaben?

Smudo: Klar ist das geil, das fühlt sich toll an. Aber erhaben? Nein, das ist ja unser Beruf. Das sind ja wir. Das ist unser Job.


Das neue Album der Fantastischen Vier, "Fornika", erscheint am 7. April bei Sony BMG; die Single "Ernten was wir säen" ist bereits erschienen.

SPIEGEL ONLINE hat diesen Text mit freundlicher Genehmigung der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" übernommen. Die von der "FAS" gepflegte alte Rechtschreibung haben wir beibehalten.

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